Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Florian Bernschneider

Friedensengel in Uniform

Deutschland vergisst seine Soldaten. Während der Einsatz für Frieden und Vaterland anderorts hoch honoriert wird, kultiviert der brave Michel das Bild des schießwütigen Analphabeten und schwelgt beseelt im Pazifismus.

Weihnachten soll ja nicht nur das Fest der Familie, der Nächstenliebe und der Besinnlichkeit, sondern auch das des Friedens sein. Zumindest wenn man hört, dass sich große und kleine Kinder nicht nur eine neue Bohrmaschine, Chanel No. 5 oder Lego, sondern zudem plötzlich nichts Geringeres als Frieden auf Erden wünschen. Das ist freilich nobel, zweifellos, und gerade zu Weihnachten bieten sich dem saisonalen Pazifisten ungeheuer viele Möglichkeiten, die zur Rettung des Weltfriedens vom heimischen Sofa aus durchaus dienlich erscheinen. Dabei zählt zumeist nicht wirklich was, sondern dass gemacht wird. Und zur Not befriedet man eben nicht die Welt, sondern nur das eigene Gewissen.

Saisonaler Friedenstaumel

Jedoch ist das natürlich kein Wunder, denn schließlich ist das mit dem Frieden auf Erden auch keineswegs so einfach. Im Gegensatz zum Fulltime-Friedensaktivisten, dessen Sitzblockaden und Lichterketten noch keinen (vermeintlichen) Kriegstreiber sonderlich beeindrucken konnten, handelt das saisonal auftretende Friedenstäubchen deutlich klüger: Es spendet. Für Schulen in Brasilien, HIV-Impfungen in Botswana, Lebensraum im Amazonasgebiet und Brot für die Welt. Das verdient zweifellos Anerkennung und mag dem Frieden tatsächlich dienen. Wer hingegen nicht spendet, der kann immer noch beten. Zum Beispiel mit Margot Käßmann. Unter Umständen für die Taliban. Das hätte zwar dann mit Frieden ungefähr genauso viel gemein wie eine Partie Gummitwist mit einem Atomkrieg, würde in Deutschland aber vermutlich dennoch toleriert werden. Zumindest, seitdem die Bestseller-Autorin mit Expertise für rote Ampeln verkündete, dass in Afghanistan ohnehin „nichts gut“ sei und damit nahezu die gesamte Nation in einen rational nicht erklärbaren Friedenstaumel und Zustimmungsrausch versetzte.

Dass vielen Deutschen somit die Sicht auf die Dinge, die in Afghanistan tatsächlich gut sind, völlig vernebelt wurde, ist insofern nur konsequent. Dabei gäbe es da zum Beispiel Mädchenschulen, weniger Terrorcamps, mehr Stabilität und nicht zuletzt Truppen, denen all das zu verdanken ist. Dazu gehören übrigens auch Soldaten der Bundeswehr, was allerdings kaum jemanden interessiert, weil am Hindukusch ja eh nichts gut sein soll und die Politik selbst nach zehn Jahren immer noch nicht so genau weiß, ob dort nun Krieg stattfindet oder nicht. Da kennt das pazifistische Gemüt keine Ausnahme, auch nicht an Weihnachten. Und während die Amerikaner sich nun in puncto „Support our troops“ täglich selbst überbieten und die Israelis eifrig Chanukka-Partys für IDF-Einheiten sponsern, bekommen deutsche Soldaten am Hindukusch lediglich Besuch von Thomas de Maizière und Päckchen von öffentlichkeitsarmen Veteranenverbänden. Das ist zwar nett, zeigt jedoch, dass Deutschland im internationalen Vergleich auch bezüglich Anstand und Moral mal wieder gnadenlos versagt.

Kein Anstand, keine Moral

Nun wird ein Land, das sich „Nie wieder Krieg“ auf die Fahnen geschrieben hat, freilich auch in puncto Solidarität keine Meisterleistung zustande bringen. Denn wer einerseits die Bundeswehr bewerben, andererseits jedoch deren Existenz lieber verschleiern und zudem zarte pazifistische Seelchen nicht mit der militärischen Realität konfrontieren will, von dem kann man natürlich auch keine Aufmerksamkeit für weltweit verstreute Truppen erwarten. Insofern werden auch die Soldaten selbst eher geflissentlich ignoriert, wenngleich sie natürlich nichts für das verkorkste Denken der zuständigen Eliten können, denen sie die flächendeckende Missachtung größtenteils verdanken.

Und so breitet sich das Bild vom Soldaten als schießwütigem Analphabeten selbstverständlich nicht nur im linken Spektrum, sondern auch in großen Teilen des Mainstreams munter aus. Deshalb kämpfen die saisonal auftretenden Friedenstäubchen auch nicht gegen posttraumatische Belastungsstörungen, sondern vielmehr für Brunnen in Afrika. Letzteres ist natürlich edel, zweifellos. Nur sollte man zuweilen nicht vergessen, wer sich eigentlich dafür einsetzt, dass der Durchschnittsdeutsche auch weiterhin in Frieden und vom Sofa aus für Brunnen, Schulen und Kindergärten in Dritte-Welt-Ländern eintreten darf. Das sind, man höre und staune, nämlich tatsächlich Soldaten, die entgegen aller Annahmen nicht wahllos um sich ballern, sondern sich aktiv für Freiheit, Frieden (jawohl!), Sicherheit und westliche Werte einsetzen. Werte, die keineswegs selbstverständlich sind, sondern errungen und verteidigt werden müssen. Auch, wenn man dafür sein Leben aufs Spiel setzt oder, wie es aktuell bei 8.000 Bundeswehrsoldaten der Fall ist, Weihnachten im staubigen Feldlager und nicht unter der Nordmanntanne verbringt. Und genau jenen sei gesagt:

Thanks for your service, take care and have a merry joyful Christmas.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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