Rätsel des Gehaltschecks

Jan Fleischhauer12.07.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Laut einer neuen Studie sind Frauen bei Gehaltsverhandlungen schnell zufrieden und setzen nicht ihr Recht auf gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit durch. Ein Rätsel für die Forscher, die in dem Verhalten eine Art Selbstauslieferung vermuten.

Wer über Diskriminierung in Deutschland redet, landet irgendwann nahezu unweigerlich beim Thema Geld. Kaum eine Diskussion über Geschlechterfragen, in der nicht das Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen zur Sprache kommt: Dass Frauen bei vergleichbarer Tätigkeit laut Statistik etwa zwölf Prozent weniger verdienen als Männer, gilt gemeinhin als Beweis für die Ungerechtigkeit der patriarchalisch dominierten Gesellschaft und damit als Grund für alle möglichen Gleichstellungsprogramme.

Der Wille zur Selbstauslieferung

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat vergangene Woche eine Studie vorgelegt, die geeignet ist, unseren Blick auf diesen Teil der Geschlechterdebatte zu ändern (und die deshalb von vielen Medien auch nicht weiter zur Kenntnis genommen wurde). Die Wissenschaftler kommen zu dem überraschenden Befund, dass Frauen mit weniger Gehalt zufriedener sind als ihre männlichen Kollegen, ja, dass sie diese Ungleichbezahlung sogar als gerecht empfinden. Bislang ging man selbstverständlich davon aus, dass es die Unternehmen sind, die ihre weiblichen Arbeitnehmer bei Gehaltsverhandlungen drücken, was im Umkehrschluss dann staatliches Eingreifen nötig macht. Nun scheint es so, als ob Frauen selber einen gehörigen Anteil daran haben, dass sie bei gleicher Tätigkeit weniger verdienen. Die Forscher selber sprechen von einem Rätsel. Eine Möglichkeit ist, die Erklärung in einem geringeren Selbstwertgefühl von Frauen zu suchen: Weil sie sich von der Gesellschaft abgewertet sehen, glauben sie, dass ihnen auch im Beruf weniger zusteht. Das wäre die systemkonforme Analyse, die Frauen vorzugsweise als Opfer sieht. Man kann sich aber auch fragen, ob sich in dem Gehaltsverzicht nicht eine realistische Sicht auf die eigene Leistungsbereitschaft ausdrückt, oder sagen wir lieber: den Willen zur Selbstauslieferung.

Eine kluge und lebensverlängernde Entscheidung

Frauen verfolgen neben der Arbeit häufig noch andere Interessen, ein Leben mit Kindern und Familie zum Beispiel, auch deshalb sind ihre Berufsbiografien zwangsläufig unregelmäßiger als die ihrer männlichen Kollegen, die nur das eigene Fortkommen im Kopf haben. Es ist eine kluge und zudem lebensverlängernde Entscheidung, sich seinem Arbeitgeber nicht mit Haut und Haaren zu verschreiben; die selbstschädigenden Folgen männlicher Aufstiegssucht sind in nahezu jeder Medizinstatistik zu stressbedingten Erkrankungen ablesbar. Nur kann man dann andererseits eben nicht erwarten, dass man mit derselben Geschwindigkeit Karriere macht wie jemand, der dem Unternehmen rund um die Uhr zur Verfügung steht. Es scheint so, als ob Frauen, die im Erwerbsleben stehen, dies als Tatsache des Lebens klaglos akzeptieren können. Probleme haben damit offenbar nur die Geschlechtsgenossinnen, die einen Beruf daraus gemacht haben, Frauen zu fördern, die im Berufsleben stehen.

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