Die Regierung befriedigt Klientelinteressen. Hugo Müller-Vogg

Der Letzte macht das Licht aus

Das Fernsehen droht, den Medienwandel zu verpassen. Die Quotengaranten von gestern tummeln sich heute auf Youtube oder Blogs, übrig bleibt ein Nischenpublikum. Engagement statt Entertainment heißt die Losung für die Zukunft.

Das Internet hat für viele junge Menschen längst den Status des Leitmediums gegenüber dem Fernsehen: In der täglichen Nutzungsdauer liegt es bei den 12- bis 19-Jährigen nach der aktuellsten JIM-Studie bereits vor dem TV. Und im Alltag ist dieser Gruppe das Internet bereits deutlich wichtiger (86 Prozent) als das Fernsehen (56 Prozent). Die direkte Kommunikation über jedes Thema, auch innerhalb der sozialen Netzwerke, macht das Internet stark. Und lässt der jungen Generation das Passivmedium Fernsehen gestrig erscheinen.

Das Dogma der Einschaltquote

Seine Entwicklung hat das Fernsehen durch die Privatisierung im Jahr 1984 vorweggenommen: Mit Privatsendern wurde die Einschaltquote als sinnstiftendes Dogma für Erfolg installiert. Dem Marktanteil verpflichtet, produzieren sie effekthascherische und skandalisierende Programme. Die größte Gruppe der TV-Konsumenten nutzen diese „zum Abschalten vom Alltag“, zur Unterhaltung – das Fernsehen ist Tagesbegleitmedium. Tendenziell sieht die zweite Zuschauergruppe bewusst fern und schaltet Programme gezielt ein; dies sind Konsumenten unter anderem der öffentlich-rechtlichen Informationsangebote sowie der Pay-TV-Programme, deren Reichweiten zuletzt anstiegen. In Zukunft muss das Fernsehen eine dritte Gruppe von aktiven Fernsehnutzern (damit nicht mehr Zuschauern) hervorbringen, um dem (Noch-)Leitmedium neue Relevanz zu verleihen.

Diese neuen Fernsehnutzer werden zunächst jene Menschen sein, die sich bereits jetzt im Internet aktiv engagieren, durch Blogs, Facebook-Diskussionen oder YouTube-Channels. TV-Zukunft muss darauf hinauslaufen, diese virtuelle meinungsbildende Gesellschaft zu erreichen und ihr im Fernsehen eine Plattform zu bieten. Zwei Ansätze zeigen, wie dies bereits im kleineren Umfang geschieht: In der Polit-Talkshow „Maybrit Illner“ können per YouTube-Video Fragen an die Politiker gestellt werden und beim Digitalsender ZDFneo bestimmen die Zuschauer im „TVLab“ per Internet-Voting, welches von zehn Pilotformaten in Serie geht. Künftig könnten Live-Debatten mittels sozialer Netzwerke im Fernsehen veranstaltet und Streitpunkte mittels konstruktiver Diskussionen – bei regionalen politischen Themen wie „Stuttgart 21“ – gegenübergestellt werden. Wünschenswert, aber nicht essenziell ist die direkte Kommunikation zwischen Repräsentanten und Repräsentierten, sei es in Politik, Ökonomie oder im Sinne eines interkulturellen, paneuropäischen Austauschs.

Die Debatte ersetzt die Berieselung

Warum braucht es das alte Medium dafür überhaupt noch? Internet-Diskussionen laufen isoliert in einem virtuellen Raum ab, der einen Teil der Gesellschaft ausklammert. Durch Verbindung mit dem Fernsehen, das als Leitmedium immer noch deutlich mehr Menschen gleichzeitig erreichen kann als das Netz, liefe ein Diskurs auf breiterer gesellschaftlicher Ebene ab, was wiederum dem Diskurs selbst mehr aktive Teilnehmer zuführte. So könnte das soziale Internet-Fernsehen Katalysator und Multiplikator der Debattenkultur im Netz sein. Schafft es das Fernsehen nicht, die Menschen aktiv in seine Gestaltung einzubinden, so bliebe diejenige Gruppe passiver TV-Zuschauer übrig, welche sich durch banale Unterhaltung berieseln lässt. Meinungsaustausch und Informationsbeschaffung fänden in Zukunft, wenn die digital natives älter werden, fast ausschließlich im Netz statt. In letzter Konsequenz hätte das Fernsehen seine Vormachtstellung als Leitmedium und relevantestes Kommunikationsmittel schon in wenigen Jahren eingebüßt.

Um weiterhin als wichtige Informationsquelle wahrgenommen zu werden, muss es sich vom Passiv- zum Aktivmedium wandeln. Erkennen dies die Sender nicht, haben sie den Sinn hinter dem digitalen Zeitalter nicht verstanden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roger Köppel, Wim Weimer, Christiane Goetz-Weimer.

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