„If I can do it, anyone can do it!“

von Jennifer Nathalie Pyka2.11.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Der American Dream soll ein Mythos sein? Aber nein. Er lebt, wenn auch in kleineren Dimensionen, Tür an Tür mit dem Glauben an das Individuum und seine Fähigkeiten.

„Are you kidding me? Never ever in my life“, entfährt es ihm, während er sorgsam den Milchschaum auf den heißen Kaffee drapiert und so zum Cappuccino befördert. Sehnsucht habe er schon lange nicht mehr, bekräftigt er nochmals, hier sei er absolut glücklich – als Antwort auf die Frage, ob er denn die USA irgendwann wieder gegen sein Heimatland eintauschen wolle. Höchstens seine Familie, ja, die vermisst er manchmal ein wenig. „But I’m American now, you know“, fügt er lächelnd hinzu. Und darauf ist der Mann, der vor über zehn Jahren aus seiner türkischen Heimat Antalya ohne Geld, dafür aber mit Greencard, nach San Francisco kam und nun im eigenen Café seine Gäste mit Sandwiches versorgt, mächtig stolz.

Klein, aber fein

Klar, manchmal ist es durchaus hart, gesteht der Mittdreißiger, der vor zwei Jahren das „M-Café“ in der Mission Street, zwischen siebter und achter Straße, eröffnete. Bei seinen Gästen stellt er sich schlicht als „M“ oder „Mister M“ vor. Während der ein oder andere unter ihnen noch im Halbschlaf an seinem Kaffee nippt – es ist neun Uhr morgens, ein ganz normaler Werktag –, ist „M“ schon seit rund fünf Stunden auf den Beinen. Jeden Morgen, manch einer würde von tiefster Nacht sprechen, fährt er zum Großmarkt; besorgt Bagels, Gemüse, Milch, Obst, Käse, Pastrami, Schinken und vieles mehr, woraus er später eigenhändig Panini, Club-Sandwiches und Salate zaubert. Frisch soll es sein, das ist ihm wichtig, sogar Hummus bereitet er selbst zu. Und die Gäste, deren Gesichter „M“ sich merkt, um sie beim zweiten, dritten, vierten Besuch persönlich begrüßen zu können, würdigen es.

„M“ ist das, was man „One Man Show“ nennen könnte. Einkauf, Küche, Service, Buchhaltung – er macht alles selbst, sieben Tage die Woche, teils mehr als 16 Stunden pro Tag. Personal kann er sich noch nicht leisten. „Noch“, denn das Geschäft läuft. Als Einwanderer kam er vor einem Jahrzehnt in die USA, schlug sich mit bis zu drei Kellner-Jobs durch, lebte bescheiden am Rande und eineinhalb Stunden von Downtown San Francisco entfernt, legte jeden Cent beiseite, um sich 2010 schließlich den Traum vom eigenen Café erfüllen zu können.

Zugleich ist es auch der amerikanische Traum, den das deutsche Feuilleton schon seit einiger Zeit mit aller Macht “ins Abseits schreibt”:http://www.zeit.de/2012/43/Amerikanischer-Traum-Reportage-USA. Sicher, „M“ ist einer von vielen, die auf Tellerwäscher-Niveau begannen und heute, aller Arbeit zum Trotz, weit davon entfernt sind, Millionär zu sein. Und ja, Ehrgeiz und Leistung allein bilden, besonders in Zeiten der Krise, nicht das Ticket für Porsche, Kaviar und Ferienhaus in den Hamptons. Ein bisschen Glück gehört schon auch dazu. Aber der Aufstieg, sei es auch nur im Kleinen, ist möglich. Nach wie vor.

„Hauptsache, der Staat lässt mich in Ruhe mein Ding machen“

Daran glauben auch die Amerikaner, zumindest viele von ihnen. Dass der „american dream“ nicht im Totenreich weilt, merkt man an den unterschiedlichsten Orten – zum Beispiel in Buchhandlungen. Wo sich in Deutschland Richard David Precht an Schmähschriften über den Kapitalismus und „Lob der Entschleunigung“-Wälzer reiht, stapeln sich in den USA „How to be successful“-Bibeln in allen Formen und Farben. In diesem Land glaubt man nicht primär an Hilfe von außen oder gar an Vater Staat, sondern an sich selbst, an das Individuum, an persönliche Entfaltung. An Erfolg, der aber Leistung und Wille voraussetzt. Oder, wie „Forbes“-Kolumnistin und Bestseller-Autorin Maseena Ziegler über ihre eigene Karriere schreibt: “„Moreover, if I can do it, anyone can do it. I’ll say it again because that’s probably the one thing I’d want you to take away from this piece. (…) So, what are you waiting for?“”:http://www.forbes.com/sites/crossingborders/2012/06/14/how-i-went-from-living-in-my-pjs-to-writing-a-best-seller/4/

Zwischenzeitlich ist es auch im M-Café spät geworden. Während das „closed“-Schild schon längst nach außen zeigt, arbeitet „M“ immer noch. Die Theke will gewischt, die Stühle auf die Tische gestemmt werden. Wer seiner Meinung nach am sechsten November der neue Präsident sein wird? „Keine Ahnung“, sagt er, und zuckt mit den Schultern. „Hauptsache, der Staat lässt mich in Ruhe mein Ding machen.“

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