Bildung muss mehrdimensional und interdisziplinär sein

Isabelle Liegl22.01.2020Medien, Politik, Wissenschaft

Vor kurzem nahm ich an einer Veranstaltung der TU München teil, auf der u. a. die besten innovativen Masterarbeiten in den jeweiligen Fachrichtungen ausgezeichnet wurden. Der neue Präsident der Universität, Prof. Dr. Thomas Hofmann, hielt eine seiner zukunftsweisenden, mitreißenden Reden, die jedem Gast im Raum klar und verständlich aufzeigte, wie Lehre und Forschung mit innovativen Lösungen in Zukunft den Wandel der Welt für uns alle positiv und erfolgreich gestalten können. Auch ganz praktisch, denn die TU München begleitet mit ihrem Zentrum für Innovation und Gründung „UnternehmerTUM“ Start-ups bei der Unternehmensgründung.

Klären wir zunächst, was ist das eigentlich: innovativ? Innovativ steht dafür, Bestehendes weiter zu entwickeln und/oder Neues, Anderes zu kreieren. Innovativ und somit kreativ kann nur denken und handeln, wer den offenen Umgang mit der Wissensexplosion unserer Zeit, aber auch mit dem damit verbundenen Wissensverfall, in Verbindung mit immer schnelleren Prozessen und Zyklen, zulässt. Wer neue Denkstrukturen und Herangehensweisen fördert – und ganz wichtig, – wer zuvor die interdisziplinären und kulturellen Zusammenhänge verstanden hat. Konkret bedeutet dies, so zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten, zu lernen und zu spielen, dass wir, also Lehrende und Eltern, Assoziation und Fantasie fördern, ohne Angst vor Fehlern, Risiko, Urteil oder Wettbewerb. Dazu braucht es Mut und Resilienz.

Von Lösung sprechen wir dann, wenn wir eine Antwort erhalten, ein Ergebnis erzielen. Innovative Lösungen erfordern mehrdimensionales, interdisziplinäres Denken und Handeln, bei dem die Gewichtung eben nicht nur, wie so oft bei uns in Deutschland, auf der Analyse und Diagnose von Daten und Ursachen liegt, sondern ausdrücklich in der Schaffung und Umsetzung von innovativen Gedanken und Taten.

Was das bedeutet, habe ich vor sehr vielen Jahren in einem College an der Ostküste der USA am eigenen Leib erfahren. Ich werde nie vergessen, wie verzweifelt ich vor dem weißen Blatt Papier saß. Ich sollte in einem interdisziplinären Kurs zum Thema Politik, Psychologie und amerikanische Geschichte innovative Gedanken produzieren, die ich anhand meines Wissens und des gewonnen Verständnisses leisten sollte. Ich konnte nicht. Ich war nicht dazu in der Lage. Ich traute mich nicht. Die deutsche Schule hatte nie von mir verlangt, innovative Gedanken zu produzieren, mir nie die Angst vor nicht vertrauten Inhalten genommen. Ich war zwar ein As in chronologischer Geschichte und darauf gedrillt, erlerntes Wissen wiederzugeben. Aber nie hatte ich interdisziplinäre Zusammenhänge durchdacht oder war angehalten worden, selbst Lösungsvorschläge zu finden und auszuformulieren.

Bildung muss mehrdimensional und interdisziplinär sein

Das war 1981. Seitdem hat sich augenscheinlich nicht viel getan. Bei besagter Veranstaltung der TU München saß ich neben Eltern, die mir stolz berichteten, dass ihre Kinder ein renommiertes, wenig diverses, gutbürgerliches, humanistisches Gymnasium besuchen und über eine beachtliche „Festplatte“ verfügen, da sie so viel auswendig lernen müssten. Weiterhin erzählten sie, dass die Schule das beeindruckende Hobby ihrer Kinder nur so lange tolerieren wollte, wie die Noten stimmten. Auf meine Frage hin, welche Unterstützung sie von der Schule erhielten, war die Antwort: dann würde sie strenger werden und den Druck erhöhen! Ehrlich gesagt, ich hatte mir eine andere Antwort erhofft.

Wie es richtig geht, zeigte an diesem Abend Prof. Dr. Thomas Hofmann. Er informierte darüber, dass die TU für ihre Ingenieure, Informatiker und alle anderen technischen Fachrichtungen nicht nur eine Kooperation mit der philosophischen Fakultät eingegangen ist, sondern auch ein Institut für Kultur und Kunst gründen wird, um ihre Studenten und Studentinnen mehrdimensional und interdisziplinär ausbilden zu können. Auch die Verknüpfung von technischem, informatorischem Wissen und Politik sei beispielsweise vor dem Hintergrund des Einflusses ausländischer Hacker auf die letzten US-Wahlen eine Überlegung wert.

