Wo immer Du auch bist

von Jennifer Nathalie Pyka14.12.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Warum immer nur über digitalen Hass und das Shitstorm-Phänomen diskutieren? Digitale Vergötterung kann mindestens genauso gruselig sein.

Der Mensch an sich scheint zuweilen doch ein recht harmoniebedürftiges Wesen zu sein. So zumindest ließe sich erklären, weshalb ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil der Netzgemeinde seit Jahren um das Phänomen „Shitstorm“ kreist. So viel soziale Kälte, so viel geballter Hass, was tut man bloß dagegen? “Von „digitaler Herzensbildung“ sprach etwa erst neulich Sascha Lobo(Link)”:http://www.spiegel.de/netzwelt/web/kolumne-von-sascha-lobo-ueber-hass-in-der-digitalen-gesellschaft-a-870799.html, während andernorts Ratgeber mit dem Titel „So überleben Sie den Shitstorm!“ verfasst werden. Ganz so, als handelte es sich hier um eine Naturkatastrophe oder eine nahezu unheilbare Krankheit.

Dabei ließe sich diese Debatte auch verkürzen. Beispielsweise indem man akzeptiert, dass es eben Menschen gibt, die nun mal mit Vorliebe hassen. Die gerne mit dem Mistkübel bewaffnet in Foren, Kommentarspalten und soziale Netzwerken randalieren, genauso wie andere in ihrer Freizeit Billard spielen oder Briefmarken sammeln. Das Netz züchtet diese Wesen nicht heran, sondern bietet ihnen vielmehr eine schier grenzenlose Spielwiese, auf der sie ohnehin bestehende Neurosen leichter und, je nach Geschmack, sogar anonym ausleben können. Musste man früher noch Briefe schreiben, wenn man mit dem Leitartikel in der „FAZ“ oder der Frisur von Florian Silbereisen nicht einverstanden war, so genügen heute ein Smartphone und 140 Zeichen, um den gleichen Grad an Befriedigung zu erlangen.

Mit umgekehrtem Vorzeichen

Nun soll es an dieser Stelle allerdings nicht um digitale Hasstiraden, sondern um deren Gegenteil gehen. Denn nicht weniger gruselig mutet es an, wenn einem statt der üblichen Hasswelle geballte Zuneigung entgegenschlägt. Zuneigung, die online freilich eine ganz andere Gestalt als offline annimmt. Die klassische Fanpost oder der nette Leserbrief, den Personen des öffentlichen Lebens bzw. Journalisten einst in Empfang nahmen, lassen sich heute durch ganz andere Maßnahmen ersetzen.

Groupies und Fans können dem Objekt der Begierde etwa auf Twitter oder Facebook folgen und gleichzeitig dessen Postfach mit herzzerreißenden Mails in zwanzigfacher Ausfertigung bombardieren. Kurz: Sie können nerven. Sie sind aber auch in der Lage, sich in einen regelrechten Wahn hineinzusteigern. Erst recht dann, wenn die „Liebe“ nicht erwidert wird – was bisweilen schon dann der Fall sein kann, sobald eine E-Mail nicht umgehend beantwortet wird.

Wenn der Fan Amok läuft

So kommt es gelegentlich vor, dass der ein oder andere Fan es mit seinem Liebling etwas zu gut meint. Er beobachtet in feinster Sherlock-Holmes-Manier jeden Schritt, den sein Liebling im Netz tut, um diesen mit einem „Like“ oder einem Kommentar zu versehen. Er bastelt aus Profilbildern blumige Fotomontagen, die er freizügig im Netz verteilt. Er erstellt Fan-Seiten und fabriziert schwülstige Superlativ-Hymnen, betätigt sich voller Eifer und freilich ungefragt als PR-Manager seines Zielobjekts. Private Details wie auch kleinste Kleinigkeiten saugt er auf wie ein Schwamm, um so die räumliche Distanz zu verringern. Denn wenn er eines besonders will, dann ist es Nähe, und vielleicht auch ein bisschen Kontrolle. Daher ist die Impressumspflicht ein Geschenk für Spinner aller Art, die schon immer mal die Stimme ihres Lieblings hören wollten oder gar einen spontanen, natürlich gut gemeinten, Besuch planen.

Das Netz erleichtert es, trotz räumlicher Distanz, fremden Menschen bis zur Unerträglichkeit auf die Pelle zu rücken. Und während man den einen oder anderen Shitstorm aussitzen kann, bleibt der digitale Fan meist zäh wie Leder. Den frustrierten Foristen, der regelmäßig mit Hasstiraden protzt, kann man erstens klar einordnen und zweitens ignorieren. Aber was macht man, vor allem als Person des öffentlichen Lebens, als Nachwuchspolitiker oder C-Promi, mit sogenannten „Fans“, die es nur gut meinen und die man eigentlich nicht verprellen möchte? Vielleicht sollte man auch darüber diskutieren – also über den Shitstorm, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Aus Rücksicht auf moslemische Kinder: Kein #Schweinefleisch und Gummibärchen

Zwei Leipziger Kitas haben aus Rücksicht auf moslemische Kinder #Schweinefleisch und Gummibärchen vom Speiseplan gestrichen. Einmal mehr überdrehen die Vertreter linker Political Correctness!

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu