Für einen neuen Patriotismus

von Ingo Friedrich16.03.2019Außenpolitik, Europa, Innenpolitik

Für viele Linke und Grüne sind Patriotismus und Vaterlandsliebe in der globalisierten Welt von heute keine bedeutenden Werte mehr. Staat und Nation werden in diesen Kreisen eher als Zweckgemeinschaft verstanden, die man bei Bedarf auch mal wechseln kann und deren Sinn vielleicht noch darin besteht, die Menschen besser zu erziehen. Von Ingo Friedrich.

Dabei braucht auch die Nation des 21.Jahrhunderts ähnlich wie eine Kommune oder eine Familie die emotionale Zuwendung seiner Bürger bzw. Mitglieder wie das tägliche Brot. Eine Nation, deren Bürger sich nicht mehr als Patrioten verstehen, verspielt seine Zukunft. Die These von J.F. Kennedy, wonach der patriotische Bürger zu allererst fragen sollte, was er für sein Land tun kann, hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Allerdings muss der nationale Patriotismus des 21. Jahrhunderts auch zur Kenntnis nehmen, dass heute nur noch jene Patrioten die Interessen ihres Landes nachhaltig und erfolgreich vertreten können, die zwei „neue“ Faktoren in ihre Überlegungen aufnehmen:

• die immens gestiegene Komplexität der heutigen politischen Realität und

• die neue Erfordernis der Einbeziehung der zentralen Empfindlichkeiten der Partner und Nachbarn in die eigenen Maßnahmen und Entscheidungen

Der „Patriot“, der in der klein gewordenen vernetzten Welt von heute immer noch nach dem Motto handelt „my country first“ und dabei meint „my country alone” wird mittelfristig Schiffbruch erleiden, weil er sich isoliert und von neuen Bündnissen und Koalitionen der Partner überrollt wird. Genau das passiert derzeit dem amerikanischen Präsidenten Trump, der sich darüber wundert, dass seine Sympathiewerte in Deutschland und Europa so drastisch eingebrochen sind. Viele Europäer halten heute Russland und China für verlässlicher als die USA!

Der sich als „Patriot“ verstehende Präsident Trump hat also wegen Nichtberücksichtigung dieser neuen Gegebenheiten in wenigen Jahren in nahezu unvorstellbarer Weise Vertrauen verspielt und seinem Land geschadet. Ein ähnliches Schicksal werden die großmäuligen Populisten in Frankreich, Italien, Türkei und Polen erleiden.

Die neuen „immateriellen“ Sympathiewerte bei den Bürgern der Nachbar- und Partnerländer gewinnen in der heutigen Welt zunehmend an Bedeutung. Reise- und Kaufverhalten sowie politische Entscheidungen werden dadurch zunehmend beeinflusst.

Nicht zuletzt deshalb versuchen China und Russland auf den verschiedensten legalen und illegalen Wegen die europäischen Bürger für sich einzunehmen und mit positiven Informationen über ihr Land zu beeindrucken. Der kluge deutsche Patriot nimmt dies alles zur Kenntnis und unterstützt die Politik, die nach innen eine erfolgreiche Wirtschafts-, Umwelt-, Energie- und Sozialpolitik macht und es gleichzeitig schafft, von den internationalen Partnern als fair und vertrauenswürdig beurteilt zu werden. Dieses Nationen übergreifende Vertrauenskapital wird immer wichtiger.

Für die Europäer kommt eine weitere patriotische Komponente dazu: je staatsähnlicher die Erwartungen an die Europäische Union werden und je bedeutender die Entscheidungen der EU ausfallen, desto dringender stellt sich die Frage nach einem die nationale Ebene ergänzenden europäischen Patriotismus. Auch das Projekt Europa hat emotionelle Zuwendung verdient.

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