Expertendämmerung auf dem Geisterzug

Jennifer Nathalie Pyka31.12.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

2011 war vor allem ein Jahr des kritisch erhobenen Zeigefingers: ein Jahr der Moralisten. Ein Tsunami der Empörten fegte über das Land. Abschalten statt Nachdenken, scheint die Devise zu sein.

2011 war nicht nur das Jahr der Krisen, sondern auch ein Jahr, in dem das deutsche Expertentum für moralische Angelegenheiten eine regelrechte Renaissance erlebte. Blutbäder, Naturkatastrophen, Fußnoten – nichts und niemand war vor fachgerechter Sektion durch deutsche Sesselstrategen, Qualitätsjournalisten, Hinter- und Vorderbänkler sicher. Und da 2011 nicht nur so einige Despoten ins Jenseits (oder wenigstens ins Exil), sondern zugleich auch der Euro ins Abseits und die Atomkraft aufs Abstellgleis befördert wurden, hatte das bundesdeutsche Expertentum freilich alle Hände voll zu tun. So brach gleich Anfang des Jahres plötzlich der Arabische Frühling aus, der die deutschen Experten in ihren warmen Sesseln kalt erwischte. Das war quasi die Warm-up–Phase. Da saß man irgendwie leicht verwirrt vor dem Fernseher, guckte zuerst den Menschen auf dem Tahrir-Platz und anschließend Jürgen „Der Westen ist schuld“ Todenhöfer im öffentlich-rechtlichen Stuhlkreis zu, wobei Letzterer natürlich schon immer wusste, dass all das so kommen würde. Weshalb er dann zuvor nichts dazu verlauten ließ, bleibt wohl sein Geheimnis.

Ein Tsunami wütet in Deutschland

Kurz darauf ereilte Deutschland dann das nächste Unheil – diesmal in Form einer Naturkatastrophe in Japan. Dass das schwere Erdbeben in Verbindung mit einem Tsunami nicht nur Tote, Verletzte und Zerstörung nach sich zog, war dabei weniger relevant als die Tatsache, dass zufällig auch noch ein AKW involviert war. Es folgte bundesweites Abschalten – nicht nur im Kanzleramt, sondern auch in den Redaktionsstuben, wo zugleich ein Super-GAU herbeigeschrieben wurde, der mit der Realität in Japan nur wenig zu tun hatte. Doch der deutsche Experte wusste sich zu helfen: Er investierte in Jodtabletten und Geigerzähler, so dass fast der Eindruck entstand, Fukushima wäre nicht etwa Tausende von Kilometern entfernt, sondern vielmehr irgendwo nahe der mecklenburgischen Seenplatte lokalisiert. Wenig später entzündete sich auch schon der nächste Brandherd. Natürlich nicht in Deutschland, sondern im fernen Abottabad, was das nationale Experten-Kommando freilich nicht vom umgehenden Einsatz abhielt. Die Leiche des 54-jährigen Familienvaters und Massenmörders Osama bin Laden hatte noch nicht mal den Grund des indischen Ozeans erreicht, da setzte bundesweit schon kritisches Denken ein. Wurde hier etwa Völkerrecht gebrochen? Entsprechen Seebestattungen der islamischen Lehre? Und überhaupt, was ist das für ein Land, in dem der Tod eines Menschen derart bejubelt wird? Fragen über Fragen, die den Sesselstrategen stählten und seine Fähigkeit zur (doppel)moralisch basierten und faktenresistenten Urteilsbildung trainierte. Kein Wunder also, dass man unmittelbar nach dem Blutbad, das sich im August dieses Jahres in Norwegen ereignete, nicht nur wusste, welche Bücher der blonde und zweifellos irre Anders Breivik gelesen hatte, sondern auch, wie möglicherweise ideologisch motivierte Gemetzel künftig verhindert werden sollten. Durch eine „Neudefinition der Meinungsfreiheit“ beispielsweise, wie es explizit in der „SZ“ nachzulesen, und implizit den Worten der Berliner Elite zu entnehmen war. Nun mag es ja durchaus erfreulich sein, in einem Land zu leben, wo ein jeder je nach Anlass zum Experten für Völkerrecht, Blutbäder aller Art, Despotie und atomare Strahlung mutieren kann. Dumm nur, dass die Elite der Sesselstrategen dabei offenbar völlig vergisst, sich um den Dreck zu kümmern, der sich derweil vor der eigenen Tür staut. So vernebelte allein der Freudentaumel rund um den Arabischen Frühling die Sicht auf deutsche Realitäten. Zum Beispiel auf die florierenden Wirtschaftsbeziehungen zum iranischen Regime, wo nicht nur demokratietechnisch gesehen Eiszeit herrscht, sondern auch fleißig an Atombomben gebastelt wird. Letzteres haben deutsche Medien übrigens offenbar erst heuer, und damit mit einer lächerlichen Verspätung von lediglich einigen Jahren, herausgefunden.

Abschalten statt Nachdenken

Macht aber nix, schließlich gibt’s zu Hause schon genug Probleme mit der lieben Atomkraft. Deshalb gilt die Devise: Abschalten statt Nachdenken, und um die künftige Energieversorgung kümmert sich dann eine Ethikkommission. Deren primäre Aufgabe besteht darin, einen christlich-ökologisch-risikoarm-nachhaltigen Konsens zu finden, mittels dessen am Ende des Jahrhundert-Dialogs dann doch noch alle Lichter an bleiben sollen. Klingt unmöglich, ist es vermutlich auch. Ähnlich überfordert zeigte sich ebenfalls der Verfassungsschutz, von dem man spätestens jetzt annehmen darf, dass dessen Beamte in so mancher Filiale offenbar lieber Sudoku-Rätsel lösen, anstatt ihrer Arbeit nachzugehen. Nur so zumindest ließe sich erklären, weshalb über Jahre hinweg niemand eine dreiköpfige Neonazi-Zelle von ihrem Vorhaben, sich quer durch Deutschland zu morden, abhalten konnte. Und während man den Norwegern per Ferndiagnose noch gute Ratschläge für den Kampf gegen rechtsextreme Einzeltäter zukommen ließ, scheiterten deutsche Beamte und Reporter an rechtsextremen Serienmorden, die vermutlich noch eher zu stoppen gewesen wären als ein irrer Bio-Bauer im Alleingang. Daher war 2011 vermutlich doch auch ein bisschen das Jahr der Krise – zumindest der deutschen Identitätskrise. Sie erschien in Form eines Geisterzugs, der plan- und ziellos durch die deutsche Landschaft rast und dennoch freudig von Politik, Medien und Zivilgesellschaft bestiegen wird. Und wer sich schon im eigenen Lande nicht zu helfen weiß, der übertüncht die Hilflosigkeit, indem er anderen gute Ratschläge gibt, die er selbst offenbar nicht befolgen kann. Wünschenswert wäre das Gegenteil.

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