Piratige Paranoia

von Jennifer Nathalie Pyka26.05.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Während sich Parteichef Bernd Schlömer mit Henry Kissinger traf, spülte ein Strudel der Empörung insbesondere Verschwörungstheorien und professionelle Paranoia an die Oberfläche.

Bis vor Kurzem war die heile Welt der Piraten noch in Ordnung. Der eine saß bei Lanz, der andere kümmerte sich um den Holocaust, der nächste philosophierte über die „Tittenquote“, zwischendurch ein bisschen Urheberrecht, und am Ende des Tages “„enterte“ man noch ein paar Landesparlamente”:http://www.theeuropean.de/andreas-blaette/11057-die-piratenpartei-nach-nrw. Doch nun droht nichts Geringeres als die ultimative Identitätskrise. Der Anlass: Piratenpartei-Chef Bernd Schlömer “hatte vorigen Donnerstag ein Date”:http://www.heise.de/tp/blogs/8/152051. Mit Polit-Schwergewicht Henry Kissinger. Und noch dazu im Axel-Springer-Journalistenclub, der ganz offenbar nicht nur Alt-68ern im Rentenalter als Vorhof zur Hölle gilt. Ein Vorhaben also, das freilich kein vorbildlicher Pirat mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Denn schließlich hätte sich hier ein “„Nazi-Jude mit internationalem Haftbefehl“”:https://twitter.com/failint/status/205407801516883968 angekündigt. Ein „Antidemokrat“, ein „Kriegsverbrecher“ und daher ein Mann, dem man nicht mal die Hand reichen dürfe, weil sonst die eigene Hand „verfaulen“ oder zur “„demokratentötenden Zombiehand“”:https://twitter.com/PrinceMyshkin/status/205709448247906304 werden würde, wie aufgeregte Piraten auf Twitter warnten. Nein, mit so einem Ganoven wollen sich die Sauberpiraten, die natürlich “kein Antisemitismusproblem haben”:http://www.tagesspiegel.de/meinung/antisemitismus-in-der-piratenpartei-kevin-barth-findet-den-juden-an-sich-unsympathisch/6186544.html, nicht abgeben! Bernd Schlömer möge bitte absagen, tönte es aus dem Shitstorm der Empörung, der kurz darauf noch mit ein paar Drohungen gegen den Piratenchef angereichert wurde.

Bilderberger, Gehirnwäsche und Hochfinanz

Doch größer als die Angst vor drohenden Zombiehänden gestaltete sich allerdings die Sorge um mangelnde Transparenz. Würde es einen Livestream während des Treffens geben? Denn schließlich sei Kissinger ja nicht nur profilierter Massenmörder, sondern noch dazu Bilderberger – was piratiger Logik zufolge das größere Unheil darstellt. Zumindest, wenn man den alarmierten Äußerungen im Piratenforum folgt, wo es sogar noch erheiternder als auf Twitter zugeht: bq. „Kissinger ist ein Krigsverbrecher und einer der Ober Bilderberger. Die Piraten sollten sich von Mächten, die an der heutigen Misere Schuld sind, fernhalten.“ bq. „Kissinger repräsentiert das Establishment, welches wir überwinden müssen, oder dem gegenüber zumindest wir unsere Unabhängigkeit wahren müssen.“ bq. „Die Machenschaften der Bilderberger gehören öffentlich und transparent gemacht. (…) Die Hochfinanz, um “Vorschläge” der Sorte zu unterbreiten “die man nicht ablehnen kann”, die Politiker, Staatchefs usw. um ihre Befehle entgegen zu nehmen, und die globalen Eigentümer der Medien, Presse und TV, um die Bevölkerungen entsprechend zu manipulieren.“ bq. „Wer nicht weiß wer Kissinger wirklich ist oder wofür er steht der soll bitte offen zugeben, dass er ein Opfer der Gehirnwäsche ist (…) Bitte erteilt dem Kissinger eine Absage und positioniert euch damit auf die Seite der Menschen die euch gewählt haben!!“ bq. „Eine Leugnung oder Relativierung der kriegerischen Exzesse ist mit dem Grundsatzprogramm der PIRATEN unvereinbar!!!“ bq. „Umgekehrt wird ein Schuh draus: die Tatsache, dass sich ein amerikanischer offiziell Ex-Politiker im Ruhestand mit dem Vorsitzenden einer jungen Partei treffen möchte (und vice versa) belegt, dass mindestens besagter Kissinger weiterhin “netzwerkelt” – wollte er sich wie angegeben über die Politik der Piraten informieren könnte er wikipedia lesen oder die HP der Piraten. Nein, es kann nur um persönlichen Kontakt und damit um eine Prüfung der “Eignung” und Einflussnahme gehen.“ bq. „..und wenn er Kissinger einfach erschiesst, so böse wie die “Mächte” sind die der vertritt am besten mit einer silbernen Kugel?“

Wenn Verschwörungspraktiker Politik machen wollen

Ja, einzig und allein darum geht es, ganz bestimmt. Der hinterlistige Kissinger plant im Hinterzimmer die Machtübernahme und Infiltrierung einer deutschen Nerd-Partei, um mit deren Hilfe Kriege zu führen, Geld zu scheffeln, oder nein, zu wuchern!, und unschuldige Menschen zu töten oder wahlweise zu manipulieren. Oberpirat Schlömer dient dabei als Maulwurf und besitzt sicher schon eine Einladung zur nächsten Bilderberger-Konferenz. Doch wie beruhigend, dass diese raffinierten Piraten, geradezu Propheten der Weisheit, schon jetzt das Kalkül der Herrschenden, zu denen ja auch der knapp 90-Jährige aus Fürth zählt, kennen und entsprechend agieren können! Zumindest, sofern sie bei all der Paranoia noch dazu fähig sein sollten. Gewiss, über Henry Kissinger kann man diskutieren. Mit Vollblut-Verschwörungspraktikern hingegen nicht. Pirat Bernd Schlömer hätte sich auch mit Michel Friedman (Jude!), Bill Clinton (Ami!) oder Josef Ackermann (Kapitalist!) treffen können – die Reaktionen wären nicht anders ausgefallen. In verschwörungstheoretischen Biotopen, wo statt Vernunft Antisemitismus und Antiliberalismus Einzug halten und Stalinisten, Esoteriker sowie Neo-Nazis ihre Runden drehen, findet sich schließlich für jeden Vertreter des Westens eine Schweinerei, die man ihm andichten kann. Dort kann und darf man gerne mitspielen. Die Frage ist nur, was die betreffenden Gestalten eigentlich in der Politik zu suchen haben.

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