Selektiver Opferkult

von Jennifer Nathalie Pyka17.12.2011Außenpolitik, Innenpolitik, Medien

Die Deutschen bewerten einen Anschlag wie den von Lüttich nach der Motivation des Täters. Dabei sollten alle antidemokratischen Tendenzen gleich ernst genommen werden.

Man kann den Deutschen ja wirklich allerhand nachsagen: zu viel Bürokratie, zu wenig Humor oder zu schlechtes Essen – zumindest im internationalen Vergleich. Doch eines, das können sie wirklich gut: differenzieren. Zum Beispiel zwischen Bio- und Ökokost, zwischen gemäßigten und weniger gemäßigten Taliban, zwischen relevanter und irrelevanter Gewalt sowie zwischen interessanten und weniger interessanten Opfern.

Deutsche Differenzierungselite

Relevante Gewalt, oder in diesem Fall eher ein relevantes Blutbad, fand beispielsweise im Sommer dieses Jahres in Oslo sowie auf der Insel Utøya statt. „Blond, blauäugig und skrupellos“ soll der Täter „Spiegel Online“ zufolge gewesen sein, zudem auch noch rechtsextrem, rassistisch, christlich und nationalistisch gepolt. Anders B. Breivik hatte damals noch nicht mal seine Zelle in der JVA bezogen, da wusste man sogar schon, welche Bücher er gern las und wer ihn angeblich von Deutschland aus zu seinen Taten inspiriert haben soll. Doch abgesehen davon stand schnell fest, dass einzig Breivik, und niemand sonst, für das Blutbad verantwortlich war und den Opfern sowie deren Angehörigen vollstes Mitgefühl gilt. Etwas also, was zwar völlig logisch ist, in Deutschland jedoch Seltenheitswert hat. Im Gegensatz dazu erscheint das Attentat von Lüttich vergleichsweise irrelevant. Klar, es war blutig, kostete bislang fünf Menschen das Leben und zog 125 Verletzte nach sich. Aber das scheint irgendwie noch nicht genug Leid zu sein, um den bundesdeutschen Betroffenheitsbürger vom moralischen Hocker zu hauen. Nunmehr vier Tage nach der Tat wurde der Amokläufer noch nicht mal mit einem Wikipedia-Artikel bedacht, was vermutlich auch daran liegt, dass man kaum etwas über ihn weiß. „Waffennarr“ soll er gewesen sein, zudem männlich, marokkanischen Ursprungs und irgendwie auch ein bisschen vorbestraft. Welche Lektüre auf seinem Nachtkästchen lag, ist ebenso unbekannt wie der Background der Opfer, die Amrani auf dem Gewissen hat. Das waren einfach nur normale Weihnachtsmarktbesucher, die jedoch dummerweise das Pech hatten, nicht einem rassistisch motivierten Täter, sondern schlichtweg einem ganz normalen Irren zum Opfer gefallen zu sein. Deshalb fallen sie auch durch das sauber durchdifferenzierte Raster deutscher Qualitätsmedien und Bildungsbürger. Sollte sich nun jedoch herausstellen, dass der Irre von Lüttich tatsächlich islamistisch motiviert gewesen ist, so würde auch das freilich keineswegs etwas an der Relevanz, sondern höchstens an der Interpretation der Tat ändern. Sodann käme die deutsche Differenzierungselite zum Einsatz, die uns dann im „ARD Brennpunkt“ erklärt, dass der Täter eine schwere Kindheit hatte und von seiner Umwelt nicht genügend Beachtung erhielt, weshalb ihm in letzter Konsequenz quasi nichts anderes übrig blieb, als drei Granaten zu zünden und wahllos um sich zu ballern. In dem Fall wäre dann nicht mal der Täter, sondern vielmehr die „Gesellschaft“ schuld, zu denen ja vielleicht auch die Weihnachtsmarktbesucher in Lüttich gehören. Hinsichtlich der Schuldfähigkeit des Täters müsse hier säuberlich differenziert werden. Dieses Schema lässt sich aber auch anderweitig anwenden. Es greift ebenso bei pyromanisch veranlagten Autonomen, die in ihrer Freizeit gerne Luxuskarossen in Berlin in Brand setzen. Die sind nämlich nur partiell schuldfähig, da sie, zumindest dem Berliner Innensenator Körting zufolge, schließlich auch pausenlos „provozierend parkenden“ Luxuskarossen ausgesetzt seien. Schuld trüge also der Porsche-Besitzer, der nicht nur medial und öffentlich uninteressant ist, sondern auch maßgeblich zur Eskalation beigetragen haben soll. Gleiches gilt für vier US-amerikanische Soldaten, deren schiere Anwesenheit den Frankfurter Arid U. offenbar derart provoziert haben muss, dass dieser keinen anderen Ausweg sah, als im März dieses Jahres wild um sich zu schießen, dabei zwei jener „Kreuzzügler“ gezielt zu töten, zwei weitere zu verletzen und so das erste gelungene, islamistisch motivierte Attentat in Deutschland zu begehen. Hier wurden wohl ebenfalls religiöse Gefühle verletzt, weshalb nicht nur differenziert, sondern langfristig auch ignoriert werden muss – oder wissen Sie, was Arid U. gerade so treibt, wie seine Strafe aussehen wird und wie es den dabei verletzten Soldaten oder den Angehörigen der Toten ergangen ist?

Deckmantel der moralischen Hoheit

Nein? Macht nix. Arid U., linksradikale Autonome sowie der Attentäter von Lüttich sind vielleicht irre, aber nicht rechtsextrem. Deshalb sind deren Opfer lange nicht so viel wert wie die Opfer Breiviks, und auch Blutbäder sind nicht gleich Blutbäder. Auf die richtige, beziehungsweise eben falsche, Gesinnung des Täters kommt es an, und wenn die nicht vorhanden ist, so muss man eben differenzieren. So lange, bis niemandem mehr auffällt, welch perfide Gesinnung sich unter dem Deckmäntelchen der vermeintlich moralischen Hoheit verbirgt. Es geht nicht darum, Rechtsextremismus zu verharmlosen und indes zugleich islamistischen Attentaten mehr Beachtung zu zollen. Es geht einzig darum, jede Art von Gewalt sowie antidemokratische Tendenzen generell ernst zu nehmen. Unabhängig davon, ob die Täter links, rechts, muslimisch, christlich oder einfach nur irre sind.

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