Mehr Diversität in den Führungsetagen ist wirtschaftlich erfolgreicher | The European

Alle reden über Gleichberechtigung, aber es tut sich wenig

Janina Kugel15.12.2021Medien, Wirtschaft

Über Gleichberechtigung wird viel geredet. Passiert ist bisher wenig. Dabei zeigen Studien seit vielen Jahren, dass Unternehmen mit mehr Diversität in den Führungsetagen profitabler, innovativer und langfristig wirtschaftlich erfolgreicher sind. Von Janina Kugel.

Diversity Equality Inclusion - alle reden davon, aber es passiert wenig, Quelle: Shutterstock

„Was – schon wieder ein Text zu Diversität?“, mögen sich manche von Ihnen jetzt denken und finden, es sei doch schon lange genug über die Frage der Geschlechter gesprochen worden und neue Themen sollten in den Fokus rücken. Stimmt, gesprochen wird darüber schon eine ganze Weile, viel bewegt hat sich allerdings nicht. Es geht nicht nur darum, dass Frauen auch in Spitzenpositionen ankommen und sichtbar werden, sondern darum, strukturelle Defizite und überholte Rollenvorbilder in unserer Gesellschaft zu überwinden. Gleichberechtigung muss für alle gelten. Frauen machen die Hälfte unserer Gesellschaft aus, Mädchen machen die besseren Schulabschlüsse und Frauen schließen häufiger erfolgreich ein Studium ab als Männer. Und dennoch sind sie längst nicht überall repräsentiert.

Dabei zeigen Studien seit vielen Jahren, dass Unternehmen mit mehr Diversität in den Führungsetagen profitabler, innovativer und langfristig wirtschaftlich erfolgreicher sind. Dass sie zudem eine bessere Compliance aufweisen als Unternehmen mit weniger diversen Führungsteams, ist beachtenswert. Zwar sind Entscheidungen in diversen Teams nicht immer einfacher, da unterschiedliche Perspektiven und Prioritäten eingebracht und berücksichtigt werden müssen, die Ergebnisse sind jedoch klar besser. Dies gilt im Übrigen für jegliche Form der Diversität, nicht nur das Geschlecht, auch Alter, kultureller Hintergrund und unterschiedliche Erfahrungen zahlen positiv ein.

Eine der Barrieren liegt darin, dass über Besetzungen, anders als meist angenommen, nicht nach objektiv messbaren Kriterien entschieden wird, sondern nach dem Ähnlichkeitsprinzip. Menschen umgeben sich gerne mit Menschen, die so sind wie sie selbst, das gilt für Herkunft, Ausbildung und Geschlecht. Es wird den Menschen am meisten zugetraut, die einem am meisten ähneln. Da Entscheider oft Männer sind, werden bevorzugt Männer befördert. Übrigens: In Bereichen, in denen Frauen die Besetzungsentscheidungen treffen, ist das gleiche Phänomen andersherum zu beobachten. Oder kennen Sie viele männliche Erzieher in Kitas?

Rosabeth Moss Kanter, eine Soziologin und Professorin an der Harvard Business School, untersuchte schon vor Jahrzehnten, dass Minoritäten dazu neigen, sich den Majoritäten anzupassen. Es bleibt ihnen oft gar nichts anderes übrig, denn erst, wenn ein Diversitätsanteil von mindestens 30 Prozent im Team erreicht ist, tritt die jeweilige zugeschriebene Eigenschaft – also zum Beispiel das Geschlecht, das Alter oder die Hautfarbe – in den Hintergrund und die Argumente zählen als solche. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, mahnte die scheidende Bundeskanzlerin bei einem Festakt zu 100 Jahren Frauenwahlrecht. Wie recht sie hat. Frauen als „Tokens“ zu nutzen, mag das eigene Gewissen beruhigen, eine nachhaltige Veränderung ist das aber noch lange nicht.

Deutschland ist kein Land mit vielen Rohstoffen, das beste Kapital, über das wir verfügen, sind die Menschen, die in unserem Land leben. Der Fachkräftemangel ist in manchen Bereichen bereits augenscheinlich und unsere Bevölkerungsdemografie spielt uns auch nicht in die Karten. Wer also auf Frauen verzichten will, verzichtet auf die Hälfte des gut ausgebildeten Potenzials in der Bevölkerung, was nicht nur kurzsichtig, sondern auch fahrlässig ist.

Es liegt auf der Hand, dass dies nicht allein Aufgabe der Unternehmen sein kann, sondern auch der Staat gefordert ist. Solange Steuerinstrumente nicht neutral wirken, sondern falsche verhaltensökonomische Anreize setzen, werden sich Rollenbilder nur langsam ändern. Solange Betreuungsstrukturen für Kinder und ältere Familienangehörige nicht so ausgelegt sind, dass Vollerwerbstätigkeit für alle Erwachsenen möglich ist, sondern davon ausgegangen wird, dass Frauen die Care-Arbeit übernehmen, bleibt ihr Potenzial ungenutzt.

Deutschland will und muss seine Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich sicherstellen. Dies kann aber nicht gelingen, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht partizipieren kann.

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