Kein gutes Klima

James Garvey6.12.2013Gesellschaft & Kultur

Im Kampf gegen die Klimaerwärmung müssen wir uns vom „Wer-hat-was-getan“-Denken verabschieden und uns auf das Wesentliche konzentrieren: unsere moralischen Werte.

Die diesjährige Klimakonferenz in Warschau hatte etwas Neues: Eine lautstarke und entschlossene Gruppe von gleichgesinnten Entwicklungsländern, die darauf bestanden, die historische Verantwortung für den Schaden an unserem Klima, in die Verhandlungen mit einzubeziehen. Ihr Anliegen bezieht sich auf eine bekannte Weisheit aus Antikläden: „Was man zerbricht, kauft man auch“. Da die Industriestaaten einen wesentlich größeren Schaden verursacht haben, sollen sie auch den Löwenanteil der Klimabekämpfung übernehmen und stärker in die Verantwortung gezogen werden.

Unsere Sicht ist über die Maßen eingeschränkt

Die Debatte um die historische Verantwortung existiert bereits seit der Weltklimakonferenz 1992. Wenn es aber um die Ursachen der Erderwärmung geht, ist Verantwortung nicht leicht zu benennen, weshalb die Industrieländer über einen gewissen Spielraum verfügen, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Wir dürfen aber nicht nur über Fakten nachdenken, sondern ebenfalls über Falsch und Richtig, über Werte und die Dinge, die für uns von Bedeutung sind. Ich befürchte, dass uns unser Fokus auf Fakten und Zahlen uns Werte vergessen lässt.

Der aktuelle Bericht des zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaveränderung (IPCC) liefert uns eine neue Erkenntnis, über die wir nachdenken sollten: Um die Chancen, die Erderwärmung von zwei Grad Celsius nicht zu überschreiten, darf der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid 1.000 Gigatonnen nicht überschreiten. Seit der Industriellen Revolution haben wir bereits mehr als die Hälfte davon ausgestoßen. Wie verwalten wir also das restliche Kontingent?

Die Debatte verläuft in etwa folgendermaßen: Auf der Seiten der Entwicklungsländer wird man argumentieren, dass der Gerechtigkeit halber in Betracht gezogen werden muss, wer ursprünglich für den massiven Ausstoß verantwortlich ist. Dies müsste dann bei der Frage der Verteilung der übrigen Emissionen einberechnet werden. Befindet man sich hingegen auf Seiten der Industriestaaten, wird man argumentieren, dass sich zu der Gruppe der Entwicklungsländer auch Staaten wie China und Indien gesellen. Und bis 2020 werden deren zunehmende Emissionen sogar die Gesamtmenge der größten westlichen Klimasünder überschreiten.

Doch bevor wir uns auf Ewigkeit in der „wer-hat-was-getan“-Diskussion verlieren, müssen wir von diesen Argumenten loskommen. Vielleicht wäre es das Beste, weniger über Fakten und stattdessen mehr über Werte nachzudenken. Nehmen wir Abstand, von dem, was wie ein reines Gerangel um die restlichen Ressourcen unseres Planeten aussieht und fokussieren wir uns lieber auf das, was wir machen und die Gründe dafür.

Wir streiten darüber, wie viel Wohlstand wir den jeweils anderen vorenthalten können. Dabei sollte es darum gehen, die sich anbahnende Klimakatastrophe zu verhindern. Unsere Sicht auf die Dinge ist über die Maßen eingeschränkt. Die Interessen, die wir verfolgen, können einem in Anbetracht dieser globalen Katastrophe erstaunlich trivial erscheinen.

Anstatt sich mit dem noch vorhandenen Emissionskontingent oder Klimasünder-Bilanzen zu beschäftigen, gibt es wichtigere Fragen zu beantworten. Was ist uns wichtig und was sind wir bereit, dafür zu geben? Geht es einfach nur um Geld? Oder geht es auch um die Leben der kommenden Generationen? Sind wir dazu bereit jetzt in die Verbesserung der Leben kommender Generationen zu investieren? Eine Investition, von der wir wissen, dass wir sie niemals zurückbekommen? Oder wollen wir günstige Energie und sind bereit, die Armen darunter leiden zu lassen?

Wir brauchen konsequente Handlungen

Als George W. Bush im Inbegriff war, aus dem Kyoto-Protokoll auszutreten, sagte er: „Diese Richtlinien zu erfüllen, hätte negative ökonomische Auswirkungen, wie Entlassungen und Preissteigerungen zur Folge.“ Das war dämlich, aber immerhin deutlich. Denn was zu dem Gezanke bei Klimagesprächen führt, was unsere Sicht beschränkt, Verhandlungen zum Stillstand bringt oder halbherzigen Maßnahmen hervorruft, ist die Ansicht, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel zu teuer wären. Die CO2-Bilanzen komplett zu ignorieren, wäre sicherlich ein Fehler. Doch wirtschaftliche Bedenken über moralische zu stellen, wäre ein noch viel größerer.

Problematischerweise betrifft dieses Thema nicht nur die Regierungen, sondern uns alle. Während erstere vorwärts straucheln anstatt klare Schritte zu machen, welche die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius halten, verursacht jeder von uns ernsthafte Schäden. Was wir brauchen, sind konsequente Handlungen unserer Regierungen. Wir können und sollten sie dazu drängen. Aber es wird den einen oder anderen Menschen benötigen, um konkrete, deutliche und sinnvolle Schritte in Richtung einer besseren Welt zu unternehmen. Nicht, weil es wirtschaftlich wünschenswert ist oder lediglich politisch umsetzbar. Sondern weil es das Richtige ist.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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