Aufhebung von Patentschutz für die Corona-Vakzine ist keine Lösung | The European

Die Aufhebung des Patentschutzes ist nicht die Antwort auf die weltweite Impfproblematik

Jan Witt22.05.2021Medien, Wirtschaft

Soll der Patentschutz für die Corona-Vakzine vorübergehend ausgesetzt werden? Das ist die Frage, mit der sich aktuell internationale Entscheidungsträger auseinandersetzen. Allerdings gibt es aus der Perspektive von Innovation und geistigem Eigentum (IP) einige Punkte, die darauf hindeuten, dass die Aufhebung des Patentschutzes nicht die gewünschte Wirkung haben wird – und gleichzeitig Folgeschäden verursachen könnte. Von ANAQUA Sales Director DACH Jan Witt.

Impfungen gegen das Coronavirus, Quelle: Shuttrstock

Hohe Investitionen in Impfstoffforschung notwendig

Gerade bei der Entwicklung von neuen Medikamenten und Impfstoffen sind im Vorfeld große Investitionen notwendig, deren Erfolge für die Pharmaunternehmen unvorhersehbar sind. Auch der komplexe Entwicklungs- und Prüfprozess ist keine Garantie für eine Marktzulassung. Auf jeden erfolgreich zugelassenen Impfstoff kommen mehrere Medikamente/Vakzine, deren Entwicklung aufgrund negativer Ergebnisse in der Entwicklungs- und Testphase vorzeitig abgebrochen werden mussten.

Aus diesem Grund gelten für die Pharmabranche einige besondere Regelungen: So gibt es unter gewissen Voraussetzungen die Möglichkeit für Pharmaunternehmen, ergänzende Schutzzertifikate zu beantragen, um sich für weitere fünf Jahre Marktexklusivität für ein Arzneimittel zu sichern. Dadurch sollen Investitionen im Pharmasektor angeregt und die lange Zulassungszeit ausgeglichen werden. Ein wirksamer Patentschutz sorgt generell auf der ganzen Welt als garantiertes Schutzrecht dafür, dass die Grundlage für Investitionen in medizinische Innovationen geschaffen wird.

Entscheidend ist, Investitionen für Impfstoffe aller Art zu fördern, noch bevor die Notwendigkeit für diese besteht. Es waren private Unternehmen, die durch ihre Arbeit an Coronaviren vor Beginn der Pandemie dazu beigetragen haben, die Entwicklung der aktuellen COVID-19-Impfstoffe zu beschleunigen. Ohne diesen Wissensvorsprung würde die Welt immer noch auf die Entwicklung eines Impfstoffs warten. Angesichts des Potenzials für Mutationen, die regelmäßige Anpassungen der aktuellen COVID-19-Impfstoffe erforderlich machen, ist es umso bedeutender, dass private Unternehmen weiterhin motiviert sind, in fortlaufende Forschung zu investieren.

Patentschutz ist nicht das Problem

Zudem ist die ausschließende Natur von Patenten nicht immer das Hauptproblem. Um ein geschütztes Medikament oder einen Impfstoff trotz eines bestehenden Patents herzustellen, können andere Unternehmen eine Lizenz vom Patentinhaber erwerben. So hat der COVID-19-Impfstoffhersteller Moderna bereits angekündigt, freiwillig Lizenzen zu vergeben. Dieser Schritt könnte andere Hersteller dazu veranlassen, das Gleiche zu tun. Die Erteilung von Lizenzen ist jedoch derzeit nur ein kleiner Bestandteil, damit die Produktion und flächendeckende Versorgung mit SARS-CoV-2-Impftstoffen gewährleistet werden kann. Die Eindämmung der COVID-19-Pandemie birgt noch weitere Herausforderungen, wie etwa ein Mangel an Rohstoffen, Vorprodukten sowie notwendigen Produktionskapazitäten und geschulten Mitarbeitern. Mit der Freigabe von Lizenzen durch Aufhebung des Patentschutzes allein lässt sich das Problem der benötigten Versorgung mit Vakzinen nicht lösen.

Patente schaffen Transparenz und Informationsaustausch

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Stärkung des Wissensaustausches durch Patente. Dadurch dass Patentanmeldungen zeitnah veröffentlicht werden müssen, wird der neueste Erkenntnisstand der Forschung schnell innerhalb der Branche verbreitet. Dies ermöglicht es anderen Forschern, auf diesen Erkenntnissen aufbauend die technische und wissenschaftliche Entwicklung im gleichen Feld voranzutreiben. Ohne Patente würden viele Forschungsergebnisse stattdessen möglichst lange geheim gehalten werden, damit Mitbewerber das Know-how nicht einfach kopieren können. Eine Aufweichung des Patentschutzes würde den Fortschritt in der Medizinforschung also eher verhindern, statt ihn zu fördern.

Außerdem sind sich pharmazeutische Unternehmen ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Entwicklung wichtiger lebensrettender Medikamente sehr bewusst. In der Branche ist es gang und gäbe, Medikamente unter “compassionate use” oder “expanded access”-Programmen zur Verfügung zu stellen und klinische Studiendaten zwischen Forschern zu teilen, um die medizinische Forschung voranzutreiben und Menschen zu helfen, die Pflege benötigen. Der Schlüssel zu diesem Austausch von Informationen und Medikamenten ist eine sichere und dokumentierte Vorgehensweise, die keine Rückschläge in der laufenden Forschung verursacht.

Unvorhersehbare Folgen der Aufhebung des Patentschutzes

Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Patente, die für die Herstellung aller Materialien sowie der Abfüll- und Aufbereitungsmaschinen zur Produktion des Impfstoffs COVID-19 erforderlich sind. Sollen diese allesamt freigegeben werden? Und wie würde sich das auf die Qualitätskontrolle dieser wichtigen Komponenten auswirken?

COVID-19-Impfstoffe sind äußerst komplex. Selbst die derzeitigen Hersteller haben Probleme mit der Qualitätskontrolle, da sie die Produktionsgeschwindigkeit mit der weltweiten Nachfrage in Einklang bringen müssen. Das Einbinden zusätzliche Hersteller, die für diese Produktion nicht entsprechend qualifiziert sind und keine adäquate Aufsicht haben, könnte zu einer Vergeudung von Rohstoffen führen, die ohnehin nur begrenzt verfügbar sind. Und wie würde sich dies auf die globalen Lieferketten auswirken, die ohnehin schon bis an die Grenzen ausgelastet sind? Die Aufhebung des Patentschutzes birgt zahlreiche potentielle Probleme und ungeahnte Risiken.

Während die Staats- und Regierungschefs also darüber diskutieren, wie die andauernde COVID-19-Pandemie beendet werden kann, sollten sie auch den potenziell zukünftigen Schaden eines Verzichts auf Patente prüfen und besser alle Länder bei der schnellen Produktion weiterer Impfstoffe unterstützen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Letzte Atomkraftwerke in Sicherheitsbereitschaft halten

Nach Auffassung der Akademie Bergstraße empfiehlt es sich, die letzten sechs Atomkraftwerke Ende diesen und Ende des nächsten Jahres nicht endgültig stillzulegen und abzureißen, sondern vielmehr in die Sicherheitsbereitschaft zu überführen und betriebsbereit zu halten. Die Bundesregierung soll

Mehr als 1200 Astronomen weltweit fordern das Webb-Teleskop umzubenennen

Sein Name wird für Jahrzehnte mit jenen Informationen verbunden sein, die das nach ihm benannte James-Webb-Space-Telescope künftig zur Erde funkt. Doch James Webb ist ein umstrittener Mann, jedenfalls im Nachhinein: Die Schwulen-und-Lesben-Community macht gegen ihn Front. Sie will das Teleskop umb

Die sieben schlimmsten Fehler der deutschen Corona-Politik

Verstehen Sie mich richtig: Ich gehöre durchaus zur Abteilung Vorsicht, wenn es um den Umgang des Bürgers mit Corona geht! Ich erkenne jedoch an einer wachsenden Zahl von Beispielen, wie immer mehr politische Entscheidungen in die falsche Richtung gehen und die Menschen verunsichern. Es ist höchs

Ärzte aus Österreich äußern sich kritisch gegen Impfdruck

"The European" veröffentlicht hier einen offenen Brief von rund 200 österreichischen Ärzten, der sich an den Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer richtet.

Lobbyisten-Check wäre der beste Fakten-Check

Die öffentlich-rechtlichen Sender machen denselben Fehler, obwohl ihre Nachrichtensendungen keine Satiresendungen sind. Sie melden immer häufiger, um wieviel die Zahl der „Corona-Toten“ gestiegen ist und vergessen darauf hinzuweisen, dass man, wenn Menschen mit einer Corona-Infektion sterben,

„Sind kein Haufen von Verbrechern“

Die Beziehungen zwischen Russland und Europa sind frostig. Kreml-Berater Sergej Karaganow findet, die EU habe ein falsches Bild von Russland und die NATO sei auf Aggression aus. Während Europa zerbricht, wendet sich Russland China zu. Das Interview haben Anne Liebig und Robert Perischa von „Der

Mobile Sliding Menu