Indizienverfahren einer Reliquie

von Jan Fleischhauer4.04.2010Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Das Grabtuch von Turin gibt neue Rätsel auf. Die Ergebnisse einer vor wenigen Jahren durchgeführten Spektralanalyse, die das Artefakt auf das 14. Jahrhundert datierte, sind heute schon wieder obsolet.

Kaum ein Journalist hat in den Vatikan bessere Kontakte als Paul Badde, mit Sicherheit kein deutscher. Seit acht Jahren lebt der “Welt”-Korrespondent in Rom, in einer kleinen Seitenstraße gleich neben den mächtigen Mauern der Vatikanstadt. Er hat in dieser Zeit eine Reihe von Bestsellern veröffentlicht. Sein Buch über das “Schweißtuch der Veronika”, das Jesu einer frommen Tradition zufolge auf dem Weg nach Golgatha gereicht wurde und das der Autor in einer kleinen Kirche im Abbruzzenstädtchen Manoppello aufspürte, fand einen Ehrenplatz auf dem Nachttisch von Benedikt XVI. Der Papst war von der Lektüre so aufgewühlt, dass er selber nach Manoppello fuhr, um vor dem Tuch niederzuknien: Für die Kurie ein Desaster, das sie bis zum Schluss zu verhindern versuchte, denn das “Schweißtuch” gibt es eigentlich schon: in einer Säule des Petersdoms.

Turin erwartet 200.000 Pilger

Als ich Badde vor zwei Wochen besuchte, stellte er gerade sein neuestes Buch vor. Diesmal geht es um das Turiner Grabtuch, neben dem Tuch der Veronika die bedeutendste Reliquie in katholischem Besitz. Nur viermal ist das Leinengewebe, in das der Leib des Gekreuzigten der Überlieferung nach eingewickelt wurde, im vergangenen Jahrhundert ausgestellt worden. Ab 10. April ist es für fünf Wochen wieder in Turin zu sehen, 200.000 Pilger aus aller Welt werden pro Tag erwartet, ein in jeder Hinsicht spektakuläres Ereignis. Badde interessiert sich weniger für die Frage der Echtheit – auf diesem Feld herrscht nach wie vor keine abschließende Klarheit. An der Zuverlässigkeit der vor einigen Jahren vorgenommenen Spektralanalyse, die das Tuch auf das 14. Jahrhundert datierte, bestehen inzwischen wieder erhebliche Zweifel. In jedem Fall gibt es bis heute keine schlüssige Erklärung, wie die Umrisse eines menschlichen Körpers, die sich samt Blut auf dem Tuch finden, auf das Gewebe gelangt sein könnten: Es gibt nachweisbar keine Farbpartikel, die den Schattenriss erklären; sollte das Tuch eine Fälschung sein, dann verfügte der Fälscher über Techniken, die uns heute wieder abhandengekommen sind. Badde nimmt den Leser mit auf eine Erkundungsfahrt zu den Anfängen des Christentums. Er führt den Leser zum Grab Jesu, das am Morgen nach der Kreuzigung verlassen aufgefunden wurde. Im Johannes-Evangelium findet sich der genaueste Bericht dazu: Der Jünger Simon Petrus betrat danach als Erster die Grabkammer, aber alles, was er sah, waren die Leinenbinden, in denen der Leichnam nach jüdischem Brauch eingewickelt worden war – daneben, “an einer besonderen Stelle”, wie es bei Johannes heißt, das “Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte”.

Übertretung der jüdischen Reinheitsgebote

In einem meisterlichen Indizienverfahren schließt Badde, dass die beiden Jünger die Tücher an sich nahmen; für sie der Beweis, dass etwas Unerklärliches geschehen war, denn Grabräuber hätten sich nicht die Mühe gemacht, die Leiche auszuwickeln. Was aus heutiger Sicht plausibel erscheint, bedeutete tatsächlich einen enormen Tabubruch, die denkbar größte Übertretung der Reinheitsgebote: Was mit Toten in Berührung gekommen war, galt im Judentum als das Unreine schlechthin. Liegt es nicht nahe, schließt Badde seine Indizienkette, in den Tüchern das Arkanum zu sehen, das die frühen Christen verehrten und sie für immer von ihrer Umgebung unterschied? Ich muss gestehen, dass ich bis zur Lektüre von Baddes Buch die Debatte um die Grabtücher eher kurios fand. Nachdem ich es durchgelesen hatte, stand ich kurz davor, mich sofort zur Pilgerfahrt nach Turin anzumelden. Leser Sie auch hier: Der Stoff, aus dem Wunder sind (Paul Badde)

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