Antisemiten? Gibt’s hier nicht

von Jennifer Nathalie Pyka11.02.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Einer neuen Studie zufolge sind etwa 20 Prozent der Deutschen mehr oder weniger antisemitisch eingestellt. Insbesondere die jetzige Generation will das nur irgendwie nicht wahrhaben, da sie oft von fehlender Schuld auf fehlenden Antisemitismus schließt.

Wenn Deutsche zu viel über Juden nachdenken, nimmt das meist kein gutes Ende. Das gilt insbesondere für die „erfrischenden“ Piraten, die dabei häufig Schiffbruch erleiden. Der eine meint gewusst zu haben, dass Hitler den zweiten Weltkrieg nicht gewollt habe, der andere hingegen möchte den Nahostkonflikt durch das Tragen eines Palilappens lösen, und der nächste wiederum sondert obskure Statements auf Twitter ab. Dort nämlich ließ der Pirat Kevin Barth neulich Folgendes verlauten: “„Ok. Ich bin also Antisemit, weil ich die israelische Kackpolitik und den Juden an sich unsympathisch finde, weil er einen sinnlosen Krieg führt.“(Link)”:http://www.faz.net/aktuell/heidenheim-pirat-wegen-judenfeindlicher-aeusserung-zurueckgetreten-11642100.html

Der gute alte Pranger

Nun ist so viel Ehrlichkeit freilich zu begrüßen, denn während hierzulande ab und zu zwischen toten (gut) Juden und israelischen (böse) Juden unterschieden wird, kommt Herr Barth wenigstens zu dem Schluss, den Juden „an sich“ nicht leiden zu können. Hätte er nur diesen Gedanken für sich behalten, so wäre er mitsamt seiner verbleibenden „Israelkritik“ vermutlich immerhin noch genauso salonfähig wie Inge Höger (MdB) von der Linkspartei, die in ihrer Freizeit gerne mal mit der „Friedens“-Flotte gen Gaza schippert, um sich danach über die „Brutalität“ des israelischen Militärs zu beschweren. Wie dem auch sei, Herr Barth ist mittlerweile inklusive lauwarmer Entschuldigung zurückgetreten, hat sich aber nichtsdestoweniger ein ebenso lustiges wie kryptisches “Abschluss-Statement(Link)”:http://pastebin.com/7uf1xRU3 überlegt. Darin erwähnt er auch den jüngst erschienenen Antisemitismus-Bericht, „der einmal mehr 20 Prozent der Deutschen als latente Antisemiten darstellt“. Und weiter: „Sprich, wir werden wieder einmal mehr von einer Studie an den Pranger gestellt. Ja, Vernichtungslager und der 2. Weltkrieg sind Teil der deutschen Geschichte. Aber habe ich diese heute noch zu verantworten? Ich denke nicht. Es sind nun 70 Jahre vergangen.“ Donnerwetter, ein Bruchpirat spricht Tacheles und schippert damit souverän immer weiter durch trübe Gewässer. Denn natürlich hat Kapitän Barth recht, wenn er sagt, nicht an den Taten seiner Vorfahren schuld zu sein. Dies allerdings mit einem “Expertenbericht aus dem Jahr 2012, wonach jeder Fünfte antisemitisch sei(Link)”:http://theeuropean.de/christian-boehme/9694-antisemitismusbericht-2012, in Verbindung zu bringen, dabei irgendwas von einem „Pranger“ zu faseln und sich selbst zur Krönung den Persilschein auszustellen, nun, das ist eine Spezialität, die nicht nur einäugigen Piraten vorbehalten ist.

Der deutsche Schmock lernt dazu

Denn schließlich handelt es sich bei Antisemitismus auch für viele Nicht-Piraten um ein Vergehen, das irgendwann zwischen 1933 und 1945 in Gaskammern und Arbeitslagern stattfand und heute nicht mehr praktiziert wird. Blumige Gaza-Ghetto- und Israel-NS-Reich-Vergleiche laufen derweil unter „Israelkritik“, die doch gefälligst nicht ständig mit der Auschwitzkeule erschlagen werden möge. Denn der deutsche Schmock, der bestimmt schon mal andächtig am Holocaust-Denkmal in Berlin vorbeigelaufen ist, hat dazugelernt. Er weiß, dass er knapp 70 Jahre danach keine Schuld mehr trägt. Deshalb wundert er sich darüber, dass jeder Fünfte in Deutschland antisemitisch eingestellt ist, obwohl Hitler, Goebbels und Mengele doch schon längst unter der Erde sind. Und wer sich über die „Kackpolitik“ Israels aufregt und im gleichen Atemzug für das Menschenrecht der Hamas auf Qassam-Raketen eintritt, der ist vielleicht ein bisschen irre, aber sicher kein Antisemit. Denn echte Antisemiten, die gab’s nur früher, in der Vergangenheit, die Piraten wie auch Nicht-Piraten freilich bravourös bewältigt haben.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu