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Krieg der Spermien

Wissenschaft und Evolutionspsychologie stehen im Konflikt: Letztere wird dazu benutzt, männliches Verhalten zu legitimieren.

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Was der Kaiser nicht geschafft hat, das hat die Naturwissenschaft für die Gesellschaft mit links erreicht, sie hat uns „herrlichen Zeiten“ entgegengeführt. Frei von lästiger Moral, altväterlicher Religion und gesellschaftlichen Regeln des Anstands und der Sitte, die alle längst von ihr als bloßes Menschenwerk, geschaffen von selbsternannten Autoritäten zur Durchsetzung ihrer eigenen Allmächtigkeit, entlarvt wurden. Sexualität ist da nur ein Aspekt, aber durchaus nicht der geringste.

Längst ausselektiert

Zum Glück ist aber die wissenschaftliche Welt nicht nur einfältiges Weiß und Schwarz (“so wenig wie der Feminismus”:), sie ist vielmehr überraschend bunt und vielfältig und deshalb auch interessant und sogar spannend, wenn man sich vor Augen führt, dass es keine fixen Gesetzmäßigkeiten in ihr gibt, sondern immer nur ein Wechselspiel aus Theorien und Experimenten, die zudem „reproduzierbar“ sein, d.h. in der Wiederholung dasselbe Ergebnis erbringen müssen. Dies ist im Fall der Evolutionspsychologie naturgemäß etwas schwierig zu realisieren, will sie doch erklären, welche evolutionär Sinn habenden Wurzeln heutige Verhaltensweisen besitzen.

Wir haben es hier gleich mit zwei Bereichen zu tun, die von enormer Unschärfe geprägt sind: Weder wissen wir sonderlich viel über die heutigen sexuellen Verhaltensweisen, noch waren wir dabei, als sich in den Jahrmillionen der Entwicklung der menschlichen Spezies von Kopulation zu Geburt und schließlich nach einem guten Jahrzehnt in der „sozialen Gebärmutter“ Generation auf Generation folgend ein immer funktionstüchtigeres sexuelles Verhalten herauskristallisierte.

Hier lässt sich einer der wesentlichen Unterschiede zwischen wissenschaftlicher und Populär-Evolutionspsychologie erkennen: Ersterer geht es immer um die Spezies, um die Gattung als Ganzes in ihrer zeitlichen Entwicklung und Überlebensfähigkeit, Letzterer bloß um die Legitimation der individuellen (bemerkenswerterweise meist männlichen) Promiskuität. Ein besonders markantes Beispiel für die etwas unterentwickelte Tragfähigkeit von individuellen Erklärungsmodellen der Sexualität ist Homosexualität, denn sie dürfte es aus Sicht der Populär-Evolutionspsychologie überhaupt nicht geben bzw. hätte schon längst „ausselektiert“ werden müssen.

Aber auch das beliebteste Beispiel der Party-Evolutionspsychologen, die männliche Promiskuität, erscheint in einem komplexeren Licht, wenn sie gegen das fast ausschließlich männliche Phänomen der Paraphilien kontrastiert wird. Plötzlich wird männliche Sexualität als „überreguliertes System“ erkennbar, das wie der zu fest zugedrehte Wasserhahn in einen unerwünschten Aggregatzustand überspringt. Tatsächlich lässt sich ein ähnlicher Zusammenhang bei heterosexuellen Männer feststellen: Mitnichten sind sie immer auf dem Sprung auf „everything that moves“, sondern haben ein sehr spezielles Bild vor Augen, das mit großer Ausschließlichkeit die sexuelle Erregungsspirale in Bewegung setzt. Ein Beweis dafür sind die wie gestanzt wirkenden „Bunnies“ des „Playboy“-Gründers Hugh Hefner. Für einen bekennenden Promisken, der sich doch „jede Frau leisten kann“, ist es auffallend häufig immer derselbe Typ Frau.

Plastische Sexualität

Für das menschliche Männchen hat es eben keinen Sinn, mit wirklich jeder schlafen zu können, denn dann käme man(n) möglicherweise ausgerechnet bei der einen, genetisch perfekt zu einem passenden Frau (die sich durch ihr Aussehen, ihre Stimme, ihre Gesten, ihren Geruch enttarnt) zu keinem Ergebnis. Und deshalb hat es perfekten Sinn, dass die Sexualität des menschlichen Weibchens ungeheuer plastisch (sprich: auf viele Reize reagierend) ist – mit Ausnahme der genetisch kritischen Tage rund um den Eisprung.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: David Schmitt, Volkmar Sigusch.

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