Wir können uns Zentralbanken fast schon als Geld-Elfen vorstellen. John Lanchester

Siggi zeigt, wie’s geht!

Sigmar Gabriels Apartheid-Äußerung sorgte vorige Woche für Wirbel. Dumm nur, dass der sogenannte Ausrutscher des SPD-Chefs die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus überschreitet und damit Letzteres salonfähig gemacht wird.

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Das gilt insbesondere für Sigmar Gabriel, der in den vergangenen Tagen auf Friedensmission durch Israel tourte. Voll bepackt mit weisen Ratschlägen besuchte er auch die Stadt Hebron in der Westbank, wo er eine ganz und gar erstaunliche Entdeckung machte. Dort will er nämlich Apartheid – also nach internationaler Definition ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in Siggis Welt freilich von den Israelis an den Palästinensern ausgeübt – erkannt haben. Eine Erkenntnis, die er natürlich umgehend seiner Facebook-Gemeinde übermitteln musste: „Ich war gerade in Hebron. Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.“

Siggis Fanbase im Freudentaumel

Dabei hat Siggi vor lauter Empörung anscheinend gar nicht bemerkt, dass er sich mit dieser Ansage eindeutig ins Jagdgebiet der überzeugten Judenhasser begibt. Ob er auch Gaza für ein „Freiluft-KZ“ oder eine 1:1-Nachbildung des Warschauer Ghettos hält, ist noch nicht bekannt. Macht aber nichts, denn letztlich hatte Genosse Gabriel mit seinem beherzten Griff in die antisemitische Trickkiste wirklich Glück im Unglück. Neben spärlich vorgetragener nationaler Kritik und internationaler Negativ-PR fand sich nämlich auch eine ganze Armada an Nahost-Experten ein, die dem kritischen Siggi auf Facebook eifrig beipflichtete:

„Superzivilcourage für soviel Wahrheit! Werde jetzt bloss kein Fallschirmspringer, hat ein Anderer, der die Wahrheit sagte nicht überlebt.“

„Gratulation zum Mut dieser Aussage. Es wird Zeit, das die heilige Kuh geschlachtet wird und deutsche demokratische Politiker endlich wieder berechtigte Kritik gegen Israel vorbringen können ohne in die braune Ecke gestellt zu werden. Weiter so!“

„Die Gründung ,Israels‘ war damals ein Fehler, schön und gut … was machen wir nun. Ich sehe nur einen Weg zur Lösung: Das ganze Land heißt wieder Palästina … Zionismus als System darf nicht mehr bestehen (…) jüdische Einwanderung hört auf, denn sie sind Staatsbürger anderer Länder … alle palästinensische Flüchtlinge in der Diaspora dürfen zurück in ihre Heimat kehren …“

„Die Israelische Regierung versklavt u. unterdrückt die Palästinesische Bevölkerung mit Hilfe der USA schon seit Jahren und die ganze Welt sieht zu. Da wird nicht zwischen Terroristen, Kinder oder Alten unterschieden. Wenn mal endlich jemand diese Sauerei öffentlich anprangert u. dabei Fakten auf den Tisch legt, wird er gleich von ein paar A….kriechern ungerechtfertigt in die rechte, antisemitische Ecke gestellt.“

„Was mit den Palästinenser seit über 40 Jahre gemacht wird ist Völkermord !!!! Das ist die Wahrheit, jeder der das leugnet sollte sich mal mit den Fakten, den todeszahlen beschäftigen!“

Drastisch, unwürdig, jüdische Freunde

Nun sollte man mit Siggi natürlich nicht zu hart ins Gericht gehen. Zum einen kann er ja nichts für die Kommentare seiner Fans, und zum anderen sei das alles nur ein Missverständnis. Natürlich, die Formulierung sei vielleicht „drastisch“ gewesen, aber andererseits wäre die Lage der Palästinenser auch wirklich „schrecklich“, geradezu „unwürdig“, weshalb man als „Freund Israels“ und „gerade als Deutscher“ Kritik nicht nur in „diplomatischen Floskeln verstecken“ dürfe. Außerdem wären da ja auch noch Gabriels jüdische Freunde im „Kibbuz Magen“, ebenso wie einige IDF-Soldaten, die das alles sicherlich genauso sehen. Einfach genial, dieser Siggi. Zuerst schippert er beschwingt durch die rot-braune Jauche, und wenn man ihn dabei erwischt, rudert er genau so weit zurück, dass sowohl Super-Siggi mitsamt jüdischer Freunde als auch der „israelkritische“ Pöbel den Dampfer nicht verlassen müssen.

Denn selbstverständlich hat Gabriels Fanclub die Nachricht nicht nur wohl gehört. Zusätzlich hat er nun auch gesehen, wie man den jüdischen Staat diffamiert und sich anschließend selbst einen wohlfeilen Persilschein ausstellt. Siggi zeigt, wie’s geht, und erobert dabei im Sturm die Herzen all jener, die den Juden Auschwitz nie verziehen haben. Damit qualifiziert er sich nicht nur für ein Plätzchen auf dem Sonnendeck der nächsten Gaza-Flotte, sondern leistet zudem einen gewichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der deutschen Seelenhygiene. Der Wähler wird’s ihm danken.

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