Haltet den Dieb!

von Jan Pechmann23.09.2009Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Erst das Geld verzockt, dann mit Steuergeldern gerettet worden und jetzt CSR predigen? Jan Pechmann, Geschäftsführer der Strategieagentur diffferent, über die Grenzen unternehmerischen Gutmenschentums.

“Haltet den Dieb”, schallt es zurzeit laut durch den Blätter- und Bloggerwald: Nach der Finanzkrise sollen die Investmentbanker und Immobilienhaie zur Verantwortung gezogen werden, die das weltweite Finanzdrama verursacht haben. Die Menschen wollen zu Recht wissen, wer eigentlich die Zeche für das Desaster bezahlt. Nur die Steuerzahler? War das internationale Finanzsystem ein von allen Staaten geduldetes System “organisierter Verantwortungslosigkeit”? Bringen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften, des FBI und die zahlreichen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse Licht ins Dunkle? Wurde eigentlich nur der Finanzbetrüger Madoff verhaftet und sonst niemand? Oder ist das Kasino bereits wieder eröffnet, nachdem sich die ersten Anzeichen einer weltweiten wirtschaftlichen Erholung am Horizont abzeichnen?

Ohne Verantwortung kein Vertrauen

Weder die Politik noch die Unternehmen und ihre Kommunikationsexperten dürfen jetzt zur Tagesordnung zurückkehren. Zu groß ist der Vertrauensverlust der Staatsbürger und Konsumenten in die Institutionen, Unternehmen und Manager der Finanz- und Wirtschaftsunternehmen. Stehen diese hoch bezahlten Leute zu Ihrer Verantwortung oder dürfen sie einfach weiterwursteln? Wenn Vertrauen die wichtigste Währung in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem ist, dann muss erst einmal über den Begriff der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen und Marken neu nachgedacht werden. Ohne Verantwortung wächst kein neues Vertrauen. In einer so umfassenden Vertrauenskrise gerät der Trendbegriff Corporate Social Responsibility (CSR), der in den letzten Jahren in den Marketingstrategien eine große Karriere hingelegt hat, ins Zwielicht. CSR war in den letzten zehn Jahren der Überbegriff für die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen und Marken. So hat die Marke Krombacher mit Ihrer Regenwald-Kampagne das gute Gewissen in den Bierkonsum und damit in ihre Abverkaufsziele erfolgreich integriert. Oder Marken wie Body Shop konnten sich mit ihrer ethischen Grundhaltung sehr erfolgreich im Markt differenzieren und wurden zum großen Vorbild für viele Marktteilnehmer. Konsumenten erwarten heute von ihren Marken, dass sie nicht das Klima schädigen oder mit der Arbeit von Kinderhänden zu Hungerlöhnen hergestellt werden. Dieser souveräne Konsument artikuliert über das Internet und mit seiner täglichen Abstimmung an der elektronischen Registrierkasse seine Erwartungen an korrektes ethisches und ökologisches Verhalten der Marken immer deutlicher.

CSR ist kein Persilschein

Dabei kann aber CSR nur auf das Markenkonto einzahlen, wenn das gesamte Unternehmen über alle Zweifel erhaben ist und seine Verantwortung nicht nur in Werbespots, sondern auch in seinem Kerngeschäft wahrnimmt. “Responsible Marketing” ist kein Persilschein und kann nur im Differenzierungswettlauf zu anderen Marken eingesetzt werden, wenn die Haltung der Marke auch glaubwürdig ist. Das ist eine sehr sensible Aufgabe, die auf einem festen Fundament der Glaubwürdigkeit stehen muss. Dann kann CSR tatsächlich auch langfristig in den Markenkern einzahlen. Unternehmerisches Handeln muss wieder wörtlich genommen werden und darf nicht nur an die Marketingabteilung und an die PR-Agentur delegiert werden. CSR buchstabiert sich seit dieser Finanzkrise anders. Die Forderung der Konsumenten lautet heute: Übernehmt erst mal Verantwortung für Euer eigenes Handeln, reflektiert erst mal über eigene Managementfehler. Dann vertrauen wir Euch auch wieder bei Eurem selbstlosen Engagement für Klimaschutz und Menschenrechte.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu