Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet. Mark Zuckerberg

Wollen und müssen

Viele heutige Überzeugungen bezüglich unseres Willens basieren auf einer Studie aus den früher 1990er-Jahren. Doch deren Erkenntnisse sind mit Bedacht zu zitieren, unterliegen sie doch diversen Einschränkungen. Dass es einen freien Willen gibt, bleibt da nur zu hoffen.

Freier Wille – dieser Begriff beschreibt die Befähigung, ohne innere und äußere Zwänge zwischen zwei oder mehr Alternativen entscheiden zu können. Die Frage, inwiefern es den freien Willen gibt, erregt die Gemüter verschiedenster Fachdisziplinen. Die bisherige Überzeugung, Herr der eigenen Entscheidungen zu sein, könnte neueren Forschungsergebnissen zufolge auf einer gestörten Wahrnehmung beruhen, ähnlich einer Erkenntnis, dass das Auto, welches man den Tag mühsam zu seinem Ziel gesteuert hat, die ganze Zeit auf Autopilot gelaufen ist. Damit ist unser erfolgreicher Lebensweg nicht unser eigener Verdienst, entstanden durch bewusste Entscheidungen in den richtigen Situationen, sondern vorgegeben durch genetische Konstellation und Erfahrungen. Solche Erkenntnis ist für zukünftiges Handeln fatal, denn wie viel Engagement kann man erbringen, wenn in der Zukunft liegende Entscheidungen schon heute determiniert sind?

60 Prozent der Entscheidungen konnten tatsächlich vorhergesagt werden

Für Neurowissenschaftler spricht vieles dafür, dass der freie Wille als solcher nicht existiert. Entscheidungen im Gehirn sind offensichtlich bereits getroffen oder zumindest initiiert, bevor man sich ihrer bewusst wird. Dafür spricht eine Studie von dem amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet aus den frühen 90er-Jahren wie auch aktuelle Forschungsergebnisse moderner bildgebender Verfahren. Bereits vor Aktivierung der motorischen Areale in der Gehirnrinde und damit einer Bewusstwerdung sind zunächst das sogenannte limbische System als Verarbeitungszentrum von Emotionen sowie andere untergeordnete Strukturen aktiv. Demzufolge konnten Entscheidungen der Probanden aufgrund charakteristischer Aktivierungsmuster im Gehirn vorhergesagt werden.

Heißt das damit, dass wir bei unseren eigenen Entscheidungen nicht selbst Regie führen?
Diese Studien hatten einen großen Einfluss auf die Fachliteratur wie auch die Laienpresse. Dennoch gibt es Limitationen: 1. Lediglich 60 Prozent der Entscheidungen konnten tatsächlich von den Forschern vorhergesagt werden, womit eine große Zahl unberechenbarer Entscheidungen bleibt. 2. Bei den Experimenten handelt es sich um spontane Entscheidungen für einfache motorische Bewegungen, was nicht gegen die Steuerung bereits initiierter komplexer Handlungen durch unser Bewusstsein in der Praxis spricht. 3. Entscheidungsfindung ist nur ein Ausdruck des freien Willens, Meinungsbildung ein anderer. 4. Unbewusste Handlungen stehen nicht notwendigerweise im Widerspruch zu einem freien Willen.

Keine eindeutige Antwort

Der freie Wille, so er existiert, würde sichtbar in unseren Einschätzungen, Entscheidungen und Handlungen. Die genetische Codierung, die uns zu einem kleinen (0,1 Prozent), aber dennoch relevanten Anteil von unseren Mitmenschen unterscheidet, nimmt Einfluss auf diese Handlungsweisen. Jede Form von Verhalten wie auch deren pathologische Abarten, so haben multiple neurowissenschaftliche Studien in den letzten Jahren gezeigt, entsteht jedoch aus einer komplexen Interaktion von genetischer Konstellation und exogenen Faktoren. Die Frage nach "Nature“ oder "Nurture“ kann daher keine eindeutige Antwort erwarten, vielmehr ist es wie so oft die Kombination dieser Faktoren, die den Menschen und sein Gebaren erklären. Inwiefern ein hoch komplexes mathematisches Modell in der Zukunft in der Lage ist, anhand dieser Informationen sämtliche Verhaltensweisen eines Menschen zu erklären, bleibt abzuwarten. Bis dahin bleibt die Hoffnung, dass darüber hinaus ein "freier Wille“ existiert.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Udo Di Fabio, Stephan Grätzel, Gerhard Roth.

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