Deutschland ist nicht Stalingrad, die CSU ist nicht die Wehrmacht, und die Einwanderer sind nicht die Rote Armee. Dieter Janecek

Asche auf unsere Häupter

Der Ausbruch eines Supervulkans lässt sich weder verhindern noch abschwächen. Die Zerstörung wäre verheerend – doch es gibt Hoffnung.

Supervulkane als Auslöser einer globalen Katastrophe haben momentan Hochkonjunktur. Die Apokalyptiker haben in einer Hinsicht recht: Die Wahrscheinlichkeit für einen solch massiven Vulkanausbruch ist sehr hoch. Dass wir eine solche Katastrophe noch erleben, ist jedoch äußerst unwahrscheinlich. Ein Ausbruch in den nächsten 100.000 Jahren ist deutlich realistischer als ein Ausbruch vor Ende des 21. Jahrhunderts. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit immer noch hundert- oder tausendmal größer als die Wahrscheinlichkeit eines Asteroideneinschlags.

Der Grad der Zerstörung ist bei beiden Katastrophenszenarien durchaus vergleichbar: Per Definition quellen beim Ausbruch eines Supervulkans innerhalb weniger Tage mindestens 500 Kubik­kilometer Magma an die Oberfläche – möglich wäre sogar die zwanzigfache Menge. Durch die Eruptionen werden gewaltige Aschewolken in die Atmosphäre geschleudert, Lavalawinen wälzen sich den Berg herunter und giftige Gase werden freigesetzt.

Das Schlimmste kommt erst noch

Die Folge eines solchen Ausbruchs ist der Kollaps eines gigantischen Kraterrings, der durchaus einen Durchmesser von 30 Kilometern haben kann. Ein Teil der Erdkruste sinkt dabei innerhalb weniger Stunden kilometertief in die Magmakammer. Gleichzeitig entweichen Magma, Asche und Gas mit enormem Druck. Dieser Prozess dauert so lange, bis sich die Kammer wieder verschließt. Im Umkreis von bis zu 50 Kilometern wird der Erdboden von einer dicken Schicht aus geschmolzenem Gestein, Asche und Geröll bedeckt – wie in Pompeji, nur viel größer.

Vor 640.000 Jahren hat der Kollaps eines solchen Kraters mit 70 Kilometern Länge und 40 Kilometern Breite im Yellowstone-Nationalpark in den USA ein Gebiet halb so groß wie die Niederlande in eine unbewohnbare Wüste aus dampfendem Gestein verwandelt. Ganz Nordamerika war von einer Ascheschicht bedeckt, deren Dicke im Radius von 500 Kilometer immer noch bei einem Meter liegen konnte und die selbst an der Ostküste noch millimeterdick vorhanden war. Durch den Regen ist die Asche in die Flüsse gespült worden und hat den Mississippi auf Monate oder Jahre hinaus verstopft. Schwefel und andere giftige Gase haben einen Großteil aller Säugetiere getötet.

Doch das Schlimmste kommt erst noch, denn die Eruption eines Supervulkans dauert mehrere Tage oder Wochen. Während dieser Zeit gelangen unablässig Asche und Schwefel in die Atmosphäre und werden von Jetstreams mit enormer Geschwindigkeit um die Erde verteilt. Gleichzeitig wird die Asche durch Zirkulation in der Erdatmosphäre bis an beide Pole befördert. Eruptionen wie der Ausbruch eines Vulkans auf Sumatra vor 74.000 Jahren sind daher eine globale Gefahr. Wir wissen, dass die Schwefelgase solcher Ausbrüche in der Vergangenheit bis nach Grönland und in die Antarktis gelangt sind. Der Ausbruch eines Supervulkans würde eine ganze Weltregion und die globale Wirtschaft also nachhaltig verändern.

Schon weit vor dem Ausbruch wären Vorzeichen erkennbar

Was können wir dagegen unternehmen? Der moderne Mensch hat noch nie mit den Folgen einer solchen Eruption von solchen Ausmaßen fertig werden müssen: Der Ausbruch eines Supervulkans wäre hundertmal heftiger als der berühmte Ausbruch des Krakatau 1883. Verhindern lässt sich eine solche Katastrophe nicht. Die gute Nachricht ist jedoch, dass ein Ausbruch selten ohne Vorwarnungen eintritt. Schon Jahrzehnte vor dem Ausbruch eines Supervulkans wären erste Anzeichen erkennbar: Die Erde würde sich über eine Distanz von vielen Kilometern hinweg heben und senken. Aus Spalten in der Erdkruste würden Gase entweichen und etwa für ein massives und ein für solche Katastrophen charakteristisches Baumsterben sorgen. Erdbeben würden auf Magmabewegungen im Untergrund hindeuten. Kleinere Eruptionen und Geysire würden das bevorstehende Drama ankündigen.

Mit heutiger Technik lassen sich Größe und Zustand von Magmakammern nicht präzise untersuchen. Wir können aber darauf hoffen, dass Seismografen in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickelt werden und es uns irgendwann einmal erlauben werden, genaue Echtzeitbilder oberflächennaher Magmakammern aufzunehmen – so ähnlich wie wir heute bereits Tomografie in der Medizin einsetzen.

Jetzt das Kleingedruckte: Wir können zwar vorhersagen, dass eine Eruption innerhalb weniger Jahre wahrscheinlich ist, doch der genaue Zeitpunkt lässt sich kaum bestimmen. Außerdem können wir nicht wissen, ob wir mit einem gigantischen Ausbruch zu rechnen haben oder mit einer Serie kleinerer Eruptionen und wie flüssig das austretende Magma sein wird. Für die Politik und für die Prävention von Katastrophen sind genau das jedoch die kritischen Fragen. Wann sollte man Anwohner auffordern, ihre Häuser zu verlassen? Wie lange sollte eine Evakuierung dauern? Wer kommt für die Kosten auf, wenn doch kein Ausbruch stattfindet?

Falsche Szenarien vom Untergang

Eine Alternative könnte sein, die Wirkung eines Supervulkanausbruchs abzuschwächen. Momentan ist das allerdings illusorisch: Wir können ja nicht einmal mit Tornados oder Taifunen umgehen, und wir wissen noch viel zu wenig über die Prozesse, die vor und während eines Ausbruchs tief unter der Erdoberfläche stattfinden.

Selbst im 21. Jahrhundert stützt sich die Wissenschaft oftmals auf Vermutungen: Wie lange dauert es beispielsweise, bis sich genügend Magma in einer bodennahen Kammer gesammelt hat? Die Schätzungen reichen von 100 bis einer Million Jahre. Wie viel Magma bleibt auch nach dem Ausbruch in der Kammer zurück? Manche Wissenschaftler glauben, dass lediglich zehn Prozent aus dem Vulkan austreten, andere rechnen mit 100 Prozent. Wir wissen auch nicht genau, warum Magma manchmal explosiv an die Oberfläche tritt und manchmal über einen Zeitraum von 100 oder 1.000 Jahren langsam durch Spalten in der Erdkruste nach oben drückt.

Die gute Nachricht: Schwefeldioxid wird an der Luft zu Schwefelsäure, die als Aerosol mehrere Jahre in der Atomsphäre zirkulieren kann und zum Absinken der Temperatur beiträgt – ließe sich vielleicht sogar der Klimawandel durch Schwefelsäure bekämpfen? Doch aus Eiskernbohrungen und durch mathematische Simulationen wissen wir, dass dieser vulkanische Winter normalerweise nur einige Jahre oder ein Jahrzehnt andauert. Wenn Asche und Gase sich absetzen, erwärmt sich auch das Klima wieder. Teilweise wird es sogar wärmer als vor dem Ausbruch. Untergangsszenarien, die eine neue Eiszeit oder das Ende der menschlichen Evolution heraufbeschwören, sind also falsch.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marc Lipsitch, David Quammen, Bill McGuire.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

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