Wie muss Schule sein, damit es unseren Kindern auch in Zukunft gut geht?

von Isabelle Liegl17.07.2019Wissenschaft

Unsere Kinder leben in einem Zeitalter des großen Wandels, vergleichbar mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, und haben eine unvorhersehbare Zukunft vor sich, in der künstliche Intelligenz, Globalisierung und Migration unsere Arbeits- und Lebenswelt beinahe täglich, zum Teil disruptiv, verändern.

Da wir nicht in der Lage sind, unsere Zukunft wirklich verlässlich prognostizieren zu können, müssen wir davon ausgehen, dass die einzige existierende Tatsache, die wir mit Sicherheit kennen, der Wandel selbst ist.

Wir schauen also auf Zeiten, die als große Herausforderung vor uns liegen. „Wir haben es mit Schülern einer digitalen Generation zu tun, die unterrichtet werden sollen. Wir wollen unsere Werte erhalten und vermitteln, und wir wollen die Mädchen und Jungen darauf vorbereiten, eine globale Gesellschaft zu gestalten, die sich konstant verändert. Sie sollen lernen, vorausschauend zu denken und zu handeln, damit sie in der Lage sein werden, das, was sie gelernt haben, auf neue und andere Technologien, auf neue und andere Gemeinschaften und ihre Ideen anwenden zu können.“

So beginnt der Jahresbericht einer Schule im Staat New York in den USA für das Jahr 2016/2017. Und was bietet das deutsche Schulsystem 2019/2020, um in dieser Zukunft bestehen zu können? Kein Zentralabitur, sondern föderalistische, ideologisch beeinflusstes Schulabschlüsse. Zum einen starre staatliche Schulkonzepte, zum anderen sehr wenige Privatschulen, deren schulische Konzepte aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammen. Unser Schulsystem hat sich die Inklusion zum Ziel gesetzt und ächzt unter der Migrationsproblematik, es leistet wenig Sprachförderung und keine Persönlichkeitsentwicklung, es hat zu wenig Zeit, zu wenig Initiative, um ganzheitlich und gezielt zu fördern und zu fordern. Stattdessen gibt es überfrachtete Lehrpläne und zu große Klassen, zu wenige Lehrer, die nur Wissen vermitteln, aber nicht erziehen sollen und wollen, zu wenig digitales Equipment und Know-how auf allen Ebenen.

Vor allem aber blickt niemand über den Tellerrand hinaus. Der Zeithorizont der Lehrer, Schüler und Eltern reicht nur bis zum Abitur, wenn das Gymnasium besucht wird. Alle international bedingten Maßnahmen für eine Zukunftstauglichkeit der Kinder und ihre Zukunftspläne werden auf die Zeit nach dem Abitur verschoben. Die deutschen Eltern sind es gewohnt, dass Schule und Studium vom Staat getragen werden, dass die Abiturnote als Zugangsberechtigung zum Studium genügt und sich das „Kind“ dann selbst um seine akademische und berufliche Zukunft bemüht und kümmert. Entsprechend werden unsere im internationalen Vergleich verwöhnten und augenscheinlich weniger ambitionierten, weniger resilienten und mäßig engagierten Abiturienten mit Zulassungsbeschränkungen bestraft, da sie meistens zu spät dran sind, nicht ausreichend informiert und vor allem nicht vorbereitet sind, um die notwendigen Voraussetzungen zu erfüllen oder unter dem harten Wettbewerb und der internationalen Konkurrenz bestehen zu können.  Aus diesen Gründen habe ich das Buch „Wo bitte geht´s nach Stanford“ geschrieben, aus der Perspektive einer Mutter, die seit Jahren erlebt, wie sehr wir im internationalen Vergleich abfallen, und nicht nur in Bezug auf unsere Wirtschaftskraft.

Wie also muss Schule sein, damit es unseren Kindern auch in Zukunft gut geht? Wie kann ich dabei helfen, meine Kinder zu befähigen, ein glückliches, selbstbestimmtes und – nach eigenen Maßstäben – erfolgreiches Leben zu führen? Wie muss die Schule der Zukunft aussehen, die ein hohes Maß an Bildung gewährt, aber die Kinder in die Zukunft führt und die den dringlichsten Bedürfnissen Rechnung trägt, indem sie auch auf kulturelle Veränderungen eingeht und individuell mehr Unterstützung und Erziehung bietet?

Weil unsere Kinder immer mehr in die digitale Welt eintauchen, müssen wir ihnen die Natur nahebringen und ihre Wahrnehmung fördern.

 Natur und ihre Wahrnehmung sind die Basis unserer Fähigkeit zu lernen und Gelerntes umzusetzen. Sie machen unsere Kinder stabil, konzentriert und lernbereit. Schulen sollten den inneren Bezug zur Natur mittels Lehrgarten, Schulküche oder Schulprojekten fördern und auf diese Weise den Kindern ermöglichen, ihre kognitiven Fähigkeiten durch die Hand-Kopf-Verbindung zu optimieren.

 Unsere Kinder wachsen nicht im Wald auf, sondern in einer hochtechnisierten Umwelt.

 Sie dürfen nicht nur digitale Konsumenten sein, sondern müssen zu digitalen Produzenten werden, die in Lage sind, die digitalen Anforderungen der Zukunft zu meistern. Dazu gehören informatorisches Wissen und Programmieren, Kommunikationstechnologie und Anwendungskompetenz im akademischen und beruflichen Alltag.

 Unsere Kinder sollen auch können, was Computer nicht können.

Und hier wird das Feld weit und in deutschen Schulen besonders leer, denn die klassische Wissensvermittlung steht an erster Stelle, nicht aber Erziehung mit ihren Soft Skills. Hier können wir uns sehr viele Anregungen und Inhalte vom Wertekonzept und Lehrplan der Internationalen Schulen holen. Das Wertekonzept ist Ausdruck der gelebten Diversität und eines positiven Wettbewerbs. Es geht um die Anerkennung der persönlichen Individualität der Schüler und um die Durchmischung der Schülerschaft. Auf diese Weise können und dürfen Kinder besonders sein und sie sollen sich mit anderen Kindern positiv messen. Sie sollen ihre Stärken und Schwächen ohne Angst vor negativen Konsequenzen erkennen. Sie sollen früh beginnen, sich selbst, andere und die Umwelt zu reflektieren. Sie sollen sich sozial engagieren und lernen, ihre Errungenschaften mit Selbstbewusstsein zu vertreten und zu präsentieren.

Diversität bedeutet Veränderung, Horizonterweiterung, interkulturelle Kompetenz und Toleranz. Es bedeutet die Förderung und Forderung junger Menschen auf allen Ebenen, die als Konsequenz daraus erfahren, was Leistungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Mut bewirken können.  Und so erkunden die Juniors die Natur und Robotics, Middle und Senior School Schüler arbeiten innovativ und kreativ, design- und führungsorientiert, insbesondere in den sogenannten MINT Fächern, aber auch in Kunst, Kultur und Kommunikation. In einem Innovation Hub lernen sie die weltweite Projekt- und Netzwerkarbeit mit anderen Schulen, mit Stiftungen, Firmen und sonstigen Unterstützern. Im sogenannten Personal Project trainieren sie Wettbewerb, Kreativität, Lösungskompetenz und Präsentation. Und nicht alle diese Errungenschaften kosten viel Geld, um voreiligen Kritikern zuvor zu kommen.

 Wir wünschen uns die bestmögliche Allgemeinbildung, die das Kind zu leisten imstande ist.

 Nicht jedes Kind ist in der Lage, Latein und Alt-Griechisch zu lernen, ohne auf moderne Sprachen wie Englisch oder Spanisch zu verzichten. Nicht jedes Kind schafft den Mathe-Leistungskurs. Hier zähle ich auf die Vernunft der Eltern und ihre Fähigkeit hinzuschauen, um zu erkennen, was ihre Kinder zu leisten imstande sind. Natürlich gehört dazu ein stabiles Allgemeinwissen, das ist nicht verhandelbar, sowie Vertiefungen in ausgesuchten Bereichen. Aber, Eltern und Schulen müssen den Kindern auch ermöglichen, ihre Zukunftskompetenzen auszubauen und zu festigen. Auch das halte ich für unabdingbar.  Wenig hilfreich sind die grundsätzlich völlig überfrachteten deutschen Lehrpläne und das daraus resultierende Lernverhalten der allein gelassenen Schüler, die reinpauken, „ausspucken“ und vergessen, anstatt Lernen zu lernen und lernen, zu denken.

In diesem Zusammenhang bin ich Befürworter von interdisziplinärem Lernen, denn, wenn man zum Beispiel Darwin im 19. Jahrhundert diskutiert, kann man weit in die Fächer Biologie, Soziologie, Geschichte und Politik ausholen. Natürlich hat das Fach Geschichte eine starke chronologische Ausrichtung, aber wie spannend kann Denken und Lernen werden, wenn man zum Beispiel unter dem Begriff „Macht“ die einzelnen Disziplinen Geschichte, Politik, Wirtschaft, Mathematik, Sozialkunde durchleuchtet und in Verbindung bringt. Bei uns in Deutschland wird dieser Ansatz sehr gerne missinterpretiert und verdreht dargestellt, als wolle man beispielsweise die Ursachenanalyse in thematisch und fachlich völlig unterschiedlichen Bereichen über einen Kamm scheren. (Jürgen Kaube in „Schule verblödet“, Die Welt, 17. Mai 2019, S.2).

 Wir brauchen Schule den ganzen Tag und Lehrer, die wir respektieren.

 Wenn wir dies alles erreichen wollen, dann brauchen wir, wie in der Internationalen Schule, mehr Unterricht, mehr Struktur, mehr Initiative und Aktivität, mehr Sport und andere nicht-akademische Aktivitäten, mehr Erziehung, Zuwendung und Förderung auch der starken Schüler, mehr Lehrer, die unsere Kinder respektieren.

Im Ergebnis bräuchten wir weniger Nachhilfelehrer, wir hätten weniger Eltern- und Kinderfrust, weniger Konflikte innerhalb der Familie und in der Schule, weniger Probleme, was Migration, Inklusion und ganz allgemein die Problematik bildungsferner Familien betrifft. Wir könnten die Bildungsgerechtigkeit aufgrund verbesserter Chancen fördern und die Lehrer endlich wieder als einen wichtigen und wertvollen Teil des Schulalltags anerkennen, denn die sogenannte „erworbene Intelligenz“ (umsichtig, weitsichtig, vorausdenkend zu sein, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen) „kann sich nur bilden, wenn das Kind von klein auf ein Gegenüber hat, an dem es sich orientieren kann. Wenn es jemanden hat, der mit dem Kind auch Dinge einübt und sie abverlangt“ („Lehrer haben einen großen Teil von Schülern dasitzen, die Kleinkinder geblieben sind“ von Michael Winterhoff, der glaubt „Deutschland verdummt“, Stern, 20. Mai 2019).

Mit Hilfe von engagierten Lehrern, die tief und interdisziplinär denken und lehren können, die kreativ und innovative Lösungswege gehen können, die für das Kind auch in der digitalen Welt ein „Gegenüber“ sind, und die mit ihren Schülern eine Bindung eingehen, können wir unsere Kinder ganzheitlich bilden und erziehen, wir können ihnen Werte vermitteln, wir können sie für den Wettbewerb und für die Bewältigung der Zukunft fit machen. Und das ist kein Luxus, sondern absolute Notwendigkeit.

 

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