Schritt in die falsche Richtung

von Jan-Uwe Rogge17.04.2011Gesellschaft & Kultur

Was Amy Chua als asiatische Hardcore-Mama unter Erziehung versteht, ist indiskutabel. Man hört die Kinder geradezu weinen, die nach ihren Maßstäben erzogen werden. Wir müssen uns auf die Pädagogen Pestalozzi, Humboldt, Montessori oder Dreikurs besinnen und unsere Kinder ernst nehmen.

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat“, so formulierte einst der Psychologe Paul Watzlawick mit spitzer Feder, „der sieht in jedem Nagel ein Problem.“ Das scheint für die Professorin und Mutter Amy Chua, die für viel mehr Härte und unnachgiebige Strenge in der Erziehung plädiert, zu gelten. Sie sieht in den „weichen“ amerikanischen und europäischen Erziehungsbemühungen, die die Kinder verzärteln, ein herausragendes Problem. Kinder würden so zu Weichlingen gemacht, die dem gesellschaftlichen Druck und der Härte des beruflichen Alltags nicht mehr standhalten. Deshalb kann elterlicher Druck, könne Unnachgiebigkeit gar nicht früh genug beginnen.

Man hört die Kinder geradezu weinen

Nun wird es immer wieder Heranwachsende geben, die die eiserne Eltern-Faust überstehen, der wunderbare Pianist Lang Lang ebenso wie Wolfgang Amadeus Mozart seinerzeit mögen als Beleg dafür gelten. Es pflastern aber viele Leichen jenen Pfad, der von Amy Chua, auch „Tiger-Mama“, aufgezeigt wird. Man hört die Kinder geradezu weinen, die man mit menschenverachtender Strenge und Härte quälte, ihren Willen brach, sie zu angepassten Menschen machte, denen es an Eigenständigkeit und Selbstwertgefühl mangelt. Es ist ein großer Verdienst der pädagogischen Diskussion in den letzten zweihundert Jahren, Erziehung nicht als Dressur und Zurichtung zu begreifen, sondern Kindern einen Raum zu geben, um sich, ihren Körper, ihren Geist und ihre Persönlichkeit auszubilden. Amy Chuas Plädoyer ist der Rückfall in jene schwarze Pädagogik, die vor mehr als zweihundert Jahren in der europäischen Erziehungsdebatte einen unrühmlichen Höhepunkt hatte, jener schwarzen Pädagogik, die gegenwärtig manchmal aufflackert, wenn unreflektiert von Zucht, Ordnung und Disziplin die Rede ist, jene schwarze Pädagogik, die glauben machen will, wonach der berühmt berüchtigte Klaps noch niemandem geschadet habe. Amy Chuas Auffassungen sind ein unverhohlenes Attentat auf die Menschenrechte von Kindern, deren Umsetzung und Einhaltung allenthalben und immer wieder gefordert werden. Nun wabert Amy Chuas unausgegorener Gedankenbrei schon seit Wochen durch die Zeitungen. Zeitschriften und Talkshows, sorgt für Aufschrei und Empörung. Das zeigt nur, wie man mit krassen Thesen mediale Aufmerksamkeit erzielen kann.

Das Kind ernst nehmen

Dabei kann es nicht darum gehen, sich inhaltlich mit den kruden Thesen einer akademischen Lehrerin auseinanderzusetzen. Die europäische Bildungstradition stellt einen Gegenpol dar – und dies über lange Zeiträume. Ob diese Tradition überall und zu jeder Zeit umgesetzt und gelebt wurde, das ist freilich eine andere Frage! Es ist jedenfalls einer der großen Verdienste von Pädagogen wie Pestalozzi, Humboldt, Montessori oder Dreikurs, das Kind als Subjekt ernst zu nehmen und Rahmenbedingungen aufzuzeigen, den Kindern Raum und Zeit zu geben, sich zu eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Erziehung, so Goethe, habe nicht mit der Anwendung von Techniken zu tun; Erziehung entwickelt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen. Erziehung stellt sich als eine Haltung dar, eine Haltung mir gegenüber, als Vater und Mutter, als Erzieher und Pädagoge und eine Haltung dem Kind gegenüber. Eine Haltung, die gekennzeichnet ist von Respekt und Achtung auf beiden Seiten – der Seite der Eltern wie der Kinder. Dieser Grundsatz sollte nicht infrage gestellt werden, sonst besteht die Gefahr, ins pädagogische Mittelalter zurückzufallen. Amy Chuas Buch ist ein Schritt dorthin. Ein Trost: Solche Bücher sind so schnell vergessen wie das Interesse aufgeflammt ist. Und das ist gut so!

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