140 Zeichen politischer Selbstmord

Jennifer Nathalie Pyka23.11.2012Innenpolitik, Medien

Dass soziale Netzwerke nicht nur zum Aufstieg, sondern auch zum Abstieg geeignet sind, merkt man derzeit insbesondere am Beispiel der Piraten. Twitter sei Dank erfahren wir, was sonst im Dunklen geblieben wäre.

Wer glaubte, die Piratenpartei hätte ihr Reservoir an Schaumschlägern mittlerweile ausgeschöpft, wurde vorige Woche erneut eines Besseren belehrt. Auf den Gesellschaftskünstler Johannes Ponader, “„Twitter-Luder“ Rydlewski”:http://www.bild.de/politik/inland/piratenpartei/sprengt-diese-sex-piratin-die-landtagsfraktion-27173112.bild.html und Julia Schramm, die wohl jedes, “nur nicht ihr eigenes”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/12293-das-buch-von-julia-schramm geistiges Eigentum „ekelhaft“ findet, folgte nun mit Dietmar Schulz nicht der erste Pirat, der seine Kompetenz in jüdischen Angelegenheiten mit Bravour unter Beweis stellte.

twitterte Schulz, übrigens Mitglied des NRW-Landtags, und “orakelte anschließend über eine regelrechte Kampagne gegen die Partei”:http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article111334113/NRW-Pirat-sieht-sich-als-Opfer-im-Twitter-Skandal.html.

„Ich twittere, also bin ich“

Nun, da die Piraten ihre Selbstdemontage immer erfolgreicher bewältigen, ist es Zeit für ein Lob der sozialen Netzwerke. Denn dass die Piraten vergleichsweise mehr „Gates“ als andere Parteien hervorbringen, mag vielleicht gar nicht so sehr an einer höheren Dilettantendichte, dafür aber am exorbitanten Mitteilungsdrang einiger Dilettanten, der sich vorzugsweise auf Twitter Bahn bricht, liegen.

Natürlich: Das Credo „Ich twittere, also bin ich“ ist keineswegs eine Erscheinung, die exklusiv unter Piraten vorkommt. In Zeiten, in denen es nur weniger Minuten bedarf, um sich auf Twitter oder Facebook ein Sprachrohr zusammenzubauen, kann jeder, von der Drogistin über den Versicherungskaufmann bis hin zum Rechtsanwalt, mühelos und bequem seine „15 minutes of fame“ abstauben. Endlich ist man öffentlich existent, quasi „on air“. Dass diese Bühne jedem zugänglich ist, ändert freilich nichts an der plötzlich einsetzenden Illusion der eigenen Wichtigkeit. Denn schließlich gibt es nun ein Publikum, das zu erreichen früher noch wesentlich mehr Anstrengung voraussetzte (etwa das Haus zu verlassen und ähnliche Strapazen).

Der Trend geht zum _second life_ in der virtuellen Welt – egal, ob man tatsächlich etwas zu sagen hat, oder nur felsenfest davon überzeugt ist. Und nun, da man schon mal auf der Bühne thront, muss auch gehandelt werden. Ständig, permanent und ohne Unterbrechung. Masse statt Klasse, so die Devise, die sich im virtuellen Wettbewerb der Eitelkeiten auszahlt. Dass Tweets über die Vorkommnisse der letzten Nacht weder relevant noch rühmlich sind, fällt dem einen oder anderen Selbstdarsteller vor lauter Eifer gar nicht mehr auf. Die virtuelle Entblößung erfolgt nicht nur freiwillig, sondern auch mit Begeisterung.

Virtueller Striptease zugunsten der Aufklärung

Insofern sind an dieser Stelle vor allem die sozialen Netzwerke zu loben, die zwar einerseits als Verstärker narzisstischer Befindlichkeiten, andererseits aber auch als deren Kanal fungieren. Wie sonst hätten wir beispielsweise von Holocaustrelativierern, digitalen Exhibitionisten und all den anderen Einfaltspinseln, die die Piratenpartei so hervorbringt, erfahren? Von Selbstdarstellern, die der Ansicht sind, jedes noch so intime Detail wäre von enormer Bedeutung für die Nachwelt? Eben. Und so bleibt zu hoffen, dass noch viele weitere Knallchargen, ganz gleich ob aus Politik, Wirtschaft oder Kultur, ihren Weg in soziale Netzwerke finden werden. Zu Aufklärungszwecken, versteht sich.

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