Berlusconi benutzt Statistiken wie ein Betrunkener den Laternenpfahl: als Stütze, nicht zur Erleuchtung. Romano Prodi

Volle Wende voraus

Die Welt braucht mehr Energiewende. Deutschland nimmt eine Vorreiterrolle ein, muss sie aber noch konsequenter ausfüllen. Nur dann lässt sich eine Katastrophe verhindern.

Deutschlands Energiewende ist das ambitionierteste Projekt weltweit, das versucht, eine industrialisierte Ökonomie auf den Pfad der Erneuerbaren Energien zu führen. Wenn die vier größten Volkswirtschaften der Erde demonstrieren, dass dieser Wandel möglich ist, ohne das wirtschaftliche Wachstum negativ zu beeinflussen, wäre einer globalen Energiewende der Weg bereitet. Im Angesicht des Klimawandels, ist die Reduktion von Treibhausgasen der Imperativ des zukünftigen Energiesystems – 2012 war das 36. Jahr in Folge, in dem die globale Temperatur über dem Durchschnitt lag und 2011 und 2012 haben wir mehr extreme Wetterlagen gesehen als jemals zuvor. Die Energiewende ist deshalb die schärfste Waffe im Kampf gegen die Klimaerwärmung.

In vielen Ländern steigen die Kosten für konventionelle Energien. Der Öl- und Gas-Boom in den USA könnte zwar die Illusion erwecken, dass die fossilen Brennstoffe so schnell doch nicht versiegen würden. Doch der generelle Trend hält an: In immer mehr Ländern werden fossile Brennstoffe und Uranium knapp. Die weltweite Nachfrage steigt weiter, während die Förderung komplizierter, teurer und risikoreicher wird. Die Unsicherheit, die so in der Energieversorgung entsteht, wächst sich zu einem veritablen Risiko für die Wirtschaft und Sicherheit zahlreicher Gesellschaften aus.

Großes Interesse an der deutschen Strategie

In solch einer Welt ist die einzig sinnvolle Strategie eine, welche die Energienutzung effizienter macht und auf Erneuerbare Energien zurückgreift. Deutschland geht voran, doch es ist nicht das einzige Land, das sich in dieser Hinsicht bemüht. Mindestens 118 Staaten haben sich entsprechende Ziele gesetzt; 65 Länder orientieren sich an Deutschlands Erneuerbaren-Energien-Gesetz und subventionieren die Produzenten Erneuerbarer Energie. Ungefähr die Hälfte der 2011 global hinzugekommenen 208 Gigawatt elektrischer Leistung stammt aus erneuerbaren Quellen. Das weltweite Investment in Erneuerbare betrug 2011 insgesamt 237 Milliarden US-Dollar – mehr als netto in neue fossile Kraftwerke geflossen ist.

Das World Ressources Institute arbeitet zusammen mit Politik, Wirtschaft und NGOs unter anderem in Brasilien, China, Indien und den USA daran, nachhaltige Strategien zur Nutzung Erneuerbarer Energien zu entwickeln. Kürzlich haben wir in insgesamt zwölf Ländern eine Umfrage zur Energiewende unter Experten und Entscheidern durchgeführt. Es zeigte sich, dass großes Interesse an der deutschen Strategie besteht. Die Befragten nehmen Deutschland als einen globalen Anführer wahr, wenngleich das Detailwissen um das deutsche Modell noch gering war. Alle Befragten gaben an, Deutschland solle in dieser Hinsicht offensiver kommunizieren und seine nützlichen Erfahrungen mit der internationalen Gemeinschaft teilen.

Der Optimismus, dass Deutschland gut gerüstet sei, die Energiewende zu schaffen, ist groß. Fragen gibt es noch hinsichtlich der technischen Machbarkeit: Wie setzt Deutschland seine Ziele im Detail um, wie sehen Lösungen für verschiedene nationale Kontexte aus? Chinesen interessieren sich beispielsweise stärker für die technische Komponente, während US-Amerikaner wissen wollen, wie die politische Unterstützung für das Projekt gewonnen wurde und wie sich die Energiewende auf Jobs und Industrie auswirkt. Japanische Befragte wollen wissen, wie der Atomausstieg organisiert worden ist, Brasilianer interessieren sich für erneuerbare Alternativen zu Wasserkraftwerken und Inder fragen nach den sozio-ökonomischen Folgen.

Deutschland muss aktiver werden

Es ist im besten Interesse Deutschlands, solche Fragen schnell zu beantworten. Denn eine wirklich erfolgreiche Energiewende wird erst international möglich. Ökonomisch betrachtet, bedeutet ein schneller Ausbau Erneuerbarer Energien beispielsweise schneller fallende Preise für die entsprechenden Technologien und einen größer werdenden Exportmarkt für Deutschland. Technisch gesehen, wird die heimische Energiewende leichter, wenn die Nachbarländer mitziehen. Innenpolitisch scheint es wahrscheinlich, dass die deutsche Öffentlichkeit die Energiewende eher unterstützt, wenn sie nicht als deutscher Sonderweg angesehen wird. Außenpolitisch kann Deutschland seinen internationalen Einfluss stärken. Und schlussendlich, aus einer Klima-Perspektive betrachtet, wird die deutsche Energiewende alleine auf den Klimawandel zu wenige Auswirkungen haben – nur wenn andere dem deutschen Weg folgen, kann eine Katastrophe verhindert werden.

Deutschland muss deshalb deutlich aktiver werden und den intensiven Dialog mit seinen globalen Partnern suchen. Die deutsche Regierung muss eine klare diplomatische Strategie entwickeln und sich mit interessierten Ländern zusammentun. Auch die deutsche Wirtschaft und die Zivilgesellschaft sind hier gefragt.

Deutschland hat bereits eine Vorreiterrolle. Jetzt muss es sie richtig erfüllen.

Der Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Lutz Weischer verfasst.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Catriona McLaughlin, Justin McCurry.

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