Hauptsache „nicht hilfreich“

von Jennifer Nathalie Pyka3.03.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Eine neue Studie verleiht der Integrationsdebatte neuen Aufwind. Im Grunde allerdings bleibt es beim folgenlosen Austausch bekannter Positionen, wobei die Politik solange differenziert, relativiert und schweigt, bis das Ergebnis der Studie wieder ins eigene Weltbild passt.

Schon lange hat man nichts mehr von den zahlreichen Teilnehmern der bundesweit geführten Integrationsdebatte gehört. Kein Gipfel, “kein neues Krawall-Buch von Sarrazin”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/4194-der-fall-sarrazin und auch kein Preis für Künstler, die sich daneben genug benehmen, um als perfekt integriert zu gelten. Doch nun treibt der Integrationsdiskurs endlich wieder neue Blüten, und zwar in Form einer “Studie”:http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2012/02/junge_muslime.html, die das Bundesinnenministerium vorige Woche vorstellte. Sie trägt den Titel „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“, was einigermaßen romantisch verklärt klingt, und hat einen Umfang von 746 Seiten, weshalb sie freilich niemand bis zum Ende durchliest. Macht aber nix. Denn die wunderbar schräge Integrationsdebatte zeichnet sich hierzulande vor allem dadurch aus, dass die immer gleichen Erkenntnisse seit Jahren zuverlässig mittels kollektiver Empörung ignoriert werden.

Selbstverständliches wird zur „guten Nachricht“

So auch im Falle des neuen Pamphlets, wonach sich junge Muslime überwiegend vom Terrorismus distanzieren und eine große Mehrheit Integration „mehr oder weniger“ befürwortet. Das ist übrigens die „gute Nachricht“, die zwar erfreulich, grundsätzlich allerdings nichts weiter als eine Selbstverständlichkeit ist. Was genau die Floskel „mehr oder weniger“ bedeutet, ist leider nicht bekannt. Vielleicht, dass man zwar brav an der roten Ampel hält, dafür aber gelegentlich die Schule schwänzt? Nun, geschenkt. Die „schlechte Nachricht“ hingegen liest sich da schon ganz anders. Demzufolge gehören 24 Prozent der nichtdeutschen (also jeder Vierte) sowie 15 Prozent der deutschen Muslime einer stark religiösen und antiwestlichen „Subgruppe“ an, die integrationsunwillig und „tendenziell gewaltbereitet“ ist. Ursächlich dafür sind vor allem „traditionelle Religiosität“, „autoritäre Einstellungen“ sowie das „Erleben von gruppenbezogener Diskriminierung“, wobei auch die als „manipulativ“ und durchweg negativ empfundene Berichterstattung nicht ganz unschuldig sein soll.

Bitte keine Schlagzeilen

Nun ist das alles nicht atemberaubend neu, und in gewisser Weise besteht der Reiz der Integrationsdebatte auch nicht unbedingt in ihrem Gegenstand, sondern vielmehr in den dazugehörigen und zuweilen durchaus kuriosen “Reaktionen”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article13898083/Ein-Viertel-der-jungen-Muslime-steht-abseits.html. “Die Justizministerin”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,818715,00.html echauffierte sich über die Studie, da diese ihr zufolge einzig dazu diene, Schlagzeilen zu produzieren – was im Umkehrschluss bedeuten könnte, dass künftig nur noch Studien über schlagzeilenunträchtige Umstände erscheinen dürfen, um so zwar nicht das Problem, dafür aber wenigstens die Schlagzeile aus der Welt zu schaffen. Derweil erklärte die SPD-Integrationsbeauftragte, man dürfe jetzt keinesfalls die große Mehrheit der integrationswilligen Muslime vergessen, was ebenfalls eine interessante Art der Problembewältigung darstellt. Auch die Medien sollten die Studie behutsam behandeln, so der Tenor, da „verzerrte Darstellungen“ die Integrationsbereitschaft gefährden könnten – dass zur Integration allerdings auch die Akzeptanz von Boulevardmedien gehört, ist noch keinem aufgefallen. Auch nicht dem Vorsitzenden des “Zentralrats der Muslime”:http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/schlaglichter_nt/article13898647/Zentralrat-der-Muslime-besorgt-ueber-Radikalisierungstendenzen.html, der lieber die Politik zur Unterstützung auffordert, anstatt an die radikale Minderheit zu appellieren. Und überhaupt: „Hilfreich“ sei die Studie eigentlich nicht.

Hilfreicher Eiertanz

Unterm Strich ergibt sich ein skurriles Bild, das vor allem zeigt, wie gut die Politik sich schon an die Bedürfnisse der Minderheit angepasst hat. “Gewiss, Integration ist ein Geben und Nehmen”:http://www.theeuropean.de/sebastian-pfeffer/9796-ergebnisse-des-integrationsgipfels, bedeutet aber zugleich auch nichts anderes als die Forderung an alle Beteiligten, schlichtweg die Spielregeln der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft einzuhalten. Eine Selbstverständlichkeit also, die insofern zum Eiertanz wird, als die Mehrheit nun besondere Sensibilität in Form von Relativierung, Differenzierung und gezieltem Totschweigen an den Tag zu legen hat, um die genannte radikale Minderheit dazu zu bringen, sich anständig zu benehmen. Das nennt man dann übrigens „hilfreich“.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu