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„Wir müssen viel riskieren und alles ausprobieren“

Jacob Weisberg ist Chefredakteur der Slate Mediengruppe. Mit Alexander Görlach sprach er über das Geschäftsmodell von Slate und die enorme Bedeutung von Experimentalismus im Internet.

The European: Die amerikanische Medienlandschaft verändert sich. Welche Rolle spielt Slate dabei?
Weisberg: Ein großer Teil unserer Arbeit ist es, die wirtschaftlichen Möglichkeiten für ernsthaften Online-Journalismus auszuweiten. Auf der ganzen Welt gibt es für unabhängige Medienunternehmen eine Gefahr, die nicht von autoritären Regimes oder Zensur ausgeht, sondern von dem Untergang des Geschäftsmodells der vergangenen Jahrzehnte. Es geht uns bei Slate also auch darum, den Magazinjournalismus im Netz neu zu erfinden. Wir wollen es schaffen, guten Journalismus wieder zu einem guten Geschäftsmodell zu machen. Momentan blicken wir da sehr zuversichtlich nach vorne.

The European: Slate macht vor allem Meinungsjournalismus, andere Plattformen haben den Lokaljournalismus wiederentdeckt. Welche Formen der Monetarisierung funktionieren?
Weisberg: Wir sehen Slate vor allem als ein erklärendes und analysierendes Magazin. Wir machen viel Meinungsjournalismus, aber eben nicht nur. Man bekommt Meinungen im Internet an jeder Ecke hinterhergeworfen. Uns geht es also vor allem darum, Mehrwert zu schaffen. Wir verkaufen keine Nachrichten, aber wir bieten unseren Lesern einen Zugewinn durch die Einordnung und Kontextualisierung von Nachrichten. Dabei stellen wir die eigene Meinung auch durchaus in den Hintergrund. Beim Lokaljournalismus – zum Beispiel das Patch-Projekt, das von Yahoo mitfinanziert wird – geht es um etwas anderes. Kleine Zeitungen sind besonders hart vom Aufkommen des Internets getroffen worden und haben Stellen abgebaut. Jetzt geht es darum, dieses lokale Vakuum in der Berichterstattung wieder zu füllen. Slate ist eher national ausgerichtet. Wir schreiben über lokale Ereignisse oder Events nur, wenn sie von Bedeutung für die gesamten USA sind.

„Offenes Netz gegen geschlossenes Netz“

The European: Eine Entwicklung geht weg vom browserbasierten Nachrichtenkonsum und hin zu geschlossenen Apps, zum Beispiel für das iPad. Ist das ein Weg, zukünftig Geld zu verdienen?
Weisberg: Es wird momentan viel experimentiert, das finde ich gut. Wir müssen riskieren, dass bestimmte Modelle nicht funktionieren werden, wir müssen alles ausprobieren. Die iPad-App von Slate gibt es umsonst. Wir glauben, dass sich eine Finanzierung über Werbung besser eignet als eine kostenpflichtige App. Unsere Werbekunden sind sehr interessiert an allen mobilen Plattformen – und wir haben lieber viele Leser mit Werbung als weniger Leser ohne Werbung. Das gilt übrigens auch für unsere Webseite.

Ich glaube aber, dass es wirklich eine grundsätzliche Differenz gibt zwischen den Philosophien von Google und Apple. Google will eine offene Plattform schaffen, die von Entwicklern genutzt werden kann, über die Nutzer Informationen austauschen können, die kollektiv weiterentwickelt werden kann. Bei Apple geht der Trend in Richtung der geschlossenen Räume. Apple hat zum Beispiel sehr enge Regularien für Entwickler, die etwas über den AppStore verkaufen wollen, auch inhaltlich. Ich stehe da mehr auf der Seite von Google. Offene Systeme werden irgendwann immer über geschlossene Systeme siegen, im Internet wie auch in der Politik. Apple hat einen Vorteil, weil die Produkte so hübsch und gut gemacht sind und sie – zum Beispiel beim iPad – der Konkurrenz meilenweit voraus sind. Es kann also dauern, bis Google da anknüpfen kann. Doch das Wichtige ist, dass es nicht nur um verschiedene Businessmodelle geht, es geht auch um die grundsätzliche Einstellung zum Internet.

„Guter Journalismus lässt sich nicht nur an der Rentabilität messen“

The European: Es gibt auch die Idee, Mikrobezahlsysteme einzurichten. Wir werten mit unseren Verlinkungen Seiten wie Facebook oder Youtube auf. Warum sollte man aus diesen Links kein Einkommen generieren können?
Weisberg: Wie bereits gesagt: Lasst uns experimentieren. Die Idee der Mikrobezahlung gibt es schon seit zehn Jahren, wir diskutieren bei Slate auch schon sehr lange darüber. Im Prinzip ist das eine tolle Idee – nur niemand hat es bisher umsetzen können. Wenn jemand an dieser Idee interessiert ist, muss er erst einmal beweisen, warum sie denn in der Praxis trotz dieser Erfahrungen funktionieren kann. Die Herausforderung ist, die Nutzer durch eine Bezahlung nicht zu nerven. Wäre toll, wenn das klappt. Aber ich weiß noch nicht, ob sich das wirklich realisieren lässt.

The European: Was halten Sie von spendenfinanziertem Journalismus – wie zum Beispiel pro publica? Ist das ein guter Ansatz oder ruiniert es das Geschäftsmodell für die anderen, weil Inhalte umsonst verfügbar sind?
Weisberg: Ich halte sehr viel von pro publica. Die machen einen Journalismus, der sich wirtschaftlich noch nie besonders rentiert hat, und sind schon immer von Zuschüssen abhängig gewesen. Das ist bei der BBC oder der New York Times auch nicht anders – die einen bekommen Geld von der Regierung, die anderen von reichen Privatspendern. Guter Journalismus lässt sich eben nicht immer nur an der Rentabilität messen.

Wenn man sich das bewusst macht, dann sollte man auch die Finanzierung durch Spenden und Zuschüsse als Ergänzung zur Werbefinanzierung akzeptieren. Investigativer Journalismus ist vielleicht das eindeutigste Beispiel dafür: Er kostet sehr viel, ist nicht attraktiv für Werbepartner und zieht auch nicht unbedingt viele Leser heran. Trotzdem ist diese Art des Journalismus enorm wichtig für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft. Das ist das Modell von pro publica. Wir werden abwarten müssen, ob sich diese Entwicklung bestätigt. Internationale Themen haben es momentan schwer, vielleicht ist das auch ein Fall für Philanthropie.

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