Die TU unterhält auch enge Beziehungen zu einem Gymnasium in der Nähe von München. Begabte Schüler können an einem Tag in der Woche in der TU lernen, forschen, mitarbeiten. Zudem lädt Prof. Hofmann Lehrer ein, sich an der TU weiterzubilden, denn viele Lehrpläne gerade im naturwissenschaftlichen Bereich hinken den Forschungen um ein bis zwei Jahre hinterher.

Sollte man sich angesichts dieser beiden konträren Szenarien, zum einen die vertraute, wenig zukunftsorientierte Konzentration auf den schulischen Wissenserwerb, zum anderen das mutige, zukunftsorientierte Förderangebot der TU München, nicht fragen, wo und wann Kreativität und Innovation gefördert werden sollte? Erst in der Universität, oder wäre es nicht sehr viel sinnvoller, damit bereits in der Schulzeit zu beginnen, wenn das Zusammenspiel von Spielen und Lernen noch nicht verkümmert ist und die Angst vor dem Unbekanntem noch nicht gewachsen ist!

Vielen Schulen und auch manchen Universitäten in Deutschland sind m. E. solche Überlegungen immer noch fremd. Zukunft findet bei uns nur bedingt statt, gebremst durch rückwärtsgewandte Eltern, die hochhalten, was sie kennen und sich nicht damit auseinandersetzen, was ihre Kinder können sollten. Auch nicht in den Schulen, wo die Digitalisierung mit fünfzehnjähriger Verspätung Einzug halten soll und zugleich die Pädagogikkonzepte und Schulzeiten den Herausforderungen durch Migration, Inklusion und Folgen der Digitalisierung nicht mehr gerecht werden können. Die Politik tut sich traditionell schwer mit zukunftsweisenden Konzepten und reagiert nur dann, wenn eher mittelmäßige Pisa-Ergebnisse das Image Deutschlands zu gefährden scheinen.

Wir brauchen kritisches Denken und Mut zum Risiko

Hören wir bitte endlich auf den israelischen Vordenker Yuval Harari und Jack Ma, den Gründer der Alibaba Group. Sie fordern seit Jahren vehement, ebenso wie die OECD nach jeder Pisa Studie, kritisches Denken und selbständiges Arbeiten zu fördern und das Auswendiglernen zurückzufahren. Das stößt in Deutschland auf wenig Gegenliebe.

Dabei geht es nicht darum, die „normale“ Schule abzuschaffen, sondern um ein zukunftsorientiertes und effizientes Miteinander, weil unsere Kinder lernen müssen, Gelerntes auf neue Techniken und Gesellschaften anzuwenden, die wiederum ständigem Wandel unterliegen, der kaum vorhersagbar ist.

So könnte man beispielsweise an Gymnasien den siebenjährigen Lateinunterricht um vier Jahre kürzen. Bliebe mehr Zeit für moderne Sprachen und andere Kompetenzen, die in Zeiten fortschreitender Digitalisierung immer wichtiger werden, wie z.B. Programmieren oder politisches und wirtschaftliches Wissen.

Man kann es nicht oft genug betonen, die Digitalisierung treibt den Strukturwandel und die Transformationsprozesse weltweit voran und verlangt von uns allen digitale Kompetenzen. Nur wer die Digitalisierung begreift, kann sie auch für sich nutzen und gestalten. Z.B. entstehen zwangsläufig neue Berufsbilder, andere fallen weg oder ändern sich umfassend. Beim Blick auf Morgen hilft die fundierte Recherche der Youtuberin Marina Linguamarina, die in ihrem Video „23 jobs of the future (and jobs that have no future)“ konkrete Berufsgruppen identifiziert. Ein guter Hinweis für alle Eltern und ihre Kinder, die in Zukunft Geld verdienen müssen, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können.

Innovative Schule heißt zwingend auch Vermittlung von Eigenschaften wie Selbstverantwortung, Eigeninitiative und Mut zum Risiko. Doch wie vermittelt man Kindern Gewissenhaftigkeit, Beharrlichkeit oder die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, wenn der natürliche Antrieb fehlt, weil alles da ist, das Meiste umsonst und das Leben im Vergleich zu indischen oder afrikanischen Kindern bequem und verwöhnt?

