Happy-Appeasement-Wochen

von Jennifer Nathalie Pyka14.01.2012Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Statt objektiv über das iranische Atomprogramm zu berichten, beschränkt sich der deutsche Journalismus auf oberflächliche Empörung. Gute Intentionen gehen dabei in die falsche Richtung.

In Deutschland unterscheidet man traditionell zwischen guter und schlechter Kernkraft. Schlechte Kernkraft, das ist die, die in AKWs produziert und zu einer flächendeckenden Energieversorgung genutzt wird (bzw. wurde). Gegen die muss man sich wehren. Zum Beispiel, indem man Schottern geht oder sich an Gleise kettet. Die gute Kernkraft hingegen, die gibt’s nur bei den Mullahs im Iran. Diese gilt in Deutschland zumeist als relativ harmlos, obwohl sie mittlerweile auch zur Bombenproduktion geeignet wäre. Das weiß eigentlich jeder – einzig bei deutschen Qualitätsjournalisten hat’s etwas länger gedauert. Denen ist nämlich erst vor Kurzem, und damit mit einer läppischen Verspätung von lediglich einigen Jahren, aufgefallen, dass der Iran an Atomwaffen bastelt. Und während Israel das natürlich verhindern will, rauchen in deutschen Redaktionsstuben nun die Köpfe ob der Frage, wie man die hinterlistigen Juden bloß davon abhalten könnte.

Einziger Vorschlag: Deeskalation

Dabei wurden auch vorige Woche einige Sternstunden der Nahostberichterstattung produziert. Kein Wunder, schließlich herrscht vor Ort bereits jetzt schon Bombenstimmung: verstärkte Urananreicherung, Öl-Embargo, ein bisschen Action in der Straße von Hormus, und zu allem Übel noch ein toter Atomwissenschaftler in Teheran oben drauf. Doch deutsche Journalisten wären nicht deutsche Journalisten, wenn sie nicht auch angesichts dieser Zustände stets die rechten Worte oder obskure Vorschläge zur „Deeskalation“ in petto hätten. So zum Beispiel bei „Spiegel Online“, “wo man sich über ein „Killerkommando“ empörte”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808555,00.html, das im Iran unterwegs sei, um dort „Atomwissenschaftler des Regimes auszuschalten“. All das auch noch „seit Monaten“ und „vollkommen ungestört“, was man natürlich schon recht dreist finden kann. Zumindest, sofern man sich auch in gleicher Weise über am Baukran aufgeknüpfte Homosexuelle, zu Tode gesteinigte Frauen oder von Teheran finanzierte Terroristen beklagt, was im genannten Artikel allerdings nicht geschieht. Klar, denn schließlich geht es ja auch primär um den Mossad. Der soll nämlich „Motorrad fahrende Todesengel“ engagieren, „die es wieder und wieder schaffen, im Herzen Teherans zu morden und unerkannt zu entkommen“. Das klingt ungefähr wie eine Mischung aus „Rosamunde Pilcher“ und „James Bond“, womit man beim örtlichen Poesie-Wettbewerb allerdings zweifellos punkten könnte. Skrupellose Juden, die mit Turbomaschinen durch das beschauliche Städtchen Teheran brausen und dabei gewissenlos unschuldige Bürger aus dem Weg räumen – so in etwa das Bild, das hier irgendwie entstehen könnte und lustigerweise unter der Überschrift „Hintergründe/Artikel: Iranisches Atomprogramm“ erschien. Deutscher Qualitätsjournalismus in Reinform. Ähnlich verhält es sich allerdings auch einige Schritte weiter, nämlich in den ehrwürdigen Hamburger Redaktionsstuben der „Zeit“. Dort sprang man wohl ebenfalls auf den atomaren Geisterzug auf und stellte sich “folgende, durchaus kuriose, Fragen”:http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-01/Iran-Konfrontation: „Die Unnachgiebigkeit Teherans wird beklagt, doch wo sind die wirklich verlockenden Angebote aus dem Westen? Warum gibt man diesem Regime nicht Sicherheitsgarantien? Warum sagt man nicht: Wir wollen auf keinen Fall, dass ihr eine Bombe baut, aber euer Regime werden wir nicht stürzen?“

Größenwahnsinnige Diktatoren

Genau, warum eigentlich keine Sicherheitsgarantien für ein Regime, das seit über dreißig Jahren zuverlässig von überwiegend größenwahnsinnigen Diktatoren beherrscht wird? Vielleicht, weil man Fundamentalisten, die sehnsüchtig die Rückkehr des Mahdi erwarten und deshalb weltweit Terroristen subventionieren, keine Schnäppchenangebote offerieren sollte? Oder, weil solche Gestalten in ihrem Verhalten circa genauso kalkulierbar wie die Deutsche Bahn im Winter sind? Antworten über Antworten, die man bei der „Zeit“ vielleicht übersehen hat. Macht aber nix. Denn immerhin weiß man dort wohl, dass die Bombe zwar nicht gebaut, das Regime allerdings ebenso wenig gestürzt werden soll. Das ist dann in etwa so, als hätte man Hitler 1939 zugerufen: „Einen Überfall auf Polen wollen wir keinesfalls, aber am Lösen der Judenfrage werden wir euch freilich nicht hindern.“ Und wie bestellt, äußerte sich dann letztlich auch Guido Westerwelle, der den Mullahs “weiterhin Gesprächsbereitschaft signalisierte”:http://www.tagesschau.de/ausland/iran1514.html. Etwas, was der Iran, der ja pausenlos von israelischen „Todesengeln“ belästigt und durch fehlende „Sicherheitsgarantien“ benachteiligt wird, auf dem Weg zum atomaren Abenteuer sicher gut gebrauchen kann.

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