Wir können Gott nicht einfach abschreiben. Martin Walser

Deutschland für Fortgeschrittene

Frankreichs Medien bedienen heute noch Feindbilder aus der Vergangenheit. Dabei hat die Wirklichkeit sie schon längst überholt.

Spieglein, Spieglein an der Wand, sag’ mir, wer ist der Größte im Europaland? Augsteins „Spiegel“ wusste stets: die Grande Nation. Napoleon, de Gaulle, Mitterrand … Und dann kamen die Krise und Sarkozy. Das Blatt wendete sich, Frankreich war plötzlich Juniorpartner im „Merkozy“-Land. Die ARD brachte es zu Silvester auf den Punkt: Sarkozy als Butler in „Dinner for One“ mit aktueller Schlusspointe: „Same procedure …“ – aber bitte „ohne Eurobonds“! Ein Jahr ist vergangen, Silvester naht. Wer ist der Größte in „Merkhollande“?

Same procedure? Mit aller Sicherheit. Medien brauchen Klischees, vertraute Bilder, ein einfaches Weltbild, weil sich Einschaltquoten und Verkaufszahlen damit am besten steigern lassen. Der Nutzer verlangt ja selbst nach einer überschaubaren und vertrauten Weltvorstellung. Je komplexer das Geschehen, desto schemenhafter die Berichterstattung und desto eher bleibt auch das Selbstvertrauen erhalten. Satire, Karikaturen können damit der Katharsis-Funktion der Berichterstattung sehr behilflich sein – auch, weil sie beharrliche Denkmuster schützen und so helfen, über die eigenen Schwächen hinwegzutäuschen.

Stereotypen lassen sich vor allem traumhaft instrumentalisieren. In Deutschland ist das bisher weniger der Fall. Man vergnügt sich dort mit dem wild um sich fuchtelnden Louis de Funès oder gefällt sich in dem Gewand eines Citoyen. Anders in Frankreich: „Das Auto“, der stets höfliche Derrick oder Angela Merkel, die „mächtigste Frau Europas“, werden hier glühend verehrt. Aber Deutschland?

Der Begriff weckt zwiespältige Gefühle. In der Bevölkerung vermischen sich kollektive Erinnerung an Occupation und Résistance, sorgsam durch Film, Dokumentarisches und Louis de Funès 
gepflegt – wobei dem TV-Sender Arte ein entscheidender Part zukommt. Auf der anderen Seite 
erlebte Qualität und Verlässlichkeit, sei es durch den Kauf eines Hochdruckreinigers oder den Alltag im Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen nach Deutschland. Je jünger die Franzosen, desto positiver ist ihre Einstellung. Normalität halt.

Im Mediengeschehen und in der Politik gelten andere Auffassungen. Diese sind in Frankreich extrem ambivalent und werden gezielt eingesetzt. Sieht man von der im diplomatischen Ritual fest verankerten deutsch-französischen Beziehung ab, schwanken die Einstellungen vom einen Extrem – nachahmenswertes Vorbild – zum anderen – abschreckendes Beispiel –, wobei Letzteres entscheidend für die öffentliche Meinung ist. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn es um Europa geht.

Deutscher Stechschritt auf dem Bildschirm

Als zum Beispiel 1992 das Referendum zum Maastricht-Vertrag bevorstand, wurde der terrestrische Start des deutsch-französischen Kulturprogramms Arte um ein halbes Jahr verzögert, um nicht durch deutschen Stechschritt auf dem Bildschirm ein ohnehin schwaches „Oui“ zu gefährden. Seit dem „Non“ beim Referendum zum Verfassungsvertrag 2005 wäre heute bei jeder Volksbefragung eine deutliche Ablehnung zu erwarten. Erst recht, wenn die Initiative des zu ratifizierenden Vertrags in der Wahrnehmung ausgewiesen aus Deutschland stammt …

