Von Giovanni und dem Hans

Jacopo Barigazzi12.09.2012Politik, Wirtschaft

Das deutsch-italienische Verhältnis kennt viele Geschichten. In Krisenzeiten bedient man gerne alte Vorurteile. Dabei vergessen wir gelegentlich, wir sehr wir eigentlich verbunden sind.

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„Die Hölle gibt es, aber sie ist leer“, sagte einst Hans Urs von Balthasar. Deutschland ist zwar genauso wenig das Paradies wie Italien die Hölle. Doch immer wieder in der Geschichte gibt es auf beiden Seiten Momente, in denen man es sich mit dieser Einstellung gemütlich macht. Das gilt besonders für Politiker in Wahlkampfzeiten. Wenn die rechtsgerichtete Zeitung „Il Giornale“ aus dem Berlusconi-Imperium mit der Schlagzeile „Viertes Reich“ und einem Bild von Angela Merkel aufmacht, wird schnell klar, dass wir offensichtlich wieder an einem dieser Momente angekommen sind. Begibt sich die Politik auf das Minenfeld des historisch komplizierten Verhältnisses, werden Lügen und Propaganda zu wichtigen Instrumenten. Die Deutschen glauben, sie hätten Italien mit Geld überschüttet. Das stimmt nicht: Italien selbst hat für Griechenland, Portugal und Irland gezahlt und würde das auch für Spanien tun.

„Die Barbaren stehen vor der Tür“

Die Italiener ihrerseits glauben an einen gezielten Plan, mit dem die fiesen Deutschen sich lediglich verbesserte Einkaufsmöglichkeiten verschaffen und zunutze machen wollen. Sie würden ein Komplott schmieden, um Investitionen wie den Kauf des Energiekonzerns Ansaldo Energia zu tätigen. „Das ist Marktwirtschaft“, würde man in ruhigeren Zeit dazu sagen. In der Krise wandelt sich das schnell in: „Die Barbaren stehen vor der Tür.“ Die Angst, dass die Deutschen unsere besten Unternehmen übernehmen werden, bekommt neuen Schwung. „Die Barbaren werden uns unsere besten Köpfe nehmen“, schrieb eine rechte Zeitung. In der Tat ist die Datenbank der Uni-Absolventen mit den Namen frischer Ingenieure, Ärzte, Mathematiker usw. seit Kurzem auch für deutsche Unternehmen verfügbar. Doch lassen sich die Deutschen nicht dafür verantwortlich machen, dass unsere kleinen und mittleren Unternehmen wenig bis gar nichts in Forschung und Entwicklung investieren und auch dementsprechend wenig Interesse an klugen, frischen Uni-Absolventen haben. Italien steht am Scheideweg. Entweder bewegen wir uns in Richtung Deutschland oder in Richtung Griechenland. Maßgeblich für die damit verbundenen Entscheidungen ist eine neue Zuteilung der öffentlichen Ausgaben. Die italienische Politik benutzte bislang öffentliche Mittel in erster Linie, um Stimmen zu fangen. Wenn wir mehr wie Berlin werden sollen, müssen wir Ausgaben verantwortungsvoller kürzen und öffentliche Gelder effektiver einsetzen. Das würde jedoch dazu führen, dass Politiker kaum wiedergewählt werden.

Nur wohin ist dieses Geld verschwunden?

Italien hat fast zwei Billionen Euro an öffentlichen Schulden. Nur wohin ist dieses Geld verschwunden? Nutzen wir es für den Bau von Straßen oder einer neuen digitalen Infrastruktur? Offensichtlich nicht. Die Frage ist nicht, ob wir Geld investierten, sondern wie. Seit der Einführung des Euro sind unsere Zinsen gesunken. Dieses Geld hätte ausgereicht, um unsere Zinszahlungen zu halbieren. Aber es geschah nicht, das Geld verschwand. Können wir also den Deutschen verübeln, wenn sie für ihre Unterstützung strengere Bedingungen fordern? Natürlich nicht. Jeder setzt Bedingungen, wenn er Geld verleiht. Aber unsere Kulturen verbindet mehr. Sie teilen sich teilweise ihre Seelen. Bis zum Tod von Giordano Bruno war die italienische Philosophie am meisten fortgeschritten und die deutsche eher schwach. Dann kamen allerdings die Deutschen mit Georg W. F. Hegel, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Bach lernte erst von Vivaldi, mit Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Strauss übernahmen später wieder die Deutschen. Dabei bestehen aber auch große Unterschiede. Beethovens Neunte brauchte 50 Jahre, um nach Italien zu kommen – in das Land von Verdi, Rossini und Donezetti, ein Land, das Opern liebt, aber keine große Tradition für Symphonien hat. Der französische Wissenschaftler Georges Dumézil schrieb einst, dass unsere Unterschiede in den Mythen verwurzelt sind. In der lateinischen Mythologie war „schön“ das beste Wort, um Gott zu beschreiben. Die deutsche verwendete dafür „stark“. Man kauft italienische Produkte aufgrund ihrer Schönheit und deutsche, weil sie lange halten. Der römische Schriftsteller Tacito beschrieb die Deutschen als sehr groß – ihre Stärke beeindruckte ihn. Das Wort „Barbar“ heißt nicht mehr als „Fremder“.

Gegenseitiger Einfluss auf Kulturen

Manchmal beschuldigt man uns bei Linkiesta – dem Online-Magazin, das wir seit eineinhalb Jahren betreiben –, aufseiten der Deutschen zu stehen. Doch ist das nur natürlich: Nicht weil politisch und wirtschaftlich vieles auf dem Spiel steht, sondern auch aufgrund des tiefen gegenseitigen Einflusses unserer Kulturen und Lebensweisen. Das gilt nicht nur für die Deutschen, sondern auch für die Österreicher. Für Italiener, die nicht in Mailand leben, mag das schwer zu verstehen sein. Unser traditionelles Gericht heißt „cotoletta“ und ist das Gleiche wie das Wiener Schnitzel. Unser berühmtes Opernhaus La Scala wurde von den Österreichern gebaut. Unsere wichtigste Kathedrale ähnelt eher dem Kölner Dom als einer römischen Kirche. Unser Grundbuch wurde in den ersten Jahren noch auf Deutsch geschrieben, weil es von den Österreichern eingeführt wurde. Es ist auch kein Zufall, dass Deutschland unser wichtigster Handelspartner ist. Schließlich ist es für die Hölle nur natürlich, mit dem Paradies zu handeln, wenn es leer ist.

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