Immer feste druff

von Jennifer Nathalie Pyka10.08.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Mitt Romney verspricht sich und ein Land reibt sich schadenfroh die Hände. Warum deutsche US-Berichterstattung nichts über Amerika und viel über Deutschland aussagt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es wieder mal vermasselt. Während einer Rede im Bundestag leistete sie sich vorige Woche erneut einen Patzer. Beileibe nicht der erste in ihrer Amtszeit. Um den Euro ging es, die Schuldenkrise sowie stabilitätsfördernde Maßnahmen. Doch dann sprach sie plötzlich vom „D-Mark-Rettungsschirm“ – und stapfte damit geradewegs in ein Fettnäpfchen. Nur ein peinlicher Versprecher, oder doch ein beunruhigendes Signal? Vielleicht kann Frau Merkel ja gar nicht zwischen Euro und D-Mark unterscheiden, orakelt es nun in der „Washington Post“, während die „New York Times“ der Kanzlerin die Fähigkeit zum Regieren schon völlig abspricht, die „Daily News“ den nötigen Ernst nicht mehr erkennen kann und das „Wall Street Journal“ schadenfroh eine Liste von Angies dümmsten Ausrutschern erstellt.

Fettnäpfchen, wo der Deutsche sie gerne hätte

Wie, davon haben Sie gar nichts mitbekommen? Kein Wunder, denn diesen Vorfall gab es nie. Was sich hingegen wirklich ereignete, war das gleiche in Grün und darauf folgende kollektive Schadenfreude anlässlich eines Versprechers von Mitt Romney. Der nämlich “„wollte Mitgefühl ausdrücken, doch er leistete sich einen Patzer. Der US-Präsidentschaftskandidat verurteilte den Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Wisconsin – nannte die Opfer aber mehrfach „Scheichs“ statt „Sikhs“.”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/scheich-statt-sikh-mitt-romney-brueskiert-sikh-mit-versprecher-a-849028.html Tja, schon blöd, dieser Ami – denkt es in deutschen Redaktionsstuben, wo man sich ohnehin schon darauf spezialisiert hat, Romney’sche Fettnäpfchen dort aufzustellen, wo gar keine sind. Denn Mr. Romney ist nicht nur Amerikaner, sondern auch noch Republikaner und Multimillionär dazu, weshalb er alles mitbringt, um den deutschen Blutdruck in bedenkliche Höhen schnellen zu lassen. Insofern bietet es sich nicht nur an, aus einem Versprecher eine Nachricht zu machen, sondern jeden Aussetzer genauso genüsslich auszuschlachten, wie es ein Kannibale mit seinem Opfer tun würde. Belege dafür finden wir nicht nur “in der Fotostrecke der „Süddeutschen Zeitung“”:http://www.sueddeutsche.de/politik/patzer-im-us-wahlkampf-romney-verwechselt-sikh-und-sheikh-1.1423825, sondern u.a. auch in der “„Frankfurter Rundschau“”:http://www.fr-online.de/weblog–countdown-fuer-obama/wahlkampf-romneys-versprecher,11777598,16839282.html und auf “„Spiegel Online“”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/scheich-statt-sikh-mitt-romney-brueskiert-sikh-mit-versprecher-a-849028.html. Nun ist das hiesige Ami-Bashing eine Art Volkssport, der freilich genauso alt wie beliebt ist. Der aufgeblasene Romney-Hype offenbart allerdings noch dazu die typisch deutsche Kleingeistigkeit – verbunden mit dem dringenden Bedürfnis, dem gemeinen Amerikaner bei jeder sich bietenden Gelegenheit ans Bein zu pinkeln. Frei nach dem Motto: Die da drüben haben McDonald’s, wir aber haben Goethe. Kultur sticht Materialismus und Macht. Dass jedoch selbst Goethe das Land der Dichter und Denker nicht davor bewahren konnte, zwei Weltkriege vom Zaun zu brechen und dadurch Millionen Menschen um ihr Leben zu bringen, stört den Deutschen ein wenig. Noch mehr wurmt ihn, dass ausgerechnet die USA ihn davon abhalten mussten, was wiederum tiefe Komplexe hinterließ.

Lehrer Lämpel lässt grüßen

Seitdem lässt sich obsessiver Kompensationsdrang beobachten. Indem man zwanghaft das kleinste Härchen aus der US-Suppe fischt und “wie Lehrer Lämpel”:http://www.sueddeutsche.de/kultur/bildergalerie-max-und-moritz-die-ersten-hippies-1.269685 wild mit dem Zeigefinger wedelt, kann man sich gleichzeitig so wunderbar überlegen fühlen. Dazu reicht bereits ein simpler Versprecher. Seht her, „wir Deutschen“ waren zwar keine Sängerknaben, aber Bildung und Kultur, die haben wir wenigstens! Der Deutsche benimmt sich wie ein arbeitsloser Germanist, der insgeheim nicht damit klar kommt, dass Daniela Katzenberger mehr Erfolg als er hat und deshalb vom Sofa aus jeden Syntax-Fehler der Blondine abschätzig kommentiert. Insofern möge man sich doch mal vorstellen, was wohl geschähe, wenn das eingangs genannte Szenario tatsächlich einträte. Wie groß wäre die deutsche Empörung, wenn amerikanische Journalisten über einen Versprecher der Kanzlerin lästern würden? Aber nein, lassen wir das. Denn das Grundrecht auf Kleingeistigkeit gilt schließlich nur für Dichter und Denker.

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