Das Ende des Vergessens

Jeffrey Rosen13.12.2010Medien

Die Sicherung der Privatsphäre im Netz erfordert legislative und technologische Eingriffe. Vollkommen werden diese niemals sein. Wir müssen uns überlegen, welchen Wert wir dem Vergessen und Vergeben in einer Welt zuschreiben, in der Daten auf ewig archivierbar sind.

Wie sollen wir unser Leben in einer Welt leben, in der das Internet alles weiß und niemals vergisst? In einer Welt, in der jedes Statusupdate, jedes hochgeladene Foto, jede Twittermeldung und jeder Blogeintrag für die Ewigkeit konserviert wird? Webseiten wie “LOL Facebook Moments” sammeln schon heute Peinlichkeiten aus den Weiten des Netzes, die ihren Eigentümern irgendwann noch einmal zum Verhängnis werden können. Eine 16-jährige Britin wurde von ihrem Arbeitgeber gefeuert, nachdem sie auf Facebook geschrieben hatte, sie sei “komplett gelangweilt”. Einer 66-jährigen kanadischen Psychologin wurde die Einreise in die USA verweigert, weil ein Mitarbeiter der Grenzkontrolle einen ihrer Artikel im Internet fand, in dem sie ihre LSD-Erfahrungen aus den 70er-Jahren beschrieb.

Voyeurismus als Alltagsgeschäft

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass das Internet neue Maßstäbe bei Voyeurismus, Exhibitionismus und ungewollten Peinlichkeiten setzt. Aber wir fangen gerade erst an, zu verstehen, welche Kosten die permanente Archivierung von privaten Daten haben kann. Die perfekte Erinnerung des Netzes berührt dabei – auf einem existenziellen Level – unsere Fähigkeit, die eigene Identität zu kontrollieren, “inklusive der Möglichkeit, uns neu zu erfinden, neu zu beginnen(Link)”:http://www.theeuropean.de/randi-zuckerberg/2208-im-gespraech-mit-randi-zuckerberg, die Vergangenheit hinter uns zu lassen. In traditionellen Gesellschaften werden Fehltritte zwar oft bemerkt, aber nur selten vermerkt. Die Grenzen menschlicher Erinnerung sorgen dann dafür, dass unsere Sünden irgendwann in Vergessenheit geraten. Heute ist das Gegenteil der Fall. Doch neben dem Vergessen geht es noch um ein zweites soziales Gut: das Vergeben. Es ist schon ernüchternd, dass wir jetzt in einer Welt leben, die fälschlicherweise als “globales Dorf” bezeichnet wird, und über die Vorzüge dörflichen Lebens der Vergangenheit nachdenken. Im babylonischen Talmud werden Dörfer beschrieben, in denen jedwede Art von Klatsch und Tratsch – egal, ob mündlich oder schriftlich, richtig oder falsch, nett oder gemein – als schreckliche Sünde angesehen wurde. Der Talmud fordert uns auf, andere nicht an ihre Missetaten zu erinnern, weil sie dafür bereits gebüßt haben könnten und an der Erfahrung geistig gewachsen sind.

Das Internet ist nicht der Talmud

Doch das Internet ist nicht der Talmud. Die Hüter des Netzes vergeben nicht so leicht wie ihr göttlicher Vorfahre. Vielleicht werden wir uns mit der Zeit einfach daran gewöhnen, unsere Freunde und Kollegen betrunken durch Facebook-Fotoalben stolpern zu sehen. Und manche werden es auch begrüßen, dass wir uns nicht mehr hinter Scheinidentitäten verstecken können. Es ist riskanter, seine Partnerin zu betrügen, wenn man gleichzeitig jeden Aufenthaltsort über Twitter und Foursquare in die Welt hinaus posaunt. “Unsere Gesellschaft schätzt Privatsphäre(Link)”:http://www.theeuropean.de/johannes-caspar/4853-facebook-und-der-muendige-user. Sie erlaubt es uns, in verschiedenen Umgebungen verschiedene Aspekte unserer Persönlichkeit zu kultivieren. Unser Charakter kann nicht von Fremden aufgrund einer Facebook-Abfrage oder Google-Suche beurteilt werden. Wirklich kennen kann uns nur, wer Zeit hat, unsere Stärken und Schwächen kennenzulernen, uns ins Gesicht zu schauen, den Kontext unserer Handlungen zu beurteilen und zu verstehen. In der Zwischenzeit kämpfen wir alle mit den Herausforderungen einer Welt ohne Vergessen. Wir müssen neue Formen der Empathie entwickeln, wir müssen es schaffen, uns ohne Rückgriff auf die Meinungen anderer selbst zu definieren – und im Gegenzug die Identitäten anderer ohne permanentes Insistieren auf Vergangenes zu akzeptieren. Unsere digitale Spur wird nicht so schnell verwischen. Damit intelligent umzugehen ist die Herausforderung.

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