Zu all unseren Rechten gehören auch gewisse Pflichten. Alec Ross

Einen Cappuccino auf den Euro

Überall auf der Welt ist Italien: In den Restaurants, in den Cafés, in den Modeläden. Das Land profitiert davon kaum. Stimmen werden laut, es müsste wieder seinen ganz eigenen Weg gehen.

Überall auf der Welt trinken Menschen Espresso und Cappuccino, genießen Eiscreme und Pizza und tragen Armani oder Prada: Alles Symbole italienischer Lebensart. Selbst in Großbritannien trinkt man seit 1998 mehr Kaffee als Tee. Aber diese Entwicklung beschränkt sich nicht nur auf die westliche Welt: Japaner stehen auf italienische Mode, die oberen Klassen in China und Indien genießen es mittlerweile, französisch oder italienisch zu sein, während die Kaffeemarke Lavazza die Geschmäcker im Rest von Indien zu erobern versucht. Das verblüffte vor einigen Jahren auch den Redakteur einer US-amerikanischen Wochenzeitschrift, der schrieb: „Wie kommt es, dass ich mich italienisch kleide, italienisch esse und meine zweite Ehefrau Italienerin ist, aber immer wenn ich über Berlusconi und italienische Politik lesen, mich die Angst überkommt?”

Während sich die italienische Lebensart von Peking bis San Francisco ausbreitet, ist das Land nicht in der Lage von diesem Erfolg zu profitieren. Stattdessen droht, wenn sich nichts ändert, das ökonomische Gerüst in den nächsten Monaten einzustürzen.

Anti-Euro-Bewegungen könnten sich etablieren

Die Rezession in Italien hat sich auf das zweite Quartal im Jahr 2012 verlängert. Die industrielle Produktion stürzt noch weiter ab und der IWF hat seine Prognose für 2012 von + 0,3 auf – 1,9 Prozent korrigiert. Ein Banker in Milan brachte es auf einigen Wochen auf den Punkt: „Viele Klein- und Mittelunternehmen haben nur mehr für ein Jahr Geld. Dann wird für sie das Spiel vorbei sein.”

Würde Premierminister Mario Monti in dieser Situation in Brüssel nach finanziellen Hilfen fragen, hätte das viele Vorteile, aber auch gravierende Nachteile. Positiv wäre, dass jeder Nachfolger Montis an die dann gemachten Versprechungen gegenüber EU und EZB gebunden sein würde. Gleichzeitig wäre aber das Risiko groß, dass sich das Parlament nach den Wahlen in Pro- und Anti-Euro aufteilen würde. Wenn wir bereits jetzt rechte Zeitungen (im Berlusconi-Besitz) haben, die mit der Schlagzeile „Viertes Reich” über einem Foto von Angela Merkel aufmachen, lässt sich leicht erahnen, was passieren würde, wenn das Land einen Teil seiner Souveränität abgäbe. Anti-Euro-Bewegungen, wie die des Comedians Beppe Grillo, könnten sich etablieren. Umfragen zufolge kommen sie bereits jetzt auf 20 Prozent der Stimmen, aber die Anti-Euro-Rhetorik könnte, von Teilen des mitte-rechts gerichteten Spektrums übernommen und von Silvio Berlusconi angeführt werden. Das wäre ein Alptraum.

Das Risiko ist aber nicht nur politisch: „Wenn Länder um finanzielle Unterstützung bitten, steigen meist die Zinsen von Staatsanleihen, da der bevorzugte Status für Gläubiger, wie internationale Institutionen, private Gläubiger abschreckt – was den Zugang des Landes zu den Finanzmärkten für eine längere Zeit beeinträchtigt”, schreibt die „Financial Times“. Darum zögern die Beamten im Finanzministerium, wenn es darum geht, Hilfen zu beantragen. Bedrohlich ist dabei auch, dass 80 Prozent der italienischen Unternehmen den Hauptanteil ihres Gewinns am heimischen Markt erwirtschaften. Doch für den ist in absehbarer Zeit kein Wachstum zu erwarten. Für Unternehmen, die nicht exportierten, ist das eine große Katastrophe.

Italien ist wie Sizilien

Einige behaupten deshalb, dass es für Italien einfacher wäre, den heimischen Markt durch einen gesteigerten Export zu beleben. Weil dem der relativ teure Euro im Wege stünde, müsste Italien zu einer eigenen, schwächeren Währung zurück, behaupten Eurokritiker. Sie vergessen dabei allerdings, dass Italien das Land mit Europas höchsten Energiepreisen ist. Es würde zusammenbrechen, wenn es Öl und Gas mit einer schwachen Währung bezahlen müsste, gerade jetzt, wo ein Barrel Rohöl 80 Dollar kostet und der Dollar noch stärker wird.

Wenn die italienische Souveränität in Brüsseler – und dadurch in Frankfurter und Berliner – Hände gegeben wird, wird jede Entscheidung in diesem Bereich vom Vorwurf begleitet werden, im Interesse der Deutschen zu sein. Doch zu behaupten, dass Europa nur mit einer weiteren Integration gerettet werden kann und gleichzeitig einen Souveränitätsverlust zu beklagen, ist nicht möglich. Die Italiener haben es selbst in der Hand.

Italien unterscheidet sich kaum von Sizilien: Die letzten 50 Jahre haben dort gezeigt, dass es egal ist, wer regiert, da sich ohnehin nichts ändert. Gleiches gilt für Rom. Es braucht jemanden, der uns zu tun zwingt, was die unfähige regierende Klasse seit Jahren versäumt hat.

Das große geld machen Amerikaner

Wenn man über Kaffee, Pizza und Eiscreme spricht, wird unser Problem offensichtlich. Italienische Produkte sind auf Siegeszug, aber kaum jemand profitiert davon. Kaffee wird bei der amerikanischen Kaffeehaus-Kette Starbucks getrunken. Ähnliches gilt für Pizza: Große Pizza-Ketten, wie Pizza Hut, sind amerikanisch. Die Italienier haben vielleicht Illy und Lavazza, aber das große Geld machen die Amerikaner. Auch der Eiscreme-Markt wird von Marken wie Ben&Jerry’s, Langnese und Häagen-Dazs dominiert, die Großkonzernen wie Unilever, Nestlé und Danone gehören. Keiner von denen ist italienisch, obwohl Eiscreme eine lange und starke italienische Tradition hinter sich hat.

Wie sollte Italien auf anderen und der eigenen Tradition ferneren Gebieten wir IT oder Biotechnologie bestehen, wenn es nicht einmal in der Lage ist, von den Produkten zu profitieren, die es selbst geschaffen und entwickelt hat? Müssen wir den europäischen Traum aufgeben, um den Erfolg der italienischen Lebensart mit unserer Politik und unserer Wirtschaft in Einklang zu bringen? Wenn wir eine falsche Antwort auf diese Frage geben, wird die Lücke zwischen Cappuccinos und der Realität wesentlich größer sein als der aktuelle Zinsaufschlag.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Reinhard Olt, Joachim Starbatty, Sven Giegold.

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