Identitätskrise Ost

Jan Fleischhauer30.08.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die deutsche Einheit entsprang auf den Straßen von Leipzig und in den Zellen von Bautzen. Sie ist auch heute noch ein Vermächtnis des Volkes, das sich mutig der SED-Diktatur entledigte. Doch warum sehen sich dann gerade Ostdeutsche nicht als vollwertige Bundesbürger?

Bei der Lektüre von Umfragen über die Mentalitäten in Ost und West fällt sofort ein Unterschied ins Auge: Wer im Westen der Republik aufgewachsen ist, versteht sich als Bundesbürger, Ostdeutsche hingegen definieren sich explizit als Ostdeutsche. Sicher, auch der Westdeutsche kennt einen identitätsstiftenden Heimatbezug, aber dieser ist eher landsmannschaftlich geprägt; nur die Ostdeutschen verorten sich statt in der heimatlichen in der politischen Geografie. Die Identität als Ostdeutscher ist eng verbunden mit der Identität als Opfer.

Der Ostdeutsche sieht sich als Opfer der Einheit

Wir müssen uns heute fragen, wie es geschehen konnte, dass ausgerechnet die Ostdeutschen, oder sagen wir vorsichtiger ein erheblicher Prozentsatz der Älteren, einen so stark ausgeprägten Inferioritätskomplex ausbilden konnten. Denn die Ostdeutschen gehören ja unzweifelhaft zu den Helden der deutschen Geschichte. Die Jahre 1989/90 sind eine glanzvolle Premiere, eine Zeitmarke, auf die sie uneingeschränkt stolz sein dürfen. Sie hätten also allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. Die Umdeutung vom Revolutionshelden zur komischen Figur vollzog sich binnen weniger Wochen. Gerade hatte man im Westen noch mit angehaltenem Atem auf die verschwommenen Bilder aus Leipzig und Ostberlin geschaut, wo sich Menschen abends allen Drohungen zum Trotz zu gewaltigen Demonstrationszügen formierten – kaum war die Mauer auf, machte man sich schon lustig über diese drolligen Autos, bis das Frankfurter Satiremagazin “Titanic” mit dem Foto eines blonden, selig lächelnden Mädchens in T-Shirt und Jeansjacke aufmachte, das eine halb geschälte Gurke in der Hand hielt. “Zonen-Gabi (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane” lautete dazu die Titelzeile. Warum diese höhnische Haltung gegenüber Leuten, die etwas gewagt hatten, was keiner der Leute, die sich nun lustig machten, je wagen würde, nämlich sich mit einer Staatsmacht anzulegen, die ihre Kritiker nicht mit großzügig dotierten Professuren und TVÖD-Stellen versorgt, wie wir es im Westen gewohnt sind, sondern sie in den nächsten Stasiknast steckt? Ganz einfach: Aus Sicht derer, die die Kommentarlage dominierten, waren die Ostler für die falschen Sachen auf die Straße gegangen beziehungsweise hatten nicht aufgehört, als man es ihnen sagte. Als die Massen in Dresden “Deutschland einig Vaterland” skandierten, waren die klugen Köpfe in den Meinungsetagen durch mit den Ostdeutschen; als sie dann noch Kohl wählten, hatte man in den aufgeklärten Vierteln nur noch Verachtung übrig.

Der SED-Staat darf nicht salonfähig werden

Noch 20 Jahre nach dem Mauerfall fällt es vielen Linken schwer, die Niedertracht des SED-Staats anzuerkennen. In der Aufarbeitungsdebatte sind in den vergangenen Jahren Begriffsschöpfungen wie “Fürsorgediktatur” oder “Konsensdiktatur” in Umlauf geraten, die darauf abzielen, den Diktaturcharakter abzuschwächen und der DDR eine Legitimität abseits der völkerrechtlichen Anerkennung unterzuschieben. Doch wenn die Diktatur nicht so schlimm war, wie es in Bautzen und Hohenschönhausen zu sehen ist, dann war auch der Aufstand derer, die sich ein Herz fassten und sich ihren Nachbarn auf der Straße anschlossen, nicht so groß. So trägt ausgerechnet die historische Deutung, die scheinbar mit den Ostdeutschen sympathisiert, dazu bei, ihre historische Leistung weiter zu entwerten. Verständnis von oben kann eine besondere Form der Verachtung sein.

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