Ein bisschen Frieden

von Ingo Grabowsky28.04.2013Gesellschaft & Kultur

Schlager ist nicht bloß krisenfest, seine Erfolgsformel ist auch zeitlos. Das weiß sogar Peter Fox.

Noch heute wird dem Schlager nicht selten der Vorwurf gemacht, seine Beliebtheit liege daran, dass er den Hörern eine „heile Welt“ vorgaukle. Nicht immer eine „heile“, aber doch für die wenigen Minuten seiner Dauer eine andere Welt zu eröffnen – darauf beruht tatsächlich zu einem Gutteil der Erfolg des populären deutschsprachigen Liedes, des Schlagers also.

„Andere Räume“ – Heterotopien – nannte der französische Kulturtheoretiker Michel Foucault Illusionswelten, die als „Gegenplatzierungen oder Widerlager“ dazu geeignet sind, Menschen für eine gewisse Zeit in einen Zustand des Andersseins zu versetzen. In diesem Sinne sind Schlager, um es mit Kurt Tucholsky zu sagen, Ware für die Massen, „bestehend aus Musik und Worten, die kaum noch etwas mit ihren Autoren zu tun haben, sondern die aus der Literatur zum Gebrauchsgegenstand des Volkes oder des jeweiligen Volkskreises avanciert oder degradiert sind“.

Mit dem Schlager in die Heimat

Immer wieder wurde versucht, dem Schlager gesellschaftliche Aufgaben zuzuweisen: Die Nationalsozialisten verlangten nach „optimistischen Schlagern“, um das Volk im „totalen Krieg“ zum Durchhalten zu bewegen. In der DDR wollten die Machthaber einen „sozialistischen Schlager“ ins Leben rufen. Mit religiösen Schlagern wie „Danke (für diesen guten Morgen)“ wurde in den 1960er-Jahren angestrebt, die Menschen wieder mehr für „die Sache Jesu“ zu begeistern.

Den mit ihnen verbundenen Zweck erzielen Schlager jedoch vergleichsweise selten. Das Lied „Bruttosozialprodukt“ etwa, ursprünglich eine Kritik an der Leistungsgesellschaft, geriet 1982/83 zum Soundtrack von Helmut Kohls politischer „Wende“. Schlager sind erfolgreich, weil die Menschen sie nicht bloß konsumieren, sondern gleichsam neu schaffen und ihre eigenen Inhalte hineinlesen. Zwar bewirkt auch die Penetranz der Rundfunk-Rotation nicht wenig. Dennoch gelten heute zumindest teilweise immer noch die Worte des Komponisten Paul Lincke, der um 1910 formulierte: „Wenn das Publikum nicht will, können tausend Kapellen täglich das gleiche Lied spielen – es wird nie ein Schlager daraus werden.“

Titel wie „Lili Marleen“ dienten im Zweiten Weltkrieg Soldaten auf allen Seiten der Front als Vehikel, um der Brutalität des Krieges für ein paar Augenblicke in eine virtuelle Begegnung mit der Geliebten oder der – im Schlager friedvoll erscheinenden – Heimat zu entfliehen. Nach dem Krieg entführte, wie eine Zeitschrift schrieb, die „zärtlich getragene Melodie“ der „Capri-Fischer“ die „Hausfrauen und die jungen Mädchen“ an einen Ort der Romantik, des Wohlergehens und des Friedens. Schlager vermitteln – wie andere Kunstwerke auch – Stimmungen, die den Hörer in eine andere Realität versetzen können.

So bunt wie die Gesellschaft ist heute auch der Schlager. Am „Ballermann“ begleitet er das Feiern bis zur Besinnungslosigkeit. In sexuelle Traumwelten entführt Andrea Berg ihr Publikum, wenn sie verspricht: „Ich würd’ es wieder tun mit dir – heute Nacht“. Eine Trugwelt der Heimatlichkeit bieten zahlreiche Künstler der sogenannten volkstümlichen Musik an – freilich sind sich die Fans wohl durchaus bewusst, dass sie mit der Musik ein Gefühl und nicht die Realität einkaufen.

Den Ausbruch aus dem Provinziellen ermöglichen – besonders in Deutschland – ungezählte Künstler, die mit ausländischem Akzent ihre Lieder vortragen: Die Reihe reicht von Zarah Leander über Caterina Valente, Vico Torriani oder Milva bis zu Semino Rossi. Manche Interpreten wie Drafi Deutscher, Manuela oder Ivan Rebroff eigneten sich gar eine fremde Identität oder zumindest einen künstlichen Akzent an. Häufig müssen sich die Konsumenten die Traumwelten nicht erst erarbeiten, weil sie bereits auf textlicher oder musikalischer Ebene den Inhalt des Liedes bilden. Peter Fox’ Schlager „Haus am See“ evoziert einen locus amoenus und aktualisiert auf kongeniale Weise jenes „kleine Haus am Michigansee“, das der unsterbliche Werner Richard Heymann 1928 aus Tönen erschuf.

Schlager in der Todesanzeige

Schlager sagen viel über die spezifischen Stimmungen der Zeit aus, in der sie erfolgreich sind: DJ Ötzis „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“ vermittelt den Menschen, da religiöse und materielle Gewissheiten verloren gehen, mit der für „alle Zeiten“ beschworenen Liebe eine Ersatztranszendenz. Diese Nutzung des Schlagers belegt nicht zuletzt seine häufige Zitierung in Todesanzeigen, die er übrigens mit Grönemeyers „Der Weg“ oder Unheiligs „Geboren, um zu leben“ gemein hat. Ein ähnliches Bedürfnis befriedigen Silbermond: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit / in einer Welt, in der nichts sicher scheint!“

Der Erfolg von Nicole beim Grand Prix Eurovision 1982 hat auch damit zu tun, dass ihr Lied den Menschen in Zeiten einer allgegenwärtigen und unbändigen Kriegsfurcht tatsächlich für eine kurze Spanne „Ein bisschen Frieden“ bot. Schlager verheißen ihren Hörern in Heimatgefühl, Internationalität, Liebesrausch oder Alkoholseligkeit tatsächlich häufig Welten, die sonst nicht betreten werden: Im Gegensatz zum landläufigen Vorurteil aber hindern sie niemanden daran, sich nach dem Ausschalten am Knopf des Radios, Fernsehers, MP3-Players oder auch nach dem Zuschlagen des Notenblattes wieder der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu widmen – selbst wenn sie als Ohrwurm noch einige Stunden nachklingen.

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