Der Unsinn des Andreas Kern | The European

Burn-out im Hamsterrad?

Jan Korte30.05.2015Gesellschaft & Kultur

Entfaltung für alle, statt sinnlose 40-Stunden-Woche im Büro: Jan Korte vom „transform“-Magazin antwortet auf Andeas Kern.

66992fa75f.jpeg

Bengelsdorf / photocase.de

Lieber Herr Kern,

wenn wir uns nicht besser kennen würden, könnte man glatt vermuten, dass Ihnen bei den Schlagworten „Faulheit“ und „Müßiggang“ reflexartig alle Sicherungen durchgebrannt sind. Dass sie die Gelegenheit beim Schopfe packen wollten, um alles an Assoziationen und kreativen Ergüssen aufs Blatt Papier zu bringen, was schon so lange in ihren Gedanken zum Thema Sozialschmarotzertum, Hippie-Gutmensch und Leistungsverweigerung herumschwirrt. Gut, dass wir einander bekannt sind – zumindest virtuell.

Ich bin ja ein großer Verehrer ihrer Kolumne bei „The European“. “In einem Ihrer jüngsten Texte”:http://www.theeuropean.de/andreas-kern/10167-der-unsinn-des-jan-korte beziehen Sie sich nun auf ein Interview, das ich als Gründer des „transform“-Magazins Mitte Mai „Zeit Online“ gegeben habe. Sie kritisieren mich in Ihrer Kolumne aufs Heftigste; wüten dass „transform“ ein Blatt sei, das die Welt nicht brauche und absurderweise ein „Recht auf Faulheit“ fordere. Welche Laus ist Ihnen denn über die Leber gelaufen? Haben Sie schlecht geschlafen? Vielleicht sollten Sie es mal mit ein wenig Müßiggang versuchen, dann klappt’s auch ohne zickig-aggressiven Unterton. Aber ich sehe schon, als Kolumnist, CDU-Mitglied, Referent in einem sachsen-anhaltinischen Ministerium und Südamerika-Reisender aus Leidenschaft ist man wohl voll drin im Hamsterrad unserer Wachstumsgesellschaft.

Schade – denn hätten Sie die Zeit gefunden, sich mit unserem neuen Magazin auseinanderzusetzen, hätten Sie festgestellt, dass es uns gar nicht so sehr um das „Recht auf Faulheit“ geht. “Der entsprechende Artikel()”:http://www.transform-magazin.de/das-recht-auf-faulheit/, den Sie auch noch fälschlicherweise mir zuschreiben, fragt vielmehr, ob wir die Untätigkeit nicht zu Unrecht verteufeln. Wir sind in der Tat der Meinung, dass wir neu darüber nachdenken müssen, welchen Stellenwert Arbeit, Lebensqualität und Gutes Leben auf einem Planeten haben sollen, den wir so übernutzen, dass wir eigentlich drei von ihm bräuchten.

Auf der Suche nach alternativen Wegen

Ganz sicher werden wir nicht unsere Zukunft gestalten, indem wir weiter an bedingungsloses Wachstum glauben und unser Heil in neuen Technologien und mehr Effizienz suchen. Mit „transform“ wollen wir uns stattdessen auf die Suche nach alternativen Wegen machen und gemeinsam erkunden, wie wir im Alltag den Wandel, den wir so dringend benötigen, leben können. Wir wollen aufwecken, Menschen aus Müdigkeit und Apathie reißen, sie inspirieren. Sie müssen ja nicht selbst dabei mitmachen, aber mich dabei zu verschmähen und mir zu unterstellen, alles andere als meine Vorschläge seien mir „zu piefig, zu mainstreamig“, das finde ich unverschämt, gar peinlich.

Und ehrlich gesagt: Wer muss es denn ausbaden, wenn die Kiste ungebremst vor die Wand fährt? Ich mit meinen „29 Lenzen“ werde es eher sein als Sie! Also versuchen Sie besser nicht, mir abzusprechen, mitreden zu dürfen, nur weil ich aus Ihrer Sicht zu jung bin oder in einem „Paralleluniversum lebe“. Das ist ein wahnsinnig schlechtes Argument. Wo leben SIE denn? Anscheinend in der Alles-soll-so-bleiben-wie-es-ist-denn-so-war-es-schon-immer-Galaxie. Im Übrigen scheint in Ihrer Galaxie ordentliche Recherche offenkundig nicht zu den Standardfertigkeiten eines Hobbyschreiberlings zu gehören. Schließlich legen Sie mir im Minutentakt Meinungen in den Mund, von denen Sie überhaupt nicht wissen können, ob ich sie vertrete – Stichwort: Grundeinkommen, gutes Leben, Aufruf zum Asozialsein.

Auf einige Ihrer anderen Argumente möchte ich ebenfalls noch kurz eingehen. Herr Kern, Sie schreiben: „Die meisten Menschen, zumindest die, die auf dem Planeten Erde leben, haben andere Sorgen“, und bringen im Folgenden an, dass ein von Ihnen entworfenes, fiktives Paar sicher von anderen Sachen als von Entschleunigung und Zeitwohlstand träume, nämlich von einer Reise nach Mallorca, einem eigenen Haus, einem größeren Auto oder einer gute Schule für die Kinder. Woher wissen Sie das denn? Können Sie hellsehen? Sie zeichnen ein fundamental anderes Bild unsere Gesellschaft, als ich es tun würde. Sie wollen (oder können?) nicht sehen, dass die Zahl psychischer Erkrankungen in den letzten 20 Jahren massiv zugenommen hat: Burn-out, Erschöpfungserkrankungen und Depressionen sind Folge einer Arbeitswelt, in der wir immer weiter rennen, ohne jemals anzukommen.

Wieso schufte ich 40 Stunden und der Chef fährt die Profite ein?

Sie sind Folge einer Mentalität, bei der nicht wenige von uns arbeiten, um Geld zu verdienen, damit wir Dinge kaufen können, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Ein Teufelskreis! Unsere Sorgen sind – neben denen nach materiellem Wohlstand – auch Fragen nach Freiheit, Gesundheit und Sinn. Wieso schufte ich 40 Stunden im grauen Büro und der Chef fährt die Profite ein? Wieso unterstütze ich mit meiner Tätigkeit ein Wirtschaftssystem, das Wenigen viel gibt und Vielen wenig. Wieso sehen Sie das denn nicht? Zählen für Sie nur Leistung, Wirtschaft, falsches Pflichtgefühl?

So gerne hätte ich mit Ihnen die vielen Ideen für neue Konzepte, die wir in „transform“ vorstellen möchten, einmal diskutiert. Ich bin des Weiteren zutiefst davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft nicht zusammenbräche, nur weil man sich gegen Überstunden wehrt, gegen das menschenfeindliche Hartz-IV-System protestiert oder Menschen dazu aufruft, nicht alles mit sich machen zu lassen. Woher kommt nur Ihre Angst, dieses Misstrauen dem Neuen gegenüber? Vielleicht ist es ja so, wie ein Kommentator unter Ihrer Kolumne schreibt: „Herr Korte mag von Wirtschaft vielleicht weniger verstehen als Sie. Vom Menschsein hat er aber deutlich mehr begriffen.“

So gut kenne ich mich in Wirtschaftspolitik aber doch aus, um Ihnen eine Rückmeldung zu Ihrem Beispiel mit Gunter Sachs zu geben. Sie argumentieren, der Millionenerbe könne ja jederzeit „den Jet-Set genießen“ oder sich nach Belieben als Fotograf, Astrologe oder Künstler vergnügen. Im gleichen Atemzug plädieren Sie, Herr Kern, dafür, „nicht so vom Erbglück gesegnete Menschen“ nicht in Versuchung zum Nichtstun zu führen.

Zeitwohlstand und Entfaltung für alle!

Das ist schon ein starkes Stück: Schließlich ist es doch gerade die Partei, in der Sie Mitglied sind und für deren Minister Sie als Referent arbeiten, die eine gerechtere Besteuerung von Erbschaften kategorisch ablehnt. So werden die immer reicher, denen der Zufall ein Vermögen beschert, während der große Rest sich im harten Alltag krummlegen muss. Sie sagen: Zeitwohlstand und Entfaltung für Reiche. Wir bei „transform“ sagen: Zeitwohlstand und Entfaltung für alle! Denn alles andere ist ungerecht und ziemlich zynisch. Wozu dienen denn sonst Roboter, Digitalisierung und Effizienzgewinne? Damit wir noch mehr arbeiten?

Probieren Sie doch mal was Neues aus. Es gibt so viel Schönes und Gutes – lassen Sie uns doch gemeinsam, im Dialog, dafür sorgen, dass alle etwas davon haben, und nicht nur ein paar wenige. Gerade können Sie das sogar mit Geld tun, das scheint Ihnen ja ganz gut zu gefallen. Denn bis Ende Mai läuft unsere Crowdfunding-Kampagne. “Damit wir anstrengungslosen Wohlstand propagieren können, der unsere Welt in den Abgrund stürzt()”:https://www.startnext.com/transform-magazin. Ich baue auf Ihre Unterstützung!

Herzlich,
Ihr Jan Korte

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Krieg sorgt pro deutschem Haushalt für 242 Euro Mehrkosten im Monat

Der Ukraine-Krieg führt zu steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen und heizt die ohnehin hohe Inflation weiter an. Die Preissteigerungen belasten insbesondere Menschen mit geringem Einkommen. Bei Fleisch und Süßigkeiten wird jetzt gespart. Eine Marktanalyse von PWC liefert verblüffende Einbl

„Brutal toxisch“ – Anleger grausen sich vor Steuer für Kriegsgewinnler

Sollen Mineralölkonzerne, die Milliardengewinne durch die Folgen des Krieges einfahren, mit einer Sondersteuer belegt werden? Sollen auch gutverdienende Rüstungsfirmen höhere Steuern zahlen? In Deutschland sind Linke und Grüne dafür. In anderen Ländern haben auch konservative Regierungen die

1000 gefallene Soldaten pro Kilometer Land-Eroberung

Die russische Offensive im Donbas kommt nur langsam voran. Die Verluste sind gewaltig. Rund um Charkiw gelingt den Ukrainern die Rückeroberung von einzelnen Dörfern. Russische Truppen werden jenseits der Artilleriereichweite zurückgedrängt.

Dieser Mann muss den Krieg verhindern

Die Nato bekommt einen neuen Oberbefehlshaber: Christopher Cavoli hat die gefährlichste Aufgabe der Welt: Der US-General muss die Ostflanke der Nato sichern und die Waffen und Munition für die Ukraine organisieren. Dabei darf er die Nato nicht in einen Krieg führen. Der in Deutschland geborene Of

Wie die Deutschen ticken: Unerwünschte Koalitionen straft der Wähler ab

Wenn am Sonntag um 18:00 Uhr die Wahllokale in Nordrhein-Westfalen schließen und die ersten Prognosen und später Hochrechnungen veröffentlicht werden, weiß man, was die einzelnen Parteien im Vergleich zur letzten Wahl gewonnen bzw. verloren haben. Aber erkennt man daraus den wirklichen Wählerwu

An der Ukraine entscheidet sich das westliche Bündnis.

Deutschland befindet sich an einem Scheideweg. Aber das teilt es mit anderen Partnern. Der russische Krieg gegen die Ukraine hat das jahrzehntelange Denken nicht nur über Russland, sondern auch über die Rolle Deutschlands bei der Gewährleistung von Frieden und Sicherheit in Europa auf den Kopf g

Mobile Sliding Menu