Der betrogene Berkeley-Professor

von James Cahill24.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Seit den 50er-Jahren beschäftigt sich James Cahill mit alter chinesischer Kunst – die längste Zeit davon als Kunstgeschichtsprofessor an der renommierten University of Berkeley. Bei seinen Recherchen traf er immer wieder auf den berühmten chinesischen Kunstfälscher Chang Ta-Chien. In diesem Vortrag von 1991 rechnet er posthum mit ihm ab.

Ich traf Chang erstmals 1955 in Kyoto, als ich noch ein Fulbright-Student war. Er arbeitete damals mit dem Verleger Benrido zusammen an vier Bänden mit Reproduktionen von dessen Kunstsammlung. Er wohnte in Kyotos elegantestem Hotel, dem Tawaraya, und dort besuchte ich ihn. Seit er in Kyoto von 1917 bis 1919 Textilienherstellung studiert hatte, kannte er die Stadt gut und war des Japanischen mächtig. Ich kann mich an Gespräche mit Chang über verschiedene Gemälde erinnern. Er hatte Pinsel und Papier zur Hand und skizzierte Ausschnitte der Gemälde, über die wir gerade sprachen. Wenn ich ihn zum Beispiel fragte: “Was halten Sie von diesem Chien Hsüan in Detroit?”, skizzierte er Details des Gemäldes, während er mir antwortete. Sein enormes visuelles Gedächtnis für die alte chinesische Malerei beeindruckte mich.

“Chang sagte, es sei echt”

Bei einer anderen Gelegenheit überredete ich Chang, mit mir zum konfuzianischen Yûshima Seidô-Tempel zu kommen, um mich darin zu bestärken, 150 Dollar von meinem Fulbright-Stipendium in ein altes Gemälde (“Die Fischer” von Wu Wei) zu investieren. Chang sagte, es sei echt, und so kaufte ich es. Damals wusste ich nicht, dass Chang sowohl T’ang-Sung- als auch Ming-Ching- Bilder fälschte. Zu dieser Erkenntnis gelangte ich erst, als ich 1956 in die USA zurückkehrte. Einige Jahre später, als ich für die Freer Gallery in Washington D. C. als Kurator für chinesische Kunst arbeitete, brachte uns der Kunsthändler Joseph Seo ein angebliches Tun-Huang-Gemälde, das auf das Jahr 757 datiert war, zur Überprüfung. Takashi Sugiura, ein Experte der Freer, sah es sich sorgfältig an und kam zu dem vernichtenden Urteil, dass es auf japanischer Seide gemalt war. Ein anderes chinesisches Gemälde, das die Galerie kurz zuvor erworben hatte (es trug den Titel “Drei Honorationen von Wu-Chung” und stammte angeblich aus der Zeit Li Kung-Lins), erregte daraufhin meinen Verdacht. Wir prüften es auf dieselbe Art und Weise – es fiel ebenfalls durch. Zu diesem Zeitpunkt begann ich natürlich bereits durchzublicken, was los war und wer dahintersteckte. Das Projekt, Chang Ta-Chiens Spuren zu verfolgen und seine Fälschungen aufzuspüren, gewann für mich an Faszination. Es war so, als spielte ich ein kompliziertes Spiel mit einem gerissenen Gegenspieler. Wer zu dieser Zeit im Bereich der chinesischen Gemäldekunst tätig war, kam an Chang nicht vorbei. Er besuchte die Freer Gallery mehrere Male während dieser Jahre, um sich Gemälde anzusehen und sich auszutauschen. Ich lernte eine Menge, indem ich mit ihm die Archive der Galerie durchging und ihm Gemälde zeigte, die ich unter den vernachlässigten Exemplaren aufgestöbert hatte. Wenn wir Chang Ta-Chien als einen großen Fälscher bewundern, dürfen wir eine entscheidende Schwäche von ihm nicht vergessen: Er malte seine “antiken” Gemälde, als ob es ihm dabei nicht auf deren repräsentative Eigenschaften ankäme. Er neigte dazu, sie aus amorphen, tatsächlich inkohärenten Strukturen aufzubauen, die nicht dazu bestimmt waren, einer eingehenden Prüfung standzuhalten. Er malte zum Beispiel ein Wirrwarr von Baumstämmen, Ästen und Zweigen, die kein noch so sorgfältiges Studium in flächendeckend nachvollziehbare Bilder auflösen kann, da sie in einer nachlässigen Art der Darstellung gemalt worden sind.

“Auch das British Museum kaufte bei Chang”

Von den späten 50er-ahren bis in die 60er-Jahre hinein schafften es trotzdem immer mehr von Changs Fälschungen in namhafte Sammlungen. Das Boston Museum of Fine Arts erwarb sein “Kuan Tung”-Landschaftsgemälde, zusammen mit einem buddhistischen Gemälde, das angeblich aus der Sui-Ära stammte. Das Ohara-Museum in Kurashiki kaufte eine unechte Version der “Fünf Ochsen”, die Han Huang zugeschrieben wurden, und das British Museum in London kaufte zwei bemerkenswerte Exemplare aus Chang Ta-Chiens Produktion: ein Landschaftsbild, als dessen Maler Chü-jan galt, und ein Gemälde, das zwei Langarmaffen auf einem Baum zeigt – nach einem Werk des Sung-Meisters I Yüan-chi. Zu Beginn der 60er-Jahre begann ich mir ernsthafte Sorgen um die Auswirkungen von Changs Fälschungen auf den Markt für chinesische Kunst zu machen. Ich beneidete ihn nicht direkt dafür, dass er seine Imitate erfolgreich nichts ahnenden Kunstsammlern andrehte; meine Besorgnis war kaum von moralischen Bedenken motiviert. Trotzdem war es bedenklich, mit anzusehen, wie viel Geld manche Museen für vermeintliche chinesische Kunstschätze ausgaben, die in Wirklichkeit Fälschungen waren. Und die Gefahr, dass die Entlarvung dieser Fälschungen Museen irgendwann davon abhalten würde, andere, bessere chinesische Kunstwerke anzuschaffen, war beunruhigend. Davon abgesehen würden diese Plagiate möglicherweise unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse über frühchinesische Malerei kontaminieren und verfälschen. Die Zeit schien gekommen, um Alarm zu schlagen. Der beste Anlass dafür schien mir der große Kongress von Experten für chinesische Malerei zu sein, den ich selbst organisiert hatte und der 1962 in der Asia House Gallery in New York abgehalten wurde. Meine Dias und Argumente hatte ich schon vorbereitet. Aber ältere und weisere Köpfe, darunter Larry Sickman und Aschwin Lippe, redeten mir mein Vorhaben aus, als ich sie einweihte. Sie gaben berechtigterweise zu bedenken, dass der gute Ruf einiger Kuratorenkollegen auf dem Spiel stand; zu viel öffentliche Gelder waren in die Anschaffung von Changs Fälschungen geflossen und ich würde mit meinen Enthüllungen einige Leute, die ohne schlechte Absichten Fehler gemacht hatten, ernsthaft diskreditieren. Ich fügte mich in das, was sie mir sagten, und ließ von meinem Plan ab. Nun, mehr als 40 Jahre später, schien es mir aber doch an der Zeit, meine Erkenntnisse endlich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Nachbemerkung: Trotz James Cahills Warnruf sind längst nicht alle Verdachtsfälle geklärt. Wahrscheinlich hängen also immer noch Fälschungen von Chang Ta-Chien in den großen Museen der westlichen Welt. In vielen Fällen scheint die Aufklärung entweder trotz technischer Fortschritte nahezu unmöglich zu sein – oder aus kulturpolitischen Gründen verhindert zu werden.

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