Das Gerede von der Würde des Bundespräsidenten ist das Misstrauensvotum der Parteien gegen sich selbst. Jost Kaiser

Mehr Umwelt wagen

Was immer eine Gesellschaft tun kann, das kann sie auch finanzieren – sie muss es nur wollen. Bereits heute haben wir alle Mittel, um in 100 Jahren in Einklang mit der Natur zu leben.

Uns wird häufig gesagt, wir können unsere Welt oder die Natur des Menschen nicht ändern. Dabei ändert sich beides andauernd. Neue Regeln, Technologien und Lebensweisen verbreiten sich quer über alle Kontinente. Die Einstellung der Öffentlichkeit wandelt sich. Kultur ist nichts Statisches, sondern entwickelt sich ständig – genauso wie das menschliche Bewusstsein.

Ich bin deshalb davon überzeugt, dass die Menschheit die Herausforderungen hin zu einem nachhaltigen Handeln und Wirtschaften bewältigen kann. Doch dazu müssen wir jetzt aktiv werden. So schwer es ist, vorherzusagen, wie unsere Umwelt in 100 Jahren aussieht, so klar sind die bereits heute zu ergreifenden Maßnahmen, deren Umsetzung unsere Zukunft deutlich verbessern können.

Dazu brauchen wir vor allem verbindliche Regeln. Das heißt, die schnellstmögliche weltweite Anpassung und Umsetzung der besten und wirksamsten existierenden Gesetze und politischen Maßnahmen aus verschiedenen Ländern. Schon Aristoteles sagte: „Recht ist Ordnung, und gutes Recht ist gute Ordnung.“ Mit den stärksten Gesetzen, den richtigen Regeln und Institutionen können wir die menschliche Erfindungsgabe und den Unternehmergeist mobilisieren.

Von Uganda und Kanada lernen

Das wird zu teuer, mahnen die Kritiker. Stimmt nicht. Was immer eine Gesellschaft tun kann, das kann sie auch finanzieren. Dazu muss nur der politische und öffentliche Wille vorhanden sein. Welche Maßnahmen diese „Politiken des Durchbruchs“ beinhalten müssen, ist bereits heute offensichtlich. Das Ergebnis ihrer konsequenten Umsetzung wäre imposant – so könnte unsere Welt in 100 Jahren aussehen:

Ombudsmänner, gewählt von den Vereinten Nationen und nationalen Parlamenten, halten die langfristige Perspektive für zukünftige Generationen im Blick. Bereits heute gibt es solche Ämter in Ländern wie Uganda oder Kanada. Das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs ist angepasst, sodass auch irreversible Umweltschäden verfolgt werden können. Nationale Gesetze verbieten Atomwaffen. Länder die bereits Atommächte sind, werden ihr Arsenal nach und nach zurückbauen. Die 1,6 Billionen US-Dollar, die heute jährlich für das Militär ausgegeben werden, finanzieren dann die Umwelt-, Nahrungs- und Wassersicherheit sowie den Schutz des gemeinsamen Erbes der Menschheit. Das Gesetz zum Anlageverhalten des norwegischen Staatsfonds, das schädliche Investitionen ausschließt und damit sicherstellt, dass unsere Ersparnisse keine Bedrohung für uns werden, bildet die Grundlage für ein globales Abkommen.

Weltweit findet der Wechsel hin zu erneuerbaren Energien statt. Einspeisegesetze, verbindliche Regelungen für die Nutzung von Solarenergie, internationale Gelder zum Ausbau dieser Energien für Entwicklungsländer sind dafür die Grundlage. Subventionen für fossile und nukleare Energien sind abgeschafft. Energiekosten schließen auch die Folgekosten fossiler Energien mit ein und berücksichtigen die Nichtnutzung des Potenzials erneuerbarer Energien.

Gesetze regeln den Zugang zu sicherer Nahrung und Wasser für alle Menschen. Grundlage dafür ist unter anderem das Nahrungssicherheitsprogramm von Belo Horizonte (Brasilien). Die biologische Vielfalt von Wäldern und Ozeanen ist sichergestellt, Vorbild sind die rechtlichen Regelungen von Costa Rica, Australien und anderen Ländern. Der Biodiversitäts-Aktionsplan 2011 – 2020 der Vereinten Nationen ist umgesetzt. Das japanische „Top-Runner-Programm“ hat gezeigt, dass das Verbot besonders umweltgefährdender Produkte die richtige Idee ist. Das von Michael Braungart entwickelte „Cradle to Cradle“-Prinzip weist den Weg hin zu einer effizienten Kreislaufwirtschaft. Globale Gemeinschaftsgüter werden von einem wiederbelebten UN-Treuhandrat verwaltet.

Wir erlauben nur solche Finanzinstrumente, die realen Wohlstand schaffen. Wetten auf zukünftige Preise gelten als Glücksspiel. Nicht mehr Arbeit, sondern Ressourcen werden besteuert, und die „Benefit Corporation“ ist eine gängige Rechtsform für Unternehmen. Zentralbanken schöpfen ohne neue Schulden Geld, um „grüne“ Jobs zu schaffen.

Die Utopie wahr werden lassen

Jeder Anwärter auf öffentliche Ämter, jeder Ökonom und jeder BWL-Student durchläuft einen ökologischen Bildungstest. Wer öffentliche Unterstützung erfährt, wird bei der Bewerbung um öffentliche Ämter gefördert und erhält Zugang zu den Medien. Private Fördermittel sind verboten, um Korruption zu bekämpfen. Die Bewahrung natürlichen Kapitals und Ökosystemleistungen werden bei der Entscheidungsfindung von Regierungen genauso stark berücksichtigt wie eine mögliche Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Frauen haben rechtlich den gleichen Zugang zu Bildungschancen sowie Zugang zu Verhütungsmitteln.

Was heute wie eine Utopie klingt, könnte in 100 Jahren Realität sein. In den letzten fünf Jahren hat der von mir gegründete World Future Council mit nationalen und internationalen Entscheidungsträgern, Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen Gruppen zusammengearbeitet. Wir wollen die Weichen für eine solche Zukunft stellen. Jetzt müssen wir diese Konzepte auf die gesamte Welt übertragen und können dafür jede helfende Hand gebrauchen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ben Scott, George Friedman, Michael Hardt.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

Sie können es hier direkt bestellen.

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