Da Daten keine Sachen sind, kann man sie nicht stehlen. Beate Merk

Alles hat ein Ende, nur das Leid hat keins

Das Problem ist verwickelt wie eine Roulade: Darf der Mensch Tiere schlachten, um sie später in Form eines Steaks auf dem Grill zuzubereiten? Descartes machte Tier zu Schlachtvieh, denn es habe weder Seele noch Geist. Doch der Philosoph kannte moderne Schlachtfabriken nicht. Es scheint an der Zeit, unsere Seelen zu retten.

Es geht wieder mal um die Wurst: Das just erschienene Buch “Tiere essen” des amerikanischen Romanciers und plötzlichen Aktivisten Jonathan Safran Foer (“Alles ist erleuchtet”) spaltet den deutschen Pressewald; Google News verlinkt auf weit über 100 Artikel, die allein vergangene Woche erschienen. Was soll man nun anfangen mit dem ganzen gespaltenen Holz, das sich auftürmt zwischen den verfeindeten Lagern Genuss und Gerechtigkeit? Soll es den Grill befeuern oder Sojabohnenstängel stützen?

Auf den ersten Blick ist das Problem verwickelt wie eine Roulade. Eine Vielzahl Argumente wird für den weitgehenden Verzicht auf Fleisch ins Feld geführt: die immensen Treibhausgasemissionen der weltweit ca. 450 Milliarden Nutztiere in Massentierhaltung, die Beförderung von Krankheiten (unmittelbar Vogelgrippe, Schweinepest etc., mittelbar Herz- und Krebsleiden), der unverhältnismäßige Wasser- und Energieverbrauch. Analysen kommen freilich zu allen möglichen Ergebnissen, je nachdem, wer sie in Auftrag gibt.
All diese Kosten-Nutzen-Rechnungen und Statistikspielchen erübrigen sich aber, wenn man sich auf die Kernfrage konzentriert, die den Kern von Foers Buch bildet: Haben wir überhaupt das Recht, Tiere zu töten?

Schmerz und Leid sind keine Kategorie für den Menschen

Ein kurioses Paradox spannt sich über die Jahrhunderte, vom Beginn der europäischen Aufklärung bis heute. René Descartes, der Vater des modernen Rationalismus, schuf zu Beginn des 17. Jahrhunderts gleichsam die metaphysische Bedingung für die äußerst physischen Bedingungen der heutigen Tierhaltung: Er sprach den Tieren Geist und Seele ab, bezeichnete sie als mechanische Automaten. Das Paradox: Als er das schrieb, mag sein Blick auf relativ glückliche Kühe gefallen sein. Der Horror der modernen Massentierhaltung, die “Tiere essen” eindrücklich beschreibt, blieb ihnen erspart. Heute dagegen bildet Descartes’ Behauptung zwar die Grundlage für das geltende Recht, demnach Tiere wie Sachen zu behandeln sind. Doch kaum einer scheint heute am Glauben festzuhalten, Tiere fühlten nicht, erlitten keinen Schmerz. Und dennoch sind Schmerz und Leid in den automatisierten Mastbetrieben und Schlachthäusern, die 99 Prozent des konsumierten Fleischs liefern, zwar allgegenwärtig, aber keine Kategorie. Nicht für die Betreiber, nicht für die Staatsanwaltschaft oder Polizei, nicht für den Konsumenten. Aber eine Realität für die Tiere.

Erweist euch eurer Seele als würdig

Tiere sind keine Menschen. Insofern geht es zu weit, wenn der jüdische Literaturnobelpreisträger Isaac Singer sagt, für die Tiere sei “jeden Tag Treblinka”. Dennoch ist durchaus vorstellbar, dass ein anderer Singer, der polemische Philosoph mit Vornamen Peter, der in Princeton lehrt, eines Tages recht behalten wird: Er prophezeit, künftige Generationen würden auf die Zeit des “Speziismus” – die Unterdrückung aufgrund nichts als der Art – mit ähnlichem Grausen zurückblicken wie wir heute auf den Rassismus oder die Unterdrückung der Frau (soweit diese beiden als überwunden gelten können).

Es kommt nun alles darauf an, ob wir das Paradox lösen. Ob unsere modernen Überzeugungen unseren antiquierten, im Schatten gefräßiger Bequemlichkeit getarnten Taten endlich ins Gesicht schauen. Mit anderen Worten: ob wir uns der eigenen Seele, die der Zöllner Descartes uns großzügig aus dem Land reinen Glaubens über die Grenze der Aufklärung tragen ließ und auf die wir so stolz sind, als würdig erweisen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Katharina Rimpler, Frank Huhnke, Ulrike Höfken.

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