Buona sera. Jorge Mario Bergoglio

Siggi Top

Sigmar Gabriels Verzicht auf die Kandidatur war richtig und zeugt von seiner Klasse. Dennoch wird die SPD 2017 hoffentlich jemand anderen ins Rennen schicken.

Sigmar Gabriel ist sicherlich eine der größten Begabungen, die die SPD vorzuweisen hat. Allemal in den Reihen des derzeitigen Führungspersonals.

Eine Tatsache, die dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten selbst durchaus bekannt sein dürfte. Multitalent und Generalist, der er ist, hat er sein intellektuelles Vermögen und auch seinen Fleiß als Umweltminister nachhaltig demonstriert. Auch seine politischen Feinde, selbst die im eigenen Lager, müssen attestieren: Gabriel wusste binnen kürzester Zeit, wovon er spricht und worüber er als wichtiger Fachminister sprechen sollte. Und immerhin gelang es ihm beim G8-Treffen in Heiligendamm, dem Klimaschutz eine gewichtige Rolle zu geben.

Kraftvoll, proper und präsent

Und auch als Parteichef hat der späte Vater brilliert. Eine Partei, die von stolzen 35 Prozent auf einen Wahlerfolg von bitteren 23 Prozent Stimmenanteil fällt, die muss man erst mal zusammenhalten. Woran Kurt Beck und Matthias Platzeck so schnell und kläglich gescheitert sind, meisterte Gabriel mit fast jungenhafter Leichtigkeit. Kraftvoll, proper und präsent hat er sich als political animal gezeigt, dem der Job nicht nur einiges an Befriedigung gibt, sondern offensichtlich sogar Spaß machen kann. Und vielleicht liegt genau hier das Problem.

Irgendwie wollen die Deutschen so etwas nicht. Es scheint, als müssten die Mundwinkel eines Politikers nach unten weisen, damit er oder sie dem Volke verbindlich und glaubwürdig erscheint. Anders ist es kaum zu erklären, dass sowohl Angela Merkel als auch Peer Steinbrück – bewiesenermaßen große Könner in Sachen Beweglichkeit – als gradlinig und unbeirrbar gelten. Und Gabriel gemeinhin aber immer noch als unberechenbarer Hochdruckcholeriker wahrgenommen wird.

Gabriel wusste, er hat keine Chance

So scheint es einfach ungeschickt, dass Gabriel sich dereinst zum Pop-Beauftragten der Schröder-SPD küren oder sich dann drollig neben dem noch viel drolligeren Knut im Berliner Zoo fotografieren ließ. Weil in Deutschland eben gilt: Schnaps ist Schnaps, und Politik kann keinen Spaß machen, wenn man sie ernsthaft betreibt.

Was heißt nun all das für das Theater um die Kandidatenkür? Sigmar Gabriel wusste von Anbeginn, dass er keinerlei Chancen auf den begehrten K-Job hat. Weder als Kandidat noch als tatsächlicher Kanzler. Natürlich nicht, weil er an seinen eigenen Fähigkeiten zweifelte. Sehr wohl aber, weil er lange genug im Geschäft ist, um zu wissen, dass man mit solch miesen Umfragewerten erst gar nicht antreten muss, und erst recht nicht, wenn die Gegnerin Angela Merkel heißt.

Wenn die WählerInnen nicht wollen, dann hilft auch das größte Talent nicht. Wer die Menschen nicht überzeugen kann, der Beste zu sein, dem hilft alle herausragende Begabung nichts. Nicht in diesem Geschäft, in dem es ja letztlich nur zwei Ziele gibt: erstens: gewählt zu werden; und zweitens: wiedergewählt zu werden.

Das wusste er. Und das wussten auch die beiden anderen Herren der Troika. Dass man der Öffentlichkeit nun so lange vorgaukelte, über Inhalte und nicht über Personen diskutieren zu wollen, ist allein der Tatsache geschuldet, dass Peer Steinbrück nicht wollte, dass zu viel Zeit zwischen Kandidatenkür und Wahlgang liegt. Weil ein schlecht bezahltes Wahlkämpfen vielleicht wenig attraktiv schien. Vor allem aber auch, weil ihm klar war, dass in einigen Giftschränken Toxisches lagert, das keine Bad Bank hätte aufnehmen wollen und das ihm und seiner Partei das Leben ordentlich schwer macht. Die Nebeneinkünfte, so wird gemunkelt, seien ja nur ein Anfang.

We shall see. Das Jahr ist lang und hat viele Sonntage, die brüllen nach Enthüllungsgeschichten in großen Lettern.

Das wusste der 53-jährige Gabriel also. Auch, dass Steinbrück zwar innerhalb der eigenen Partei das Gegenteil von beliebt ist. Aber ein Frank-Walter Steinmeier, der eine so heftige Wahlschlappe eingefahren hat wie bei der vergangenen Bundestagswahl, konnte kaum als ernsthaft siegeswilliger Kandidat ins Rennen geschickt werden. So fiel die Wahl zwangsläufig auf Peer Steinbrück, und Gabriel bleibt weiter nur der Vollblutpolitiker, der den Laden zusammenhalten muss.

2017 mit einer Frau an der Spitze

Das kann man durchaus bedauerlich finden. “Auch wenn der Parteichef sich mit seinen jüngsten Einlassungen zum Euro”: http://www.theeuropean.de/richard-schuetze/11833-sigmar-gabriels-bankenthesenalles andere als empfohlen hat, ist er im Regelfall ein Politiker, der kreativ ist und wirklich mit eigenen Vorstellungen mutig nach außen tritt. Anders als bei eben jenem Euro-Papier, das zum Schluss wirklich niemand mehr verstehen konnte, gelingt es ihm im Regelfall, klare Positionen zu entwickeln und damit kreativ an wirklich originellen und eigenen politischen Lösungsvorschlägen zu arbeiten.

Der Lohn für all seine Mühen und seine Solidarität könnte sein, dass er im Falle einer Großen Koalition noch einmal das Bundesumweltministerium bekommt. Wenn es schon keinen grünen Umweltminister gibt, wäre es nicht die schlechteste Lösung für Deutschland, wenn ein Mann wie Gabriel eines der wichtigsten Zukunftsressorts in seinen bewährten Händen halten würde. Für ihn selbst könnte es aber gut sein, dass er damit zum zweiten Mal seinen Gipfel erklommen hat, über den er offensichtlich nicht hinauskommt.

Denn es ist kaum vorstellbar, dass es ihm 2017 vergönnt sein wird, als SPD-Kanzlerkandidat ins Rennen geschickt zu werden. Dann dürfte zwar Frau Merkel ihren Zenit endgültig überschritten haben. Aber der SPD wird dann – hoffentlich – gar nichts anderes übrig bleiben, als mit einer Frau an der Spitze um den Einzug ins Kanzleramt zu kämpfen. Und hier gibt es ja eine Person, die, zumindest nach dem heutigen Stand, auch das besorgen kann, wofür Kandidaten gekürt werden: Mehrheiten. Ihr Name: Kraft, Hannelore Kraft.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Weißgerber, Leo Fischer, Martina Fietz.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

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