Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Schweigen ist feige, Reden ist Gold

Die Euro-Krise beschäftigt die Deutschen, doch die Kanzlerin schweigt. Ihr gelingt es nicht, das eigene Volk emotional anzusprechen, obwohl sie schon bewiesen hat, dass sie das kann. Zum Wohle der Demokratie in Deutschland sollte sie dringend mit den Bürgern in einen echten Dialog treten.

Die deutsche Bevölkerung gleicht in der Eurokrise einem Patienten, der bei vollem Bewusstsein am offenen Herzen operiert wird. Ein Vorgespräch mit den Ärzten hat nicht stattgefunden. Erst während ihm die Brust aufgeschnitten wird, kann der Patient die Chefärztin fragen, warum dieser risikoreiche Eingriff durchgeführt wird. Übertragen auf die Eurokrise, fragt die Bevölkerung die Bundeskanzlerin: „Sind Griechenland und der Euro noch zu retten? Wird die Währungsunion entgegen aller Versprechen zur Transferunion? Warum soll der deutsche Steuerzahler für Pleitestaaten geradestehen, die jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben?“ Die Fragen im OP werden immer lauter, doch die Bundeskanzlerin geht mit der Selbstherrlichkeit einer Halbgöttin in Weiß darüber hinweg.

Sehnsucht nach Pathos

Kommunikation leitet sich vom lateinischen „communicare“ ab und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“. Doch die Bundeskanzlerin verweigert sich der Kommunikation im wörtlichen Sinne. Dabei ist Angela Merkel bei Hintergrundkreisen mit Journalisten durchaus in der Lage, anschaulich zu erklären, sie gilt als witzig und charmant. Grundsätzlich hat sie auch die Fähigkeit, eine politische Botschaft mit einer persönlichen Narration zu transportieren, wie sie im November 2009 mit ihrer Rede vor dem US-Kongress unter Beweis gestellt hat. Warum gelingt es der Kanzlerin nicht, ihr eigenes Volk so emotional anzusprechen? Vielleicht glaubt sie, dass ihre Landsleute Pathos nicht goutieren. Die These, die politische Kultur der Bundesrepublik begünstige eher den rein sachlichen Politikertypus, wird in der deutschen Politik gerne als Ausrede für uninspirierte Rhetorik verwendet. Doch 200.000 Deutsche bei Obamas Rede vor der Berliner Siegessäule zeigen, dass es auch hierzulande eine Begeisterungsfähigkeit für charismatische Politiker gibt.

Lernen von Obama

Zwar blicken manche Kommentatoren dieser Tage lustvoll auf den „entzauberten“ Obama, den vermeintlichen Blender, dem sein Charisma und seine rhetorische Brillanz auch keine besseren Arbeitslosenzahlen und Wirtschaftsdaten bescheren. Doch bei aller Schadenfreude wird gerne übersehen, dass Obama immerhin dem Volk sein Handeln möglichst einfach und bildhaft zu erklären versucht. Um für seine komplizierte Gesundheitsreform zu werben, erzählte er von seiner Tante, die ihre Krankheit wohl überlebt hätte, wenn sie besser versichert gewesen wäre. Als im Sommer die Finanzkrise einem neuen Höhepunkt entgegensteuerte, sprach er in drei Wochen 20 Mal zu seinem Volk – so oft wie kein Präsident vor ihm.

Vielleicht ist Merkels Schweigen eine Schutzmaßnahme. Tatsächlich fördert der 24-Stunden-Takt der modernen Berichterstattung eine gewisse Vorsicht der politischen Akteure. Jeder unachtsam geäußerte Halbsatz wird in Sekundenschnelle verbreitet und kann eine ungewollte Dynamik auslösen. Dazu tragen auch die Online-Medien mit ihrem Hang zur Zuspitzung bei. Aber das Internetzeitalter bietet den Politikern auch Chancen, vorbei an den konventionellen Medien mit den Wählern in Kontakt zu kommen. Auch das bewies Barack Obama. Das Internet bietet die Möglichkeit, Zielgruppen direkt und auf unkonventionelle Weise anzusprechen, Inhalte auf Individuen zuzuschneiden und um Unterstützung für die Politik zu werben. Um auch dem demokratischen Prozess in Deutschland neues Leben einzuhauchen, sollte speziell die Bundeskanzlerin nicht erst im nächsten Bundestagswahlkampf, sondern ab sofort als Regierungschefin alle zur Verfügung stehenden Kanäle nutzen, um endlich mit den Bürgern in einen echten Dialog zu treten. Der Patient auf dem OP-Tisch wartet auf Antworten von seiner Chefärztin.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Volker Wissing, Markus Söder.

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