EU-Politik ist ein Kunststück. Heinz Fischer

Gewissensfrage

Man muss keiner Konfession angehören, um religiös zu sein. Auch wenn sich Religion verändert, so scheint das individuelle religiöse Befinden eine Grundkonstante der Menschheit zu sein.

Kurz vor Ostern riefen religionsfeindliche Organisationen zum kollektiven Kirchenaustritt auf. Die religiösen Strukturen seien verkrustet, die Ansichten altbacken. Aktuell veröffentlichte Zahlen über Kirchenaustritte zeigen, dass beispielsweise die vorösterlichen Aktionen vor den Standesämtern der Republik im gesellschaftlichen Trend liegen. Aber was sagt das über Religiosität aus?

Konfessionslos ist nicht gleich areligös

Dass ein Mehr an Konfessionslosigkeit nicht gleichbedeutend ist mit einem Mehr an Irreligiosität, machte der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung bereits 2008 deutlich. Mehr als ein Viertel der Befragten, die sich keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen, sind trotzdem als religiös einzustufen, so der Befund der repräsentativen Umfrage. 52 Prozent der Befragten in Deutschland sind demnach religiös. Mehr noch: etwa ein Fünftel sind zusätzlich hochreligiös. Und: nur ein Drittel der Befragten kann in Deutschland als nicht religiös gelten.

Man tut also gut daran, die Mitgliedschaft in einer bestimmten Religionsgemeinschaft und einen individuellen Glauben getrennt zu betrachten. Während sich die Beschaffenheit von Religion im Laufe der Zeit verändern mag, scheint das individuelle religiöse Befinden eine anthropologische Grundkonstante der Menschheit zu sein.

Wie keine anderen religiösen Handlungen verdeutlichen Gebet und Meditation das in der Befragung zum Ausdruck kommende religiöse Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Frei vom Einfluss jedweder kirchlicher oder staatlicher Institutionen sind Gebet und Meditation Kernstück des eigenen religiösen Lebens schlechthin. Das Gebet ist ein Gespräch des Werdenden mit seinem Schöpfer. Beten ist eine Gewissensfrage, dem Zugriff Dritter entzogen. „Der Glaube eines Menschen kann nur von ihm selbst abhängen“, schreibt Bahá’u’lláh (1817-1892), Stifter der Bahá’í-Religion, auf seinem Verbannungsweg im osmanischen Edirne an einen seiner frühen iranischen Anhänger.

In der Moderne mit immer schneller werdenden Fortschritt von Technik und Kommunikation sind alltägliches Gebet und Meditation Angelpunkte der Besinnung auf die zweite Natur des Menschen. Als Teil der materiellen Welt hat der Mensch darüber hinaus auch eine spirituelle Identität. Beten, in welcher Form auch immer, befriedigt ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen nach Gemeinschaft mit etwas, das größer ist als der Mensch selbst. Die Bedürftigkeit des Menschen macht schon der Bedeutungsursprung des Wortes deutlich, kommt dieser doch aus dem Althochdeutschen „gibet“ – Bitte.

Kraftquelle und Inspiration

Für die weltweit über sechs Millionen Bahá’í gehören regelmäßiges Beten und Meditieren sowie das Lesen in den Heiligen Schriften zum Tagesablauf. Dies ist für sie eine wesentliche Quelle, aus der sie das Vermögen schöpfen, sich mit ihren Mitmenschen gemeinsam konstruktiv am friedlichen Wandel der Gesellschaft zu beteiligen. Die regelmäßige Rückwendung zu Gott und seinem in den Heiligen Schriften zum Ausdruck kommenden Wille ist für sie Kraftquelle und Inspiration für die Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen. Gewaltfreie Kommunikation, gemeinschaftliche Problemlösung und Entscheidungsfindung oder der Zusammenhalt von Menschen gleich welcher sozialer und nationaler Herkunft oder Religionszugehörigkeit fußen unmittelbar auf dem Verständnis des Menschen als spirituelles Wesen. „Vor Gott sind alle Menschen gleich“, heißt es in den Schriften der Bahá’í. Aber zugleich auch: „Jede Seele hat ihre eigene Sehnsucht.“

Im Spannungsbogen zwischen Einheit und Vielfalt verläuft auch die Entwicklung moderner Gesellschaften mit ihren institutionellen Einrichtungen. Begreifen wir Religion nicht allein individuell als anthropologische Konstante über alle Zeitläufte hinweg, sondern auch kollektiv, dann muss religiöse Verfasstheit sich notgedrungen einem Wandel der Zeit unterziehen.

Zwar ist die Bahá’í-Gemeinde in ihren Grundzügen ebenso wie die christlichen Kirchen eine göttliche Stiftung. Dennoch stellt sie als Teil der Schöpfung nur einen zeitlich begrenzten Raum dar. In diesem kann der Einzelne zusammen mit anderen bereits ein Gesellschaftsmodell vorleben, das bereit ist, geistlosen Konsum und gesellschaftliche Lethargie hinter sich zu lassen. Stattdessen ist das Gebet Kraftquelle für selbstloses Tun im Sinne des Gemeinwohls über jede menschliche Begrenzung hinweg. Man muss nicht unbedingt religiös sein, um daran mitzuwirken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Uffe Schjodt, Nina Hagen, Dietmar Heeg.

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