Dabei gibt es auch in Deutschland, trotz vergleichsweise großem Luxus (und noch größeren Luxusproblemen), ein hohes Maß an Chancenungleichheit, gerade für Kinder aus bildungsfernen Familien. Und dieses Problem ist offensichtlich so groß, dass es die Ergebnisse der Pisa Studie beeinflusst.

Was also sollten wir tun, um auch diese Kinder in eine positive Zukunft mitzunehmen? Als erstes fällt mir da die Sprachförderung und damit verbunden die kulturelle Bildung ein. Einen guten Vorstoß finde ich die Idee, Kinder schon in den Kitas und Kindergärten sprachlich zu fördern und Mütter bei den Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt Bilderbücher und Vorlesetipps mitzugeben. Viele Mütter könnten selbst Leseunterricht vertragen. Wenn sie die deutsche Sprache und das Lesen für sich entdecken, dann werden sie auch ihre Kinder dafür begeistern. Mangelnde Sprachkompetenz ist sogar an den Hochschulen ein Thema.

Weiterhin plädiere ich für die Ganztagsschule. Wer mehr Unterricht bekommt, versteht besser und muss auch weniger Hausaufgaben machen, um den Unterrichtsstoff beherrschen zu können. Wegweisend sind hier die Internationalen Schulen, die schon lange leisten, was die deutsche Schule nun endlich auch anpacken sollte: mehr Unterricht, mehr Struktur, kleinere Klassen, verschiedene Leistungsstufen, mehr Förderung und individuelle Betreuung.

Die sogenannten Brennpunkt-Talentschulen in NRW machen es vor. Lehrer planen, unterrichten und erarbeiten gemeinsam Förderkonzepte, denn Lehrer können heute keine Einzelkämpfer mehr sein, die alle Aufgaben allein bewältigen müssen.

Die richtigen Fragen stellen!

Eine zeitgemäße Schule braucht zeitgemäße Inhalte. Informatorisches Wissen muss Einzug halten, MINT-Fächer forciert, Weltsprachen ausgebaut werden, vor allem aber müssen interdisziplinäre Stunden den reinen Wissenserwerb ergänzen, damit Zusammenhänge erkannt und innovative Rückschlüsse möglich werden. Gemeinsame Projektarbeiten können den Kindern zudem sogenannte Reality Skills vermitteln. Wieder kann ich nur auf die Internationalen Schulen verweisen, die ein weites nicht-akademisches Feld bespielen, das nicht immer Geld kostet. Sie arbeiten mit einer Erziehungsvision und einem ausführlichen Wertekanon, der auch der deutschen Schule guttun würde. Der nicht nur Schüler und Lehrer, sondern das gesamte Schulpersonal und auch die Eltern in die Pflicht nimmt. Mit einer Pädagogik, die sich auch mit der kognitiven Ebene und nicht nur mit dem Intellekt auseinandersetzt, die nah am Kind ist, offen und pragmatisch wirkt und vor allem sofort greift und nicht erst wenn alles zu spät ist.

Am Wichtigsten aber sind die Fragen, die Internationale Schulen ihren Schülern stellen und dabei brillieren die sogenannten United World Colleges. Das sind internationale IB (International Baccalaureate) Internate, die sehr viele Stipendien vergeben. Sie suchen ihre Schüler nicht nur nach Leistung aus, sondern nach Persönlichkeit, sozialem Engagement und Reife und sind in 17 Ländern auf 4 Kontinenten vertreten. Sie stellen ihren Schülern folgende Fragen: Bist du bereit Diversität zu erleben? Denkst du, dass deine Herkunft deine Zukunft bestimmt? Hast du große Träume und keine Angst sie zuzugeben? Bist du ein Problemlöser? Und hast du Angst vor Veränderung?

Durch ihr akademisches und nichtakademisches Curriculum lernen Schüler im Laufe ihrer Schulzeit auf diese Fragen zu antworten, weil Selbstreflektion ein wichtiger Aspekt der Erziehung ist, und sie üben die Charaktereigenschaften ein, die sie vielleicht zu Hause nicht lernen konnten, die ihnen aber dabei helfen werden, ihre Zukunft positiv zu bewältigen. Für alle Zweifler sei erwähnt, dass die akademische Qualität der Schulabgänger so hoch ist, dass die besten Universitäten der Welt nach ihnen greifen. Sie akquirieren direkt an den Schulen.

Wenn wir unsere Kinder adäquat auf die Zukunft vorbereiten wollen, müssen sich alle Beteiligten eben diesen Fragen stellen. Angefangen bei unseren Politikern, über die Altphilologen in den Schulministerien, bis zu unseren Schuldirektoren, Lehrern, Eltern und ihren Kindern.

 

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