Zwei Liter Wissen gegen den Durst

von Jeanne Rubner10.07.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Dass ARD, ZDF & Co. durch Liebesschnulzen und Talkshows zur besten Sendezeit verblöden, ist kein Wunder. Die Sender sollten sich besser wieder auf ihr ureigenes Geschäft konzentrieren: Bildung statt Quote.

Die Schelte gegen die öffentlich-rechtlichen Sender ist schick geworden. Zu langweilig sind die Sendungen, zu altbacken, zu behäbig, zu flach, kurzum meistens überflüssig. Warum bringe Deutschland nicht erfolgreiche US-Serien hervor, heißt es in den Leitartikeln. Medienpolitiker fahren neuerdings gerne nach Dänemark, wo angeblich für wenig Geld spannende Drehbücher entstehen. Dass aus der Rundfunkgebühr die Haushaltsabgabe geworden ist, hat die Kritik noch einmal befeuert – bis hin zur ultimativen Forderung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch abzuschaffen.

Weg mit ARD, ZDF, den Dritten und Co.? Soll man sie – wie in Griechenland geschehen, wenn auch aus anderen Gründen – einfach dicht machen? Die Frage ist eine rhetorische, schließlich hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen gesetzlich festgeschriebenen Auftrag zu erfüllen. Dann anders gefragt: Was würde den Deutschen fehlen, wenn sie nur noch RTL, Pro Sieben und Sat 1 zu sehen bekämen? Der „Tatort“?

Weg von der Quote

Ja, aber viel mehr als nur der „Tatort“. Zum Beispiel Wissenssendungen wie „W wie Wissen“, „Quarks und Co.“ oder „Faszination Wissen“. Tierfilme, Umweltdokus. Vorlesungen über Philosophie, Sprachkurse, Gymnastik. Mag sein, dass nicht immer alles sehenswert ist. Mag sein, dass manche Wissenssendung der Privaten besser ist als die der Öffentlich-Rechtlichen. Mag sein, dass zu viele Formate parallel produziert werden. Mag sein, dass die Sender in den vergangenen Jahren zu viele Spartenkanäle gegründet haben, die viel Geld verschlingen. Aber: Es ist eine Menge sehenswerter Stoff, den die öffentlich finanzierten Sender anbieten. Und übrigens auch hörenswerter Stoff. Denn das Radio, das den Vorhersagen zufolge längst hätte tot sein müssen, ist quicklebendig und wird von vielen Millionen Menschen täglich gehört – das gilt selbst für die Kulturwellen wie Bayern 2. „Vom Volk bezahlte Verblödung“ war ein „Zeit“-Artikel über die Öffentlich-Rechtlichen einmal überschrieben. Von Verblödung kann keine Rede sein.

Einen schwerwiegenden Vorwurf aber kann man dem öffentlich-rechtlichen System machen. Es schielt, seit es in Konkurrenz zu den Privaten steht, zu sehr auf die Quote. Jeder Redaktionsleiter fragt immer zuerst, wie die Quote seiner Sendung war, auch wenn er das nie zugeben würde. Und deshalb droht das Öffentlich-Rechtliche tatsächlich zumindest ein wenig zu verblöden. Zum Beispiel mit zu vielen Quiz. Mit zu vielen Talkshows, in denen Prominente recycelt werden. Mit zu vielen seichten Liebesgeschichten, die alle gleich enden. Mit Boxen. Und wenn dann auch noch Millionen für Fußball gezählt werden, wird das Öffentlich-Rechtliche seinem Auftrag nicht mehr gerecht.

Man muss nicht alles mögen, was von 6 Uhr morgens bis Mitternacht über den TV-Bildschirm flimmert. Aber auch eine Tageszeitung druckt Artikel, die manche Leser schlecht finden. Wenn die Zeitung aber ihre Inhalte nur danach aussuchen würde, was die Leute angeblich lesen wollen, dann würde jede Zeitung wie „Bild“ aussehen. Und wenn ein Sender als einziges Kriterium für sein Programm die Quote kennt, dann wird es seinem öffentlich-rechtlichen Anspruch nicht gerecht. Die Quote einer Sendung sagt wenig über deren Qualität aus.

Wenn die Qualität stimmt

Natürlich muss jeder Autor, Redakteur, Drehbuchschreiber auch an sein Publikum denken. Was ist meine Botschaft? Was will ich wem erzählen oder beibringen? Verstehen meine Hörer oder Zuschauer das? Eine Radio- oder Fernsehsendung darf nicht am Publikum vorbei gemacht werden. Aber sie darf eben auch nicht niveaulos sein, nur damit mehr Menschen sie hören oder sehen.

Bildungsfernsehen, das hat einen schlechten Klang. Doch was soll daran schlecht sein, wenn die Sender einer Wissensgesellschaft auch Wissensinhalte senden? Wenn sie über Umweltkatastrophen aufklären, die Technik des Abhörens erklären oder die dubiosen Praktiken der Transplantationsmediziner aufdecken? Was soll schlecht daran sein, wenn Sender in einer Zeit, in der Bildung mehr als je zuvor zählt, Sprachkurse und Philosophievorlesungen ausstrahlen? Wissen und Bildung – das ist das ureigene Geschäft der Öffentlich-Rechtlichen. Und es gehört ins Hauptprogramm, es muss zur besten Sendezeit gesendet und nicht in Bildungskanäle oder auf Plätze nach 23 Uhr verbannt werden.

Qualität und Quote schließen sich nicht zwangsläufig aus. Aber der extreme Quotendruck verträgt sich schlecht mit dem Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. Daran sollten ARD und Co. sich gelegentlich erinnern. Wenn die Qualität und die Inhalte stimmen, dann wird auch die Kritik am „Staatsfernsehen“ und den „Zwangsgebühren“ verstummen.

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