Die Rückkehr der Ewiggestrigen

von Jean-Paul Picaper31.05.2010Außenpolitik, Wirtschaft

Durch die Krise des Euro werden nationalistische und euroskeptische Meinungen wieder salonfähig – auf beiden Seiten des Rheins. Zum Glück haben Merkel und Sarkozy das jetzt erkannt.

Als die Krise kam, erhielten die Euroskeptiker in Deutschland und Frankreich Aufwind. Wie Würmer, wenn der Regen kommt, krochen sie aus ihren Löchern, wohin die Erfolgsstory des Euro sie verbannt hatte. “Die Euro-Dämmerung” lautete ein Titel der “Jungen Freiheit”. Auch “Bild” verbreitete Angst vor Europa, Angst vor den Schulden. “Griechenland” wurde in Deutschland zum Unwort. Es heißt jetzt, dass die Länder des “Club-Med”, Portugal, Spanien, Italien und auch Frankreich, das nicht genannt wird, aber immer gemeint ist, den deutschen Lebensstandard um 15 Prozent nach unten ziehen werden. Nicht nur das Leierlied der Professoren Schachtschneider, Nölling, Starbatty, Hankel, der “vier Musketiere”, die den Euro bekämpfen, sondern schon das Rollen schwereren Geschützes wurde hörbar, als u. a. Günther Deschner im nationalistischen Nachrichtenmagazin “Zuerst” im Februar 2010 schrieb: “Schon Maastricht war laut ‘Figaro’ ein ‘Versailles ohne Krieg’. Dass Kohl als ‘Kanzler der Einheit’ vor solchen Zumutungen einknickte, hat uns Deutsche seither sehr viel Geld gekostet. ‘Le Boche payera tout!’ war das Motto des Versailler Friedensvertrags von 1920.” Niemand bestreitet den von Clemenceau 1919 angerichteten Schaden, auf dem Hitler später sein Süppchen kochte.

Der Zement bröckelt

Leider tritt die hypernationalistische Gesinnung von damals, die Europa Millionen von Toten gebracht hat, heute wieder aus der Finsternis heraus. Kluge Politiker wie Adenauer, Schmidt und Kohl hatten sie mit der Zementierung des deutsch-französischen Europas überwinden wollen. Aber Zement bröckelt. Die Krise des Euro wird missbraucht, um überholte Ressentiments zu schüren. Auch in Frankreich holen Germanophoben, Souveränisten und sonstige Ewiggestrige alte Klamotten aus der Versenkung. Der Verdacht aus den späten 30er- und aus den frühen 70er-Jahren, dass Berlin nach Moskau abdriftet, ist wieder “in”. So meinte in der “Welt am Sonntag” der Publizist André Glucksman, dass Merkels Deutschland sich jetzt von Westeuropa ab- und Russland zuwendet. Sein Kollege Alexandre Adler behauptete in “Le Figaro”, dass Merkels Deutschland “eine schwere Scheidung von allen anderen Euro-Partnern” anstrebt, um “ein Bündnis mit Russland außerhalb der Eurozone zu schmieden, wofür Schröders Einzug in Gazprom das Vorzeichen war”. Die Journalistin Christine Clerc schreibt in “Valeurs Actuelles”, dass “ein Satz auf Deutsch, wird er nicht so musikalisch wie in Mozarts Opern ausgesprochen, sie unweigerlich an die deutsche Besatzung erinnert”.

Die Verteidigung des Euro ist Chefsache

Auch Frankreich hat seine Euroskeptiker unter den Professoren: Beispiele Jean-Jacques Rosa, Gérard Lafay, Jacques Sapir und Alain Cotta. Letzterer schreibt, dass Deutschland aus dem Euroclub “ausscheren wird, wenn es außer Griechenland auch noch Spanien, Portugal und morgen Frankreich helfen muss – es wird sich dann seinem überlieferten Einflussbereich, Mitteleuropa und auch Russland widmen”. Zum Glück haben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy begriffen, dass es jetzt ums Eingemachte geht. Beide haben die Verteidigung des Euro zur Chefsache erklärt. Der ehemalige französische Premierminister Edouard Balladur, ein kluger Mann, der Sarkozy nahe steht, hat gewarnt: “Geben wir den Euro auf, dann verabschiedet sich Europa von der Geschichte.” Nichts anderes meinte Angela Merkel, als sie neulich in Aachen äußerte: “Scheitert der Euro, dann scheitert nicht nur das Geld, dann scheitert mehr, dann scheitert Europa, dann scheitert die Idee der europäischen Einigung.”

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