Jakob Augstein und Nikolaus Blome im Streitgespräch

von Jan Rebuschat5.10.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Seit bald sechs Jahren diskutieren Jakob Augstein und Nikolaus Blome wöchentlich bei Phoenix über das aktuelle politische Geschehen. Nun erscheint mit „Links oder rechts?“ eine Sammlung von dreißig Streitgesprächen der Journalisten in Buchform.

Doch beginnt das Buch nicht mit Streit, sondern mit Einigkeit: Die gemeinsame Position der Autoren ist, dass die Demokratie nicht Gegensätze überwinden und zu einem absoluten Konsens führen solle, sondern gerade dieser Gegensätze bedürfe, um funktionieren zu können – “Gibt es zu wenig Streit, schläft die Demokratie ein. Gibt es zu viel, zerreißt sie.” Hierfür müssten sich die Akteure auf der politischen Achse „links oder rechts“ eindeutig positionieren. Denn der kontinuierliche Streit zwischen diesen beiden Positionen sei der Motor, der eine Demokratie antreibe. Augstein und Blome sehen daher auch in der “politischen Horizontverengung” (Herfried Münkler), also der Annäherung der Parteien in der politischen Mitte, eine Ursache für die aktuell wachsende Verachtung der Demokratie und der offenen Gesellschaft: Polarisierung sei “das beste Mittel gegen politische Radikalisierung”.

Es geht den Autoren jedoch nicht um eine tiefgehende Erörterung dieser Grundannahme, sondern vielmehr um die Darstellung der gelebten Polarisierung “links gegen liberal-konservativ, visionär versus vernünftig” (wie es der Klappentext formuliert). In den Abschnitten Macht, Geld, Moral, Heimat, Wir und Die finden sich Streitgespräche, in denen es unter anderem um Angela Merkel, Kapitalismus, Home-Ehe, AfD, Brexit und Islam geht. Aufbau und Sprache erinnern hierbei stark an das bekannte Fernseh-Format. Doch beinhaltet das Buch nicht lediglich eine Art “Best of” aus den Fernseh-Debatten, sondern entstand auf der Grundlage regelmäßiger Treffen.

Fünf Jahre Augstein versus Blome

Augstein und Blome diskutieren offensichtlich leidenschaftlich gern miteinander: es ist ein schneller Schlagabtausch, in dem jede Gelegenheit zum Gegenangriff genutzt wird. Man merkt andererseits natürlich, dass die Diskussionspartner Sympathie füreinander empfinden; das zeigt bereits die Einleitung, welche fast schon nostalgisch auf die letzten fünf Jahre “Augstein und Blome” blickt. Eine Spannung, wie zum Beispiel bei den Debatten Gore Vidals und Willam Buckleys, darf man daher nicht erwarten. Dafür gibt es dann doch zu viele Schnittmengen zwischen den Diskussionspartnern, was sich beispielsweise an den Positionen zur Europäischen Union zeigt.

Vorbildlich ist, dass Augstein und Blome ausdrücklich Position beziehen; nie flüchten sie sich in vage Formulierungen, in deren Auslegungsspielraum sich manch einer gern verschanzt. Die beiden Autoren bekennen eindeutig Farbe. Das ist nichts Neues, aber wichtig für das Buch: Sie werden ihrer Forderung nach deutlicher Positionierung gerecht. Als einzig negativen Punkt könnte man vorbringen, dass manche Kapitel etwas länger hätten ausfallen können: Die Antagonisten verlassen zuweilen dann die Arena, wenn es gerade spannend und interessant wird. Sollte es zu einem weiteren Buch dieser Art kommen, dann wäre es zudem reizvoll, weitere Gesprächspartner einzubeziehen. Dies würde den Texten noch mehr Kontrast verleihen und eine exaktere Verortung Augsteins und Blomes durch den Leser ermöglichen: Ein Gregor Gysi wird eine andere Vorstellung von Links haben, als Jakob Augstein.

“Links oder rechts?” ist eine gelungene Sammlung von Streitgesprächen. Am besten wird einem das Buch wahrscheinlich dann gefallen, wenn man sich mit keinem der beiden Akteure vollständig identifizieren kann: Als Leser fühlte ich mich durchgehend wie der dritte Mann in der Debatte, der mal dem einem, mal dem anderen oder keinem von beiden zustimmte. Tatsächlich wünschte ich mir oft eine dritte Stimme in dem Buch: “Jetzt hören Sie doch mal auf, das ist doch Quatsch.” Am stärksten ging es mir so bei dem Kapitel Heimat. „Heimat und Leitkultur sind ganz wichtige Begriffe.“, schreibt dort Augstein. Das klingt nach romantischen Binsen, die gern gestreut werden, wobei oft Heimat mit dem Nationalstaat, Leitkultur mit der eigenen Lebensweise gleichgesetzt werden. An anderer Stelle bedient sich Blome dem Stereotypus: “[Merkel] kann Krise besser als Kunst. Das geht den meisten Deutschen genauso.“, so als ob wir Deutsche alle aus demselben Guss stammten mit minimalen Abweichungen. Aber gerade diese Spannungen machten das Lesen reizvoll: Wer ein Buch liest, um letztlich nur seine eigene Position bestätigt zu bekommen, braucht den Umschlag gar nicht erst aufzuklappen.

„Links oder rechts?“ ist am 11. Oktober 2016 beim Penguin Verlag (München) erschienen und kostet als Taschenbuch 13 €.

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