Deutschland für Fortgeschrittene

Isabelle Bourgeois18.12.2012Politik

Frankreichs Medien bedienen heute noch Feindbilder aus der Vergangenheit. Dabei hat die Wirklichkeit sie schon längst überholt.

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Spieglein, Spieglein an der Wand, sag’ mir, wer ist der Größte im Europaland? Augsteins „Spiegel“ wusste stets: die Grande Nation. Napoleon, de Gaulle, Mitterrand … Und dann kamen die Krise und Sarkozy. Das Blatt wendete sich, Frankreich war plötzlich Juniorpartner im “„Merkozy“-Land.”:http://www.theeuropean.de/igor-fayler/9399-unwort-merkozy Die ARD brachte es zu Silvester auf den Punkt: Sarkozy als Butler in „Dinner for One“ mit aktueller Schlusspointe: „Same procedure …“ – aber bitte “„ohne Eurobonds“!”:http://www.theeuropean.de/marco-buschmann/7729-streit-um-euro-bonds Ein Jahr ist vergangen, Silvester naht. Wer ist der Größte in „Merkhollande“?

Same procedure? Mit aller Sicherheit. Medien brauchen Klischees, vertraute Bilder, ein einfaches Weltbild, weil sich Einschaltquoten und Verkaufszahlen damit am besten steigern lassen. Der Nutzer verlangt ja selbst nach einer überschaubaren und vertrauten Weltvorstellung. Je komplexer das Geschehen, desto schemenhafter die Berichterstattung und desto eher bleibt auch das Selbstvertrauen erhalten. Satire, Karikaturen können damit der Katharsis-Funktion der Berichterstattung sehr behilflich sein – auch, weil sie beharrliche Denkmuster schützen und so helfen, über die eigenen Schwächen hinwegzutäuschen.

Stereotypen lassen sich vor allem traumhaft instrumentalisieren. In Deutschland ist das bisher weniger der Fall. Man vergnügt sich dort mit dem wild um sich fuchtelnden Louis de Funès oder gefällt sich in dem Gewand eines Citoyen. Anders in Frankreich: „Das Auto“, der stets höfliche Derrick oder Angela Merkel, die „mächtigste Frau Europas“, werden hier glühend verehrt. Aber Deutschland?

Der Begriff weckt zwiespältige Gefühle. In der Bevölkerung vermischen sich kollektive Erinnerung an Occupation und Résistance, sorgsam durch Film, Dokumentarisches und Louis de Funès 
gepflegt – wobei dem TV-Sender Arte ein entscheidender Part zukommt. Auf der anderen Seite 
erlebte Qualität und Verlässlichkeit, sei es durch den Kauf eines Hochdruckreinigers oder den Alltag im Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen nach Deutschland. Je jünger die Franzosen, desto positiver ist ihre Einstellung. Normalität halt.

Im Mediengeschehen und in der Politik gelten andere Auffassungen. Diese sind in Frankreich extrem ambivalent und werden gezielt eingesetzt. Sieht man von der im diplomatischen Ritual fest verankerten deutsch-französischen Beziehung ab, schwanken die Einstellungen vom einen Extrem – nachahmenswertes Vorbild – zum anderen – abschreckendes Beispiel –, wobei Letzteres entscheidend für die öffentliche Meinung ist. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn es um Europa geht.

Deutscher Stechschritt auf dem Bildschirm

Als zum Beispiel 1992 das Referendum zum Maastricht-Vertrag bevorstand, wurde der terrestrische Start des deutsch-französischen Kulturprogramms Arte um ein halbes Jahr verzögert, um nicht durch deutschen Stechschritt auf dem Bildschirm ein ohnehin schwaches „Oui“ zu gefährden. Seit dem „Non“ beim Referendum zum Verfassungsvertrag 2005 wäre heute bei jeder Volksbefragung eine deutliche Ablehnung zu erwarten. Erst recht, wenn die Initiative des zu ratifizierenden Vertrags in der Wahrnehmung ausgewiesen aus Deutschland stammt …

Als die Krise im Euroraum ausbrach und „mehr Europa“ angesagt war, besann sich die Politik auf die Vorbildfunktion des „Musterschülers der EU“. Deutschland wurde um seine wettbewerbsfähige Industrie, den geheimnisumwitterten Mittelstand (das Wort ist in die französische Sprache eingewandert) und seine soliden Staatsfinanzen offen beneidet. “Dieses positiv besetzte Bild hatte unter Sarkozy die Funktion, auch im Inland entsprechende Reformen zu unterstützen.”:http://www.theeuropean.de/julia-korbik/10127-schicksalspartner-merkel-und-sarkozy Doch war es am Ende zu viel des Guten. Im Wahlkampf wurden die Themen Europa und Strukturreformen ganz verdrängt und stattdessen die Illusion vertieft, um das Wirtschafts- und Sozialmodell Frankreichs „beneide uns die ganze Welt“ – so die beliebte rituelle Beschwichtigungsformel in der Öffentlichkeit.

In Frankreich ist die Welt noch in Ordnung

Nach der Wahl wurde das negative Deutschlandbild im politischen Diskurs wie in den Medien reaktiviert. Und das nicht nur in Opposition zu Sarkozy. Nun wurde gezielt nach dem „faulen Etwas“ im Nachbarreich gesucht. Das war auch schnell gefunden, dank grenzüberschreitender Gedankenwanderung von links nach links: Das Sozialmodell, von einem sozialdemokratischen Kanzler zerschlagen, nährt nichts als Ungleichheit, Armut und Prekarität! Mit diesem Schreckensbild lässt sich jeglicher Reformgedanke in Frankreich im Keim ersticken – hier ist die Welt schließlich noch in Ordnung.

Wozu Strukturreformen bei leeren Staatskassen und mit dem Risiko einer Rezession, wo das reiche Deutschland sich doch mit den weniger
guten Schülern der EU solidarisch erweisen könnte, statt an seinem „Alleingang“ festzuhalten? Solche Vorstellungen werden gezielt von den Medien genährt, denn die sind fest in der Hand mächtiger Lobbys, die ein abschreckendes Deutschlandbild brauchen, um ihre Interessen durchzusetzen – sei es die Pflege des Selbstbildes oder der Schutz von Privilegien.

Grande Nation? Juniorpartner? Nichts als Medienfloskeln. Frankreich hat die Orientierung verloren, “die Gesellschaft ist zutiefst gespalten, die Menschen haben andere Sorgen,”:http://www.theeuropean.de/thomas-schiller/10849-frankreich-und-die-front-national als sich zu fragen, ob Frankreich noch eine Supermacht ist, egal was damit gemeint sein könnte. Und die Partnerschaft zu Deutschland? Die ist Teil der Identität. Ganz selbstverständlich, genauso wie die Spannungen, die da oben in der Politik immer wieder deutlich werden. Deshalb Spieglein, sag’: Ist das bei den Deutschen tatsächlich anders?

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