Siedlerphobie in Jena

von Jennifer Nathalie Pyka8.06.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Schön, wenn ein Politiker den Nahen Osten befrieden will. Dumm nur, wenn er dazu ausgerechnet den Boykott israelischer Siedlungsprodukte fĂŒr das richtige Mittel hĂ€lt.

SpĂ€testens seit voriger Woche weiß man hierzulande (wieder), wie heikel GeschĂ€fte mit Juden zuweilen doch sein können. Da “verkauft man ihnen ein paar U-Boote”:http://theeuropean.de/martin-eiermann/11302-deutsche-u-boote-fuer-israel, und siehe da, schon hat dieses Völkchen darauf ein paar nukleare Sprengköpfe installiert. Seitdem tönt es aus der bundesdeutschen Pazifisten-Riege, die offenbar noch nie von Dingen wie “„ZweitschlagskapazitĂ€t“”:http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-06/israel-u-boot gehört hat: „Nie wieder“ U-Boot-Deals mit Israel!

Kauft nichts vom Juden(staat)!

Das gilt natĂŒrlich auch umgekehrt. Wer den Nahen Osten befrieden will, sollte dem Judenstaat nicht nur nichts verkaufen, sondern auch selbst nichts erwerben, was von israelischer Hand produziert wurde. Zumindest, wenn es nach „Pax Christi“ – einer mit friedensbewegten Katholiken besetzten Organisation – geht, die nun mit der Aktion “„Besatzung schmeckt bitter“”:http://www.paxchristi.de/news/kurzmeldungen/one.news.km/index.html?entry=page.news.km.854 zur Lösung des Nahostkonflikts beitragen will. Und das soll so funktionieren: bq. „Die pax christi-Nahostkommission startet heute eine bundesweite Aktion fĂŒr die Kennzeichnung von Waren aus den völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen auf besetztem palĂ€stinensischen Gebiet. Mit farbig bedruckten PapiertĂŒten macht sie Verbraucher/innen darauf aufmerksam, dass Obst und GemĂŒse mit der Ursprungsangabe ,Israel‘ vielfach aus völkerrechtswidrigen Siedlungen stammen, und fordert sie dazu auf, sich fĂŒr eine eindeutige Kennzeichnungspflicht einzusetzen.“ DarĂŒber hinaus möge der israelkritische Supermarkt-Besucher doch bitte „bis zur Umsetzung der Kennzeichnungspflicht auf Produkte mit der unklaren Ursprungsangabe ,Israel‘ verzichten, weil es sich dabei um Siedlungsprodukte handeln könnte“. Na prima, was fĂŒr eine großartige und von NĂ€chstenliebe beseelte Idee! Dachte wohl auch der Jenaer OberbĂŒrger Dr. Albrecht Schröter (SPD), der das katholische Unterfangen eifrig unterstĂŒtzt und damit seinen kommunalpolitischen Alltag mit einem Touch „International Relations“ aufpeppt. Dass hingegen keineswegs die „Besatzung“, sondern einzig die Aktion „bitter“ ist, scheint ihm dabei nicht wirklich aufgefallen zu sein. So mag man ĂŒber Siedlungen streiten, dem Frieden stehen sie jedoch keineswegs im Weg – was man recht gut nach der RĂ€umung des Gaza-Streifens beobachten konnte, fĂŒr den sich die Hamas mit Qassam-Raketen auf Israel bedankte. Zumal der Boykott von Siedlungs-Produkten vielmehr denjenigen schadet, denen doch eigentlich die Gunst der pazifistisch motivierten Aktionisten gilt: nĂ€mlich den PalĂ€stinensern, also auch solchen, deren Einkommen durch Arbeitgeber in Gestalt jĂŒdischer Siedler garantiert wird.

Aber sonst hat er keine Probleme

Aber das bewegt den OberbĂŒrgermeister wohl eher weniger, zumal er das gesamte Unterfangen ja auch “nicht fĂŒr einen „pauschalen Boykott israelischer Waren“ hĂ€lt”:http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Jenaer-OB-Schroeter-sieht-sich-als-Antisemit-verunglimpft-880555804. Was natĂŒrlich ziemlicher Mumpitz ist. Denn wer dafĂŒr plĂ€diert, bei „unklarer Ursprungsangabe ‚Israel‘“ nicht zuzugreifen, der unterscheidet sich nur marginal von den großen und kleinen „Israelkritikern“, die sich der “klar antiisraelischen BDS-Bewegung”:http://jcpa.org/article/manipulation-and-deception-the-anti-israel-bds-campaign-boycott-divestment-and-sanctions/ verschreiben und einen pauschalen Boykott israelischer Produkte fordern. Ob die friedensbewegte Hausfrau die israelische Avocado dann aus Prinzip oder aus Unsicherheit (schließlich könnte ja der böse Siedler dahinterstecken!) nicht kauft, bleibt im Ergebnis gleich. Und wie genau managt eigentlich Schröter selbst seinen Einkauf? VerfĂŒgt er ĂŒber eine Standleitung ins BĂŒro der israelischen Landwirtschaftsministerin, die er immer dann anfunkt, wenn er gerade kritisch bis ratlos in der Obstabteilung bei Tengelmann steht? Andererseits ist es natĂŒrlich schön zu sehen, dass der OberbĂŒrgermeister sonst – abgesehen von den “Neo-Nazis vor seiner HaustĂŒr”:https://twitter.com/boro_bln/status/210989341785337856 – anscheinend keine Sorgen hat. Noch schöner wĂ€re es allerdings, wenn er sich auch mal mit einem Boykott syrischer, sudanesischer, russischer oder iranischer Waren beschĂ€ftigen wĂŒrde. Aber vielleicht sind ihm die dortigen Menschenrechtsverletzungen im Vergleich zur israelischen Siedlungspolitik nicht bitter genug? Nun, ist eben alles Geschmackssache.

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