Viel Lärm um nichts

von Jennifer Nathalie Pyka25.02.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Ein Shitstorm fegt durchs Netz, die Anti-Gauck-Bewegung hyperventiliert. Grund dafür dürfte die Furcht vor unbequemen Meinungen sein, die der verstaubten Debattenkultur in Deutschland neuen Aufwind zu verleihen drohen.

Wulff geht, Gauck kommt, und halb Deutschland empört sich. Das ist logisch, denn „Deutsche lieben es, betrübt zu sein“ – “und mehr noch:”:http://www.moz.de/wirtschaft/wirtschaft/artikel-ansicht/dg/0/1/239987/ „Das ganze Land lebt häufig von einer Unkultur des Verdrusses“, wie der künftige Bundespräsident vor knapp zwei Jahren recht treffend anmerkte. “Insofern war auch das Aufkommen des Shitstorms”:http://www.theeuropean.de/bodo-ramelow/10105-gauck-ist-nicht-als-bundespraesident-geeignet, der aktuell durchs Netz fegt und der auf Außenstehende fast so wirkt, als würde demnächst eine Glatze mit Springerstiefeln in Bellevue aufschlagen, nicht wirklich überraschend. Besonders amüsant daran ist aber nicht nur der Versuch, aus Joachim Gauck einen herzlosen und zuweilen gar antisemitischen Rassisten zu machen, sondern daraus resultierend ebenso “die fundamentale Bedeutung, die dem Amt plötzlich beigemessen wird”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/10017-christian-wulff-ist-nicht-mehr-bundespraesident.

Grüßaugust mit Meinung

Denn abgesehen von Krisenzeiten, die bisher in der Bundesrepublik noch nie eingetreten sind, hat der Bundespräsident keinerlei Macht. Er ist und bleibt ein Grüßaugust, der relativ angenehm wohnt, ein ordentliches Gehalt bekommt, durch die Welt jettet und sich ansonsten anständig benehmen soll (das bedeutet beispielsweise Urlaub im Hotel statt bei Maschmeyers). Gesetze prüft er nur formell, nicht jedoch inhaltlich, und egal ob er Orden verleiht, Beamte ernennt oder Verträge unterzeichnet – er vollzieht in jedem Fall die Entscheidung anderer, zum Beispiel der Regierung, nach. Direkter Einfluss auf politische Vorgänge findet nicht statt. Das gilt auch für das Halten von Reden und Ansprachen – zugleich allerdings das Einzige, was der Bundespräsident ganz alleine und ohne Bevormundung tun darf. Dazu wäre es freilich nicht schlecht, eine – bestenfalls nachvollziehbar begründete – Meinung zu haben. Denn Ansprachen ohne Meinung sind wie Porsche fahren in Zone 30 oder Wiesn-Besuche ohne Bier – also denkbar, aber schwer erträglich. So auch die Reden Wulffs, die in etwa genauso aufregend wie die Lektüre eines Kochbuchs für Trennkost waren, und die bis auf die frenetisch bejubelte und zugleich inhaltlich völlig selbstverständliche „Der Islam gehört zu Deutschland“-Äußerung niemanden so recht zum Debattieren ermutigten. Wesentlich spannender hingegen verspricht es mit Gauck zu werden. “Denn im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger verfügt er wenigstens über eine aussagekräftige Meinung”:http://www.theeuropean.de/marian-schreier/10108-gauck-und-das-thema-freiheit anstelle von flachen Worthülsen, die auf dem Jahrmarkt der politischen und wirtschaftlichen Eitelkeiten feilgeboten werden. Diese Meinung wiederum kann man ignorieren, akzeptieren, für gut, schlecht oder gar völlig daneben halten. Zumindest jedoch könnte es Gauck gelingen, nach Jahren der präsidialen Farblosigkeit mal wieder ein wenig Stimmung in den verstaubten Debattierclub der Bundesrepublik zu bringen.

Kollektive Empörung

Vielleicht wäre es dann auch möglich, sich mit Gaucks Aussagen an sich zu beschäftigen, anstatt diese in Pawlow’scher Manier und inklusive viel Fantasie gegen seine Person auszulegen. Und falls all das nicht klappt, so bliebe den Gauck-Phobikern, die ganz offensichtlich unbequeme Meinungen fürchten, freilich noch die kollektiv praktizierte Empörung, was zumindest Freunden des schwarzen Humors ein gewisses Maß an Unterhaltung böte.

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