Als die Krise im Euroraum ausbrach und „mehr Europa“ angesagt war, besann sich die Politik auf die Vorbildfunktion des „Musterschülers der EU“. Deutschland wurde um seine wettbewerbsfähige Industrie, den geheimnisumwitterten Mittelstand (das Wort ist in die französische Sprache eingewandert) und seine soliden Staatsfinanzen offen beneidet. Dieses positiv besetzte Bild hatte unter Sarkozy die Funktion, auch im Inland entsprechende Reformen zu unterstützen. Doch war es am Ende zu viel des Guten. Im Wahlkampf wurden die Themen Europa und Strukturreformen ganz verdrängt und stattdessen die Illusion vertieft, um das Wirtschafts- und Sozialmodell Frankreichs „beneide uns die ganze Welt“ – so die beliebte rituelle Beschwichtigungsformel in der Öffentlichkeit.

In Frankreich ist die Welt noch in Ordnung

Nach der Wahl wurde das negative Deutschlandbild im politischen Diskurs wie in den Medien reaktiviert. Und das nicht nur in Opposition zu Sarkozy. Nun wurde gezielt nach dem „faulen Etwas“ im Nachbarreich gesucht. Das war auch schnell gefunden, dank grenzüberschreitender Gedankenwanderung von links nach links: Das Sozialmodell, von einem sozialdemokratischen Kanzler zerschlagen, nährt nichts als Ungleichheit, Armut und Prekarität! Mit diesem Schreckensbild lässt sich jeglicher Reformgedanke in Frankreich im Keim ersticken – hier ist die Welt schließlich noch in Ordnung.

Wozu Strukturreformen bei leeren Staatskassen und mit dem Risiko einer Rezession, wo das reiche Deutschland sich doch mit den weniger
guten Schülern der EU solidarisch erweisen könnte, statt an seinem „Alleingang“ festzuhalten? Solche Vorstellungen werden gezielt von den Medien genährt, denn die sind fest in der Hand mächtiger Lobbys, die ein abschreckendes Deutschlandbild brauchen, um ihre Interessen durchzusetzen – sei es die Pflege des Selbstbildes oder der Schutz von Privilegien.

Grande Nation? Juniorpartner? Nichts als Medienfloskeln. Frankreich hat die Orientierung verloren, die Gesellschaft ist zutiefst gespalten, die Menschen haben andere Sorgen, als sich zu fragen, ob Frankreich noch eine Supermacht ist, egal was damit gemeint sein könnte. Und die Partnerschaft zu Deutschland? Die ist Teil der Identität. Ganz selbstverständlich, genauso wie die Spannungen, die da oben in der Politik immer wieder deutlich werden. Deshalb Spieglein, sag’: Ist das bei den Deutschen tatsächlich anders?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Emmanuel Macron, Katja Leikert, Adrian Lobe.

Print2_cover_klein

Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Frankreich, Angela-merkel, Nicolas-sarkozy

Debatte

Die Kriminalität gehört zu Deutschland

Medium_aff4f5ceab

Arabische Clans regieren mit Gewalt

Arabischstämmige kriminelle Clans und ihre Nachfolgeorganisationen sind das Ergebnis naiver und fahrlässiger Politik, die es noch immer gibt. weiterlesen

Medium_33b5148123
von Rainer Wendt
13.05.2019

Debatte

Einbürgerung trotz Mehrfachehe möglich

Medium_c272368032

Deutschland verabschiedet sich 2019 von seinen Grundwerten

Deutschland im Jahr 2019, ein Land verabschiedet sich von seinen Grundwerten. Hier ein wenig, dort etwas mehr, aber beständig und unumkehrbar. Und später stehen die Verursacher völlig entgeistert d... weiterlesen

Medium_33b5148123
von Rainer Wendt
11.05.2019

Debatte

Unstatistik des Monats

Medium_e24b3d6035

Rankings setzen falsche Anreize für die Lokalpolitik

Im April 2019 wurde eine Studie aus dem Mai 2018 als Unstatistik virulent: Wie u.a. die WAZ berichtet, weigern sich mehrere Oberbürgermeister und Landräte des Ruhrgebiets, an zwei vom ZDF geplanten... weiterlesen

meistgelesen / meistkommentiert