Umwegfinanzierung

von Jakob Rosenberg28.08.2012Gesellschaft & Kultur

Die solideren Finanzen werden sich für die Deutschen sportlich kaum lohnen. Internationale Topclubs werden die Schlupflöcher nutzen und ihren Status zementieren. Der UEFA bringt das vor allem eins: mehr Geld.

Die UEFA hat in den 1990er-Jahren die Zauberformel gefunden, die den Weltfußball neu ordnen sollte: die Champions League. Die Vermarktung der TV-Einnahmen für den exklusiven europäischen Markt garantieren der UEFA hohe Gewinne bei großzügigen Ausschüttungen an ihre Teilnehmer. Wo der Fußball sportlich zu unberechenbar erschien, justierte die UEFA nach: zuerst mit der Etablierung einer Gruppenphase für die europäischen Landesmeister, die einmalige Ausrutscher für Favoriten leichter kompensierbar machte, danach mit der sukzessiven Öffnung der Champions League für Tabellenzweite, -dritte und -vierte der größten Ligen. Die UEFA realisierte, was sich die G14, die mittlerweile wegen des großen Erfolgs aufgelöste Lobbygruppe der reichsten Klubs, nicht träumen ließen: die europäische Elite war unter sich. Und teilte sich den stetig wachsenden Einnahmekuchen.

Neue Zutat für den Zaubertrank

Doch der Zauber hat auch seine Nachteile. Die großen Vereine dürfen sich keine sportlichen Aussetzer in der nationalen Liga leisten, etwa um den Kader umzubauen, sondern müssen ihre Investitionen Jahr um Jahr in der Champions League absichern. Die zusätzlichen Einnahmen für die Klubs durch die Europäisierung des Fußballs bilden daher massive Wettbewerbsverschiebungen und die immer gleichen Favoriten in den Meisterschaften heraus. Und selbst für die Vereine in der Champions League bedeutet eine Teilnahme noch lange kein Leben in Reichtum, da innerhalb der Eliteliga mit härteren Mitteln gekämpft wird. Die Klubs überbieten sich mit Ausgaben am Transfermarkt und bei Spielergehältern. Machthungrige Mäzene, die ihr Geld bereitwillig verbrennen, kommen da gerade recht. Allerdings sehr zum Missfallen der Klubs, die konservativer wirtschaften oder wie in Deutschland für Mäzene aufgrund der Vereinsstruktur unattraktiv sind. Sie haben in diesem Konkurrenzkampf keine Chance. Die UEFA hat die von ihr gerufenen Geister nicht mehr unter Kontrolle und setzt daher auf eine neue Zutat für den Zaubertrank: das Financial Fairplay.

Verbindliche Kriterien ab 2013/14

Die Initiative soll von einer deutsch-französischen Achse ausgegangen sein, ihre prominentesten Vertreter kommen wie UEFA-Präsident Michel Platini und FC-Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge aus Frankreich und Deutschland und es sind die beiden nationalen Spielklassen, die unter der Konkurrenz aus den verschuldeten Ligen in England, Italien und Spanien sowie den neuen Mäzenen in Russland und der Ukraine besonders leiden. Ab der Saison 2013/14 müssen Vereine wirtschaftliche Kriterien erfüllen, um eine Europacuplizenz zu bekommen. Das wichtigste davon betrifft das „Break Even“, das heißt, die Klubs dürfen in den vergangenen beiden Saisonen (bzw. aggregiert über die letzten drei) keinen operativen Verlust gemacht haben. Das Instrument soll den wild gewordenen Markt regulieren, der Kosten explodieren lässt und alteingesessene Klubs aus den europäischen Wettbewerben verdrängt. Störte etwa Roman Abramowitschs Engagement 2003 beim FC Chelsea das etablierte Ungleichgewicht der Premier League, in der vormals Manchester United, Arsenal und Liverpool um europäische Gelder kämpften, ist mit dem Einstieg der Scheichs der Abu Dhabi United Group 2008 bei Manchester City ein fünfter Klub im Rennen um die Champions-League-Plätze.

Die Stunde der Politiker

Dass das Financial Fairplay vornehmlich auf Mäzene abzielt, sieht man an einer Sonderregelung: Sponsoreneinnahmen müssen ebenso wie der Verkauf von VIP-Karten einem marktüblichen Wert entsprechen, dadurch soll eine kreative Buchhaltung zur Verschleierung eines operativen Minus verhindert werden. Dennoch gibt es für verschuldete Klubs noch zahlreiche Übergangsregelungen – etwa hohe Toleranzgrenzen für ein operatives Minus – und Ausnahmen – etwa für Ausgaben bei der Infrastruktur und die Jugendabteilungen. In Manchester wird derzeit gestritten, ob die Zahlung für den Stadionnamen Etihad Stadium den Richtlinien entspricht oder nicht. Schlupflöcher für eine Querfinanzierung lässt die UEFA auch dort, wo es keinen Markt gibt: bei öffentlichen Subventionen. Diese dürfen weiterhin als normale Einnahmen verbucht werden. Sollte ein prominenter Klub also vor UEFA-Lizenzproblemen stehen, wird wohl die Stunde von Politikern schlagen, die ihrem Klub mit Steuermitteln helfen wollen. Trotz aller Regulierungsversuche ist also nicht damit zu rechnen, dass ein verschuldeter Großklub in absehbarer Zeit von einer Europacupteilnahme ausgeschlossen wird. Selbst wenn das Financial Fairplay größenwahnsinnige Investoren abschrecken und die Schlupflöcher gefüllt werden sollten, ist dadurch keine Revolution zu Gunsten der „wirtschaftlich gesünderen“ Vereine in Deutschland und Frankreich zu erwarten.

Status quo wird zementiert

Die aktuell international dominierenden Klubs werden ihren Status nur besser absichern müssen. Wie man das machen kann, sieht man in Spanien, wo sich Barcelona und Real Madrid rund die Hälfte der nationalen Fernseheinnahmen teilen. Die sportliche Konsequenz daraus: Die spanische Liga ist zu einem Zweikampf mutiert, ob in der Liga, dem Cup, dem Supercup oder in der Champions League, ein „Clasico“ folgt auf den nächsten. Das Financial Fairplay zementiert diesen Status quo ein, denn kleinere Vereine haben nicht mehr die Chance, fehlende TV-Einnahmen durch einmalige Investitionen zu kompensieren und somit den Abstand zu verkleinern. Die europäische Elite wird weiter unter sich bleiben – mit dem Segen der UEFA, denn auch sie will mit möglichst attraktiven Klubs immer höhere Einnahmen generieren. Die Zauberformel soll ja noch einige Jahre funktionieren.

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