Die Welt braucht Europa

von Ingo Friedrich23.03.2017Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Europa muss den Mut haben, schwierige Entscheidungen zu treffen, auch wenn es »weh« tut. Dies bezieht sich gerade jetzt auf die schwierige Flüchtlingsfrage, aber auch auf alle Vorhaben, den Welthandel durch Protektionismus abzudrosseln und auf eine gemeinsame europäische Haltung zur Türkei eines unkalkulierbaren Staatspräsidenten Erdogan.

60 Jahre nach der feierlichen Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957 erleben wir einen zweiseitigen “Zangenangriff” auf den Bestand des europäischen Projektes: Von außen greifen wichtige Kräfte aus den USA (Trump-Berater Steve Bannon), aus England (das Brexit-Lager) und aus Rußland das 1957 entstandene gemeinsame Europa an, um es wieder in seine nationalen Bestandteile zu zerlegen. Von innen sind es die nationalistischen Parteien in den EU-Staaten, die alles daran setzen, die Nationalstaaten wieder als alleinige politische Souveränitätsebene zu installieren.

Wenn diese beiden Kräfte wirklich Erfolg hätten und Europa als politisches Projekt zerstören würden, wäre anschließend das Heulen und Zähneklappern bei allen Beteiligten groß, weil dann plötzlich sichtbar würde, welche immensen Stabilitätswirkungen von der heutigen EU ausgehen und welches wirtschaftliche und politische Chaos die Folge eines Auseinanderbrechens der EU wäre.

Wir Europäer und Deutsche sollten jetzt alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um das wahrscheinlich genialste Projekt unserer Geschichte, die friedliche Einigung eines ganzen Kontinents zu verteidigen und zukunftsfest zu machen. Wir brauchen eine neue emotionelle Unterstützung der europäischen Einigung und eine deutliche Stärkung der europäischen Zusammenarbeit. Ja wir sollten wieder lernen, unser gemeinsames Europa zu lieben. Vielleicht erst ein bisschen schüchtern, aber dann immer selbstverständlicher: Es ist einfach wunderbar, dass es dieses friedliche, die Menschenwürde achtendes und wirtschaftlich erfolgreiche Europa gibt.

Natürlich machen die Europäer nicht immer alles richtig aber wer macht das schon. Aber eine Welt ohne Europa, ohne seine Botschaft und ohne seine Werte wäre ärmer und kälter. Wo sonst leben die Menschen so friedlich, so offen und so bunt zusammen.

Auch im Interesse einer friedlicheren und stabileren Welt ist der Erfolg Europas unverzichtbar. Es dient den Menschen zuhause und der ganzen Welt, wenn wir auf unser einmaliges europäisches Projekt und auf das was wir in den letzten 60 Jahren erreicht haben, ein bisschen stolz sind.

Es ist kein Zufall, dass sich gerade jetzt eine neue Bürgerbewegung »pulse of Europe« gegründet hat, die genau diese emotionelle Unterstützung für Europa einfordert. Die Menschen spüren, dass destruktive Kräfte den Einsturz des europäischen Werkes herbeiführen möchten und sie wollen, dass genau dieses Projekt mit seinen Errungenschaften verteidigt und ausgebaut wird. Wir brauchen ein besseres und stärkeres Europa aber keinen Rückfall im die Kleinstaaterei des 19. und 20. Jahrhunderts.

Um Europa zu stärken, ist ein weiterer ziemlich schwieriger Lernprozess erforderlich: Wir müssen lernen und uns eingestehen, dass europäisches und nationales Gemeinwohl nicht immer und überall übereinstimmen können. So ist es offenbar unvermeidbar, dass ein europäischer Zentralbankchef Draghi aus europäischer Sicht manches anders entscheidet als es der deutsche Bundesbankchef tun würde. Diese Spannung ist schwierig, sie muss aber ausgehalten werden. Das gemeinsame europäische Gemeinwohl ist eben auch von Bedeutung insbesondere auf lange Sicht.

Diese »Lektion« mussten übrigens die Bayern nach der deutschen Reichsgründung des Jahres 1871 auch lernen. Insofern haben wir Deutschen diesen schwierigen Lernprozess (der Akzeptanz einer weiteren Souveränitätsebene) schon einmal erfolgreich »durchlitten«, während andere (stolze) Nationen wie Frankreich und Polen diesen Lernprozess zum ersten Mal durchmachen müssen.

Und last not least: Europa muss den Mut haben, schwierige Entscheidungen zu treffen, auch wenn es »weh« tut. Dies bezieht sich gerade jetzt auf die schwierige Flüchtlingsfrage, aber auch auf alle Vorhaben, den Welthandel durch Protektionismus abzudrosseln und auf eine gemeinsame europäische Haltung zur Türkei eines unkalkulierbaren Staatspräsidenten Erdogan.

Europa sollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen: Es hat bereits heute globalen Einfluss und hat die Pflicht diesen Einfluss auch im Sinne von Vernunft, Klugheit und Stabilität global auszuüben. Die anderen Großmächte wie China und Rußland, aber leider auch die derzeitige USA denken primär an die eigene Größe und die Ausdehnung des eignen Einflussgebiets. Die Welt braucht die europäische Stimme der Vernunft und die Europäer brauchen das Wissen, dass es eine europäische Stimme gibt, die stabilisierend fast im Sinne eines globalen Gemeinwohls helfen kann. In der Welt des 21. Jahrhunderts müssen die Europäer gemeinsam auftreten oder die anderen Großmächte werden über uns Europäer entscheiden. Nur ein gemeinsames Europa bietet die Chance einer Selbstbehauptung in der komplexen Welt der Zukunft. Ohne ein starkes Europa gibt es keine sichere Zukunft für uns und unsere Kinder.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Aus Rücksicht auf moslemische Kinder: Kein #Schweinefleisch und Gummibärchen

Zwei Leipziger Kitas haben aus Rücksicht auf moslemische Kinder #Schweinefleisch und Gummibärchen vom Speiseplan gestrichen. Einmal mehr überdrehen die Vertreter linker Political Correctness!

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu