Am Ende steht immer Auschwitz

von Jan Fleischhauer6.09.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Als Querdenker erfährt Thilo Sarrazin Zustimmung aus der Bevölkerung: als einer, der endlich die Probleme anspricht. Doch es ist zu leicht, die öffentliche Meinung als dumm und latent rassistisch abzutun. Da müssen einem schon bessere Argumente einfallen.

Großes Entsetzen in den Parteien über die Zustimmung zu Thilo Sarrazin. Es ist schwer, zu sagen, wie viele Deutsche mit ihm in der Sache wirklich übereinstimmen, der Tenor der Mails, Anrufe und Briefe, die im Adenauer-Haus und im Willy-Brandt-Haus eingehen, ist allerdings eindeutig: viel Verständnis für die Positionen des Buchautors (oder was die Leute nach Lektüre der Zeitungen für seine Positionen halten), mehr aber noch Empörung über den Umgang mit ihm.

Für Wulff läuft die Debatte aus dem Ruder

Auch im Kanzleramt räumen sie inzwischen ein, dass die Sache gründlich aus dem Ruder gelaufen ist. Angela Merkel ist für ihr geduldiges Zuwarten bekannt, wenn es allerdings um PC-Verstöße geht, kann es ihr nicht schnell genug gehen, sich der vermuteten Mitte der Gesellschaft zu empfehlen; das war schon in der Pius-Bruder-Debatte so, als sie meinte, den Papst ermahnen zu müssen. Christian Wulff hat sich mit seinen eilfertigen Distanzierungen jetzt sogar ein Verfahren an den Hals geholt, wenn es schlecht für ihn läuft. Im Sarrazin-Lager wird überlegt, den Präsidenten wegen Befangenheit zu verklagen, sollte er der außerordentlichen Kündigung Sarrazins durch die Bundesbank stattgeben. Den Grund dazu hat er mit seiner kaum verklausulierten Empfehlung an die Bank, sich von ihrem Vorstandsmitglied zu trennen, selber geliefert. Der Argwohn gegenüber dem einfachen Volk, das immer irgendwie in Gefahr steht, den falschen Leuten hinterherzulaufen, ist eigentlich eine Angewohnheit der Linken. Die Konservativen haben sich ihrer Volksnähe nie geschämt, aber auch das lässt sich ändern, wie man sieht. Man muss sich nur flüchtig die Kommentarspalten ansehen, um einen Eindruck von der Vorurteilsstruktur in den Meinungsquartieren zu bekommen. Die Begeisterung für den “Volkshelden” Sarrazin beweist hier, was man immer schon über die breite Masse dachte: dass sie dumm, bequem und latent rassistisch ist (weshalb sie ja auch der Anleitung und Aufsicht durch die linksliberale Meinungselite bedarf).

Auch die linksintellektuelle Elite ist mit dem Latein am Ende

So erklärt die “Süddeutsche Zeitung” alle, die in der einen oder anderen Weise mit Sarrazin sympathisieren, kurzerhand zu Leuten, die “eine tief sitzende Angst vor der Moderne” haben, eine ausgeprägte Furcht vor dem “gesellschaftlichen Wandel, dem Verlust der Identität”. Der “Tagesspiegel” braucht in seinem Leitkommentar vom Wochenende nur einen Absatz, um zu dem Letztbegründungsargument vorzustoßen, das immer dann fällt, wenn die intellektuelle Schicht mit ihrem Latein am Ende ist: dem Holocaust. Auch im Jahre 2010 sei Deutschland kein Normalfall, heißt es dort dunkel, “und wir sollten nicht so tun, als könnten wir uns zum Normalfall erklären. Die Welt würde es uns nicht abnehmen, nicht weil sie uns einen Schuldkomplex einreden will, sondern weil es nach Auschwitz keine Normalität geben wird”. Kann man nicht endlich mal Strafparagrafen gegen die Indienstnahme des Holocausts aus Argumentationsnot wegen geistiger Minderbemitteltheit einführen? Das wäre doch ein schöner Erfolg des Sarrazin-Sturms, mit dem der Debattenkultur in Deutschland eindeutig gedient wäre.

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