Wenn der Wähler nicht so wie der Journalist will

von Jennifer Nathalie Pyka25.01.2013Medien

Nach den Wahlen in Niedersachen und Israel stehen Journalisten vor der Herausforderung, ihrem Publikum zu erklären, warum das Wahlvolk nicht so gestimmt hat, wie es eigentlich von redaktioneller Seite vorgesehen war.

Es gibt bekanntlich viele Möglichkeiten, sich im Journalismus zu entfalten. Der eine findet sein Glück beim „Goldenen Blatt“, wo er Herzogin Camilla Brustkrebs andichten darf, der andere im ARD-Studio Washington, der Nächste auf den „Spuren der Drogenmafia“ im kolumbianischen Hinterland. Eine nicht zu vernachlässigende Anzahl an Schreiberlingen hingegen hat sich mittlerweile auf professionelles Kaffeesatzlesen spezialisiert. Viele von ihnen findet man im Politik-Ressort, wo sie immer dann zu Hochform auflaufen, sobald Wahlen ins Haus stehen, deren Ausgang sie Kraft des Wortes schon im Vorfeld bestimmen.

Das Verbrechen der FDP

Dahingehend war gerade in letzter Zeit viel zu tun. Angefangen in Niedersachen, wobei Angehörige der Medienbranche natürlich schon länger wussten, dass es knapp werden dürfte, die Liberalen jedoch tendenziell keine allzu wichtige Rolle spielen würden. Logisch, denn die Umfragen schienen eindeutig, und wenn Infratest etwas sagt, dann ist es so. Aber ein bisschen Nachhilfe könne ja nicht schaden, dachte man, und beförderte die Partei schon mal vorsorglich in den Orkus. Und zwar über Monate hinweg. Der Reiz des FDP-Bashings liegt offenbar darin, dass es nie langweilig wird und genauso wenig aus der Mode kommt.

Umso schmerzlicher muss es gewesen sein, als die FDP vorigen Sonntag das Verbrechen beging, ein Ergebnis von knapp zehn Prozent einzufahren. Ein Skandal, der die Frage aufwarf: Darf die das überhaupt? Nein, natürlich darf sie es nicht. Allein schon aus Rücksicht auf unzählige Journalisten, die ihrem Publikum nun erklären mussten, wieso sich die liebevoll ins Grab geschriebene Partei plötzlich so un-tot benahm. Darum erfand man in Windeseile die unsittliche „Leihstimme“. Denn bekanntlich hat noch nie zuvor ein Grüner seine Erststimme der SPD „geliehen“ oder ein Bundesbürger generell von den Möglichkeiten des Wahlrechts vollen Gebrauch gemacht. Mit Ausnahme der FDP-Wähler natürlich, die bedauerlicherweise nicht in Absprache mit deutschen Redaktionsstuben stimmten.

Als noch unberechenbarer erwiesen sich kurz darauf allerdings die Israelis, die sich ebenfalls erdreisteten, deutsche Prognosen zu ignorieren. Wahrlich: Was will man nicht alles über israelische Wahlgewohnheiten gewusst haben! Etwa, dass sich Benjamin Netanjahu nur aus wahlkampftaktischen Gründen gegen Raketenhagel aus Gaza gewehrt habe und das ganze Land ihm an der Wahlurne zu Füßen liegen würde. Vom flächendeckenden „Rechtsruck“, der Israel ergreife, ganz zu schweigen. Die „Frankfurter Rundschau“-eigene Kristallkugel besagte sogar, das Land würde „gefährlich wählen“.

Gefährliche Israelis

Dumm nur, dass die Israelis letztlich so wählten, dass es für eine Identitätskrise des durchschnittlichen Nahost-Experten durchaus reichte. Nicht gefährlich, nicht derart rechtslastig, sondern so bunt, wie es sich für eine Demokratie gehört. Und während nun in Jerusalem die kommende Regierungskoalition eruiert wird, stehen hiesige Medienvertreter vor der großen Herausforderung, all das so zu verpacken, dass es immer noch gut zu den vorangegangen Weissagungen passt. Ob ein Netanjahu allein für einen großzügigen Rechtsruck genügt, oder sich gar in der Vita des Zweitplatzierten, Yair Lapid, noch Spuren von Rechtslastigkeit ausmachen lassen, wird sich zeigen.

Sich im Vorfeld ein Wahlergebnis zusammenzureimen, das der eigenen Agenda entspricht, ist natürlich keine Kunst. Es zu unterlassen, hingegen schon – insbesondere, wenn Problemgruppen wie Israelis oder Liberale im Spiel sind. Umso gespannter darf man nun etwa auf die Bulgaren, Zyprioten und Monegassen blicken, die sich in Bälde der Wahlurne nähern werden. Denn letztlich wäre es doch nur fair, wenn auch sie mit derart fundierten Vorhersagen bedacht würden. Zumindest jedoch unterhaltsam